Eibensang

Die Nacht und ihr Tag

Aus dem Lyrik-Soloalbum Diener der Ekstase (2006)

Blut Fuck Virus in the age of Aids:
Alle Ampeln stehn auf Rot
Rot wie die Liebe – Kitsch lass nach!
Oh la la… La-la-Lambada, leih mir’n Latex,
Mach’n dicken Mambo.
Depper dein’n Disco, tukker tein’n Tekkno!

Tanzen ist Leben und Leben ist Lieben
Und Lieben bringt heutzutage den Tod
Doch was zum Teufel soll ich tun als leben
Lieben und zum Tam Tam tanzen bis der Tod mich holt

Vor Geschlechtern sei gewarnt: veni vidi Virus
Veni vidi Virus, viwiddewiddewitt, fall um…!
Gloria Viktoria: viktorianisches puritanisches
Pornomanisches peniswahnisches Zeitalter
Futter für die Christen – come back Paranoia
Liebe macht Lust und Lust macht Sex
Und alles geht zum Teufel in der Ära Aids?
Satan Sex in Ära Aids…?

Nein, nein – halt ein! Halt ein, im Namen der Nacht!
Denn Lust ist das Feuer, die Flamme, der Zündstoff,
Der Leute lebendig macht: Hysteria, Vulgaria –
Alle Sehnsucht dreht sich um sie.
Besessenheit sei kurz erklärt an folgendem Beispiel…

Szenenwechsel…

Auf einer Feier. Ein Tisch, drumrum Personen,
Darunter eine auffallend nachtfarben gekleidete Frau.

Und sie schüttelte sich und ihr Lachen flog
Über die Männer weg – die duckten sich
Ein Stuhl flog in die Ecke – sie sprang auf
Und es war, wie wenn ein Vulkan bebte
(Von ferne klirrte ein Cocktail)

Und sie säte Blitze und erntete Augen
Stob an allen vorbei, dass es Sterne staubte
Sank zu Boden, sprang, floss den Takt entlang
Und ihre Schatten malten Dschungel an die nackte Wand

So voll vom Feuer überhörte sie die Rufe
Und ihr Haar wurde Schweif, ihre Füße wurden Hufe
Und sie stampfte den Sodom und sie tanzte den Gomorrha
Sie war Nässe in Hitze, gab sich ganz Pandora
Rieb sich an der Luft, hob ab mit Macht
Ließ sich Schwingen wachsen im Namen der Nacht

Und die Membran fauchte und die Bassbox boxte
Jemand zog den Stecker: „Ey, wat soll’n dat Jehopse?“
Ich klopfte den Takt mit, bis ich ihn verlor
Sie tanzte taktlos weiter, und sie sang mir vor:

„Dies ist die Nacht und dies der Tag!
Lust war immer schon Gefahr
Gestern für Seele, heute für Körper,
Morgen für beides? Ich sag ja!“

Und sie nahm sich einen Schluck aus meiner Flöte und lachte:

„Ich bin die Nacht und du der Tag!
Komm, wir grüßen die Gefahr: Auge in Auge.
Glaubst du, ich glaube an ein Entkommen?
Vielleicht ja!“

Da versuchte sich ein stadtbekannter Sozialpädagoge einzumischen. Er hatte, glaube ich, schon einiges intus und war außerdem braun-beiger Bartträger, also ließ ich ihn – trotz oder wegen seiner unverdient hübschen Freundin – erst gar nicht zu Wort kommen, sondern tranquilize’te ihn mit folgenden Trostworten:

„Ich Freund! Capito, Capitano? Du verstehen, Capitano? Ich nix dir wollen treten auf altmodisches Schlips – nur machen Lächeln in Gesicht und die Seele von die Signorina! Wow!

Denn Lust ist ein Messer – ohne Knauf
Kommt’s geflogen, reißt dich auf
Bohrt dir Löcher in die Brust
Die du mit Leuten füllen musst,
Die du mit Menschen füllen musst.“

Und mit heiserem Zischlaut flüsterte sie aus ihrer persiflierten Tango- oder Flamencopose heraus:

„Lust ist ein Messer – ohne Knauf
Kommt’s geflogen, spießt dich auf
Schneidet dir aus deiner Brust
Was du dir wieder holen musst,
Bei anderen wieder holen musst…!“

Und der Sozialpädagoge, sitzengelassen, murmelte bitter:
„Der ganze Fluch des Menschlichseins ist
Teilzuhaben, Teil zu sein: eines Ganzen, das nie passt!
Doch das dir fehlt, wenn du’s nicht hast.“

„Liebe ist unfair – oder eine Lüge!“
versuchte ich ihn abermals zu trösten.

Doch die Nacht stob davon, keuchte eine weitere Runde für Hüften, Hände, Füße und Phantasie, bis sie zurückkehrte zum Rande des neuen Tages.

Musik & Text © Duke Meyer 1989

CD „Diener der Ekstase“ (Mai 2006)

Hystéria oder Aufführung auf Deutsch 1989/90
Teuto Talk 1990/92
tot? sexy 1993
Elecktrohonig Schweinepriester 1994-1996
Diener der Ekstase 1997-2001

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