Eibensang

Zur Zeit

Die letzten Nächte zwischen den Jahren – Auszeit für mich, da zwischen dem zeremoniellen Einläuten der Wintersonnenwende und dem Abklingen dieses mir mindestens 12nächtigen Rituals keine „Zeit vergeht“. Wahrscheinlich „vergeht“ sie auch sonst nicht – man vergisst sie bloß, weil man ständig mit irgendwas Scheißwichtigem (und manchmal auch nur Scheiß) beschäftigt ist: derart, dass einen mindestens die Uhr überrascht oder gar piesackt.

Das komprimierte – und nach Idealvorgabe pausenlose – Auffüllen serieller Zeiteinheiten mit quantitativen Großtaten der Alltagsroutine heißt in Großspur-Deutschland „Effizienz“ und in einem kleineren, ebenfalls fast deutschsprachigen Land südlich davon „G’schaftlhuberei“. Der gut zementierte Glaube an ihre jeweilige Sinnhaftig- oder wenigstens Ausweglosigkeit – unerbittlich bewacht von omnipräsenten „Umständen“ (Abbildung fehlt, sie sind aber eh austauschbar) – versorgt zumindest Leib- und Seelenklempner aller Art mit ausreichender Kundschaft und füllt das gesellschaftliche Leben mit Begriffsphänomenen wie „Arbeit“ (wer keine hat, macht sich welche), „Urlaub“ (wer sich dabei ernstlich erholt, ist wahrscheinlich kein guter Konsument), „Freizeit“ (älteres Wort für „Job Standby“) und (weil früher alles besser war, vor allem für die ganze Familie) „Mittelaltermarkt“.

Die Neujahrsnacht war neblig in Wien; in trautem Kreis auf einer Donaubrücke herumhüpfend hörte ich vom Feuerwerk mehr als man sah. Als ungewöhnlich hell empfand ich die Rauhnächte heuer – vielleicht lag’s daran, dass wir Schnee zu Yule hatten, oben in Deutschland: und sich der mittlerweile ungewohnte Anblick weiß bepuderter Landschaftsstille seither in meinem Gemüt spiegelte… denn das Tageslicht trübt sich ja nichtsdestotrotz bereits frühnachmittags derart ein, dass man meint, die Sonne sei inzwischen auch nur noch eine dieser unlustigen Energiesparlampen.

Jetzt ist also 2010: das Jahr, von dem die Erwachsenen, als ich noch klein war, spekulativen Ernstes dachten, wir würden es womöglich unter urbanen Käseglocken auf dem Mond verbringen. Trotz solchen Expansionsplänen misstraute man damals der Zukunft: Viele fürchteten einen lückenlos überwachten Alltag im freudlosen Dienst elektronischer Gerätschaften – in den 60er Jahren konnte sich halt kaum jemand vorstellen, wie schön das ist, und wie bunt es blinkt. Auch ich wollte Raumfahrer werden.

Stattdessen wurde ich Zeitreisender. Ich besuchte die jüngere und die ältere Steinzeit (die mich beide sehr nachdenklich machten), das mittlere Mesozoikum und, da ich dort nicht bleiben konnte (allein unter den Sauriern des Jura), die merkwürdigsten zeitgenössischen Menschengemüter. Ich stellte fest, dass in einem jeden Gehirn die Zukunft ungefähr die gleiche Funktion und Wirkung hat wie die berühmte Fata Morgana in der Wüste -während die Vergangenheit weitgehend vernebelt wird von unseren Ansichten darüber. Gemeinhin unterschätzt: die Gegenwart. Vornehmliches Fliehen aus derselben überlässt die Macht und Vielfalt ihrer Möglichkeiten den Phantasieloseren.

Zuletzt ein Wort aus Kindermund: „Wie sind die Leute eigentlich ins Internet gekommen, als es noch keine Computer gab?“

Naja: Wir haben uns hingelegt, die Augen geschlossen, und einer musste die ganze Zeit über trommeln wie nicht gescheit. War etwas mühsam, aber ging schon auch. Wir hatten ja sonst nix.

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