Eibensang

Zum Mauerfall

2012 geht die Welt unter. Aber nicht meine. Ich bin weder Maya noch Emmerich. Ich trage einen neuen Armreif, den schenkte mir eine Freundin meiner Frau zur Hochzeit. Meine Gitarre und mein Netbook sind repariert. Ich habe einen kleinen Job in Wien und unstillbar große Träume. Ende November singe ich im Knast Stuttgart-Stammheim. Leider noch nicht das schöne neue Lied Schwanenritter: Das ist erst in Arbeit. Meine Liebe lebt. Mein Vater ist tot. Ich schrieb ihm einen Nachruf: für meine wirklichen Schwestern und Brüder. Ich bin ein glücklicher Mann. Aber die Wut brennt, und das Herz. Viele Freunde sind fern grad, aber ich spüre sie. Mein Roman – der erste Abschnitt – ist fast fertig: vom Manuskript her. Viele Erinnerungen habe ich – aber sie quälen gerade nicht. Meine Mutter ist eine Greisin, die großen Götter wollen es ihr leichter machen: Sie nehmen ihr das Gedächtnis, damit sie nicht so schwer zu tragen hat auf ihre alten Tage.

Ich mache Aufnahmen im Tonstudio – und nutzte heute die Gelegenheit, einen alten Dämon zu entlarven: jenen, der mir immer einflüsterte, meine Bemühungen seien – ganz egal, was ich anstelle und wie – grundsätzlich barbarisch, hoffnungslos, lächerlich. Welch erbärmlicher Lügner! Ich entmachte ihn: im Namen meines verstorbenen Vaters, meines neuen Ahns. Denn ich bin mit mehr Liebe, Talenten und wilden Blumen gesegnet als alle meine Vorfahren: Von allem bekomme ich das Beste. Endlich erkenne ich das! Nur meine Phantasie setzt den Rahmen: Braucht die welche? Ha! Ich führe die Ahnenreihe jetzt, ich habe den Kurs geändert, was nötig war im Namen derer, die ein Grab in den Lüften bekamen, da lag man nicht eng… Ich wurzele in den Voids, den Löchern und Abgründen, die ihre großdeutschen Mörder mir als kleindeutsche Heimat hinterließen, die dadurch keine mehr war: weshalb ich unablässig von ihr träume. Es geht nicht um klein oder groß. Es geht um Courage. Es tut mir weh, kein deutsches Wort dafür zu haben. Es geht auch um Stolz. Keinen deutschen Grund dafür zu finden, hinterlässt Sehnsucht. Ich zaubere in der einzigen Sprache, in der ich singen kann. Und sie ist schöner, als ihr denkt.

Es ist nie zu spät, eine gute Kindheit gehabt zu haben: Erinnerungen sind wankelmütiger oder jedenfalls trügerischer (gewertet!) als man meint. Wir Menschen sind Wahrnehmer. Unser Verstand taugt nicht zur Welterkenntnis, sondern nur zum Kofferpacken: zum profanen Überleben haben wir ihn geerbt – allein dazu ist er nützlich. Wenn wir (darüberhinaus etwas) erkennen wollen, müssen wir andere Sinne bemühen. Schaut ins All, Leute. Nachts über den Dörfern ist der Himmel schwarz. Die zahllosen Lichtpunkte aber, die das wolkenlose Firmament zu einem Erlebnis machen, sind ein Blick in die Vergangenheit des Universums. Die Gegenwart ist exklusiv: Nur auf Midgard vergeht Zeit, nur hier ist sie uns gegeben – und immer genau jetzt. Es gibt keine Grenzen außer denen im Kopf. Die mögen dramatisch sein: Wir haben sie uns selber hochgezogen oder hochziehen lassen… beim Aufwachsen. Aber es gibt keine Macht in dieser Welt, die uns zwingt, auf ewig diese eigenen verdammten Mauern anzubeten und an ihnen herumzuklagen. Noch während wir jammernd im Staub knien, wächst oben auf dem Sims eine wilde Blume. Wie lange willst du die noch übersehen? Das Leben ist kurz.

Pflück die Blume, und die Mauer fällt ein. Beides sind Illusionen, aber nur die erste ist nützlich – denn sie entmachtet die zweite. Das Ergebnis ist Befreiung, und das ist der Sinn von Kunst. Allein daran lässt sie sich messen. Hier stehe ich mit leeren Händen: machtvoll wie nie zuvor. Mein Kopf ist das Werkzeug des Herzens – und dies ist das Werkzeug von Göttern. Es ist nichts Besonderes: Jede und jeder kann das. Aber es ist wichtig. Ich nehme eine Gitarre, oder einen Stift oder ein Netbook oder alles zusammen: immer mit Mikro- oder Megafon, klar. Andere nehmen das Ihre: Äxte oder Verbandsmull oder Hubschrauber oder was weiß ich.
Mit der Mauer fallen die Blumen. Das Feld ist freier, als man dachte. Du hast die entsetzliche Freiheit, Blumen zu säen oder Steine zu türmen. Beides neu – oder auch beides derselbe alte Scheiß wie zuvor. Was tust du? Es gibt eine schlechte und eine gute Nachricht – ironischerweise sind sie identisch. Wir sind verantwortlich dafür, was wir säen und bauen. Ich reiße jetzt meine Mauern ein. Im Namen des Windes. Und all der Blumen.
Hört meine Lieder. Wir sind die Tropfen aus dem Meer. Wir fallen von den Wolkenrändern. Du Wirklichkeit – ja da schau her: Ich bin gekommen, dich zu ändern.

2 Reaktionen zu “Zum Mauerfall”

  1. Anu

    Deftig heftig – möge Wind in Deinen Segeln sein 😉

  2. Nachtfalke

    Wie wahr wie wahr… Grenzen setzt nur der Kopf. Das Herz brennt, und sogar der Körper kennt keine Grenzen…

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