Eibensang

Zum Prosit der Gehässigkeit

Deutschland im Herbst 2014. Was haben ein landesweiter Lokführerstreik, ein Kölner Rassistenaufmarsch und eine terminlich ausgesprochen denkwürdig platzierte Demonstration gegen ein demokratisch gewähltes Landesparlament gemeinsam? Sie spiegeln Befindlichkeiten und verweisen – aus jeglicher Perspektive – auf Zustände. Auch auf Entwicklungen.

Zum Höhepunkt des Bahnstreiks fuhr ich mittags von Hilsbach bei Sinsheim (Elsenz) über Heidelberg nach Frankfurt/Main und am Abend zurück: wie immer mit öffentlichen Verkehrsmitteln (hab keinen Führerschein, besaß nie einen). An jenem Tag benutzte ich eine kommunale Buslinie, eine S-Bahn und einen Fernbus – und für die Rückreise das Gleiche mit einer S-Bahn mehr. (Okay: Retour statt Omnibus ein Taxi-„Rufbus“ zum Öffi-Tarif, für die letzten 10 Kilometer – aber das war tageszeittypisch und hatte mit dem Streik nichts zu tun.) Ich brauchte für die Rückfahrt ein paar Stunden länger, als das bei normalem Bahnbetrieb der Fall gewesen wäre (was auch an verstopften Straßen in Frankfurt lag, aufgrund eines Fußballspiels, wie es hieß), aber kam problemlos hin und zurück. Finanziell war es Jacke wie Hose – ungefähr. Summasummarum: Weltuntergang fühlt sich, meine ich, anders an. Hatte schon welche. Anderes Thema!

Für den Streik der Lokführergewerkschaft und ihrem zusätzlichen Begehr, künftig auch Bahnbegleiter zu vertreten, hatte ich schnell Verständnis: Als Bahn-Vielfahrer interessierten mich Hintergründe und Details, ich machte mich kundig.
Nicht mehr verstanden habe ich das Bashing der Medien – allen voran: Bild-„Zeitung“ und Focus –, deren Berichte jeglicher Sachlichkeit entbehrten. Das Wort Hetze scheint mir angebracht. Aufrufe bürgerlicher Printmedien, dem Gewerkschaftsvertreter die Meinung zu geigen, über Veröffentlichung seiner Telefonnummer, Ablichtung seines Wohnhauses: In welcher Art Republik leben wir hier bitte?

Im Lauf meines Lebens habe ich mich gelegentlich an Demonstrationen beteiligt. In die ärgste geriet ich als noch Jugendlicher hinein: Frankfurt 1981, das „Hüttendorf“ gegen den Flughafenausbau war gerade geräumt worden, in der City herrschte eine ganze Nacht lang Straßenkampf um die „Startbahn West“; als ich hineinstolperte, war er längst verloren. Alle späteren Demos, an denen ich teilnahm, verliefen friedlicher. 2007 staunte ich, wie im Anschluss an eine Anti-Nazi-Demo in Bocholt aus einem einsamen faulen Ei, das ich als Augenzeuge in ein Gebüsch fliegen sah, eine „gerade noch verhinderte Gewalteskalation“ erfaselt wurde: von Regionalzeitungen. Die Bocholter Demo war insofern typisch für viele andere, als das Polizeiaufgebot an Zahl und Wucht die der Demonstrierenden – der Handvoll anwesender Nazis sowieso – um ein Vielfaches übertraf. Ergo: Wo demonstriert wird, ist mehr Polizei als irgendwer anderes. Normalerweise!

Vom kürzlichen Krawall in Köln habe ich nur gelesen. Staunte allerdings Bauklötze, wie wenig Polizei – von Strategie ganz zu schwelgen – aufgeboten wurde gegen viertausend Leute, die blanken Hass artikulierten: und offenbar ziemlich ungehindert austoben konnten. Sie haben sich das Wort „Salafisten“ gemerkt und ihre „Bewegung“ danach benannt: „Dagegen“ sind sie. Waren Salafisten unter den Journalisten, Passanten, Gegendemonstranten? Eher unwahrscheinlich: Nichts deutet daraufhin. Belästigungen bis hin zu regelrechtem Terrorisieren ebenjener wurden in den Medien ganz beiläufig erwähnt. Wie ein Verkehrsbericht über Staus oder sowas. Höhere Gewalt, wa. Ich stellte mir unwillkürlich vor, wie es mir womöglich ergangen wäre, hätte ich an jenem Tag einen Zug nach, von oder durch Köln nehmen müssen. Da ich häufig mit der Bahn fahre, sind mir Fußballfans – auch Hooligans – durchaus vertraut. Sie sind laut, mitunter lästig – aber ich habe keine Angst vor ihnen: Warum sollten die mir ans Leder wollen? Ich lasse sie in Ruhe und sie mich. Sie saufen und gröhlen und ich tippe meine Texte, und wenn ich aussteige, lassen sie, saufend und singend, mich ebenso durch wie alle anderen. Ich bin Rocksänger: auch gern laut, und es gibt Gelegenheiten, bei denen ich selber trinke und dröhne, manchmal sogar singe – wenngleich nicht im Zug, unterwegs in der Öffentlichkeit. Und wer weiß – vielleicht verfassen Hooligans außerhalb dieser ja womöglich poetische Texte? Egal.

Die Krawalleros, die sich zu Tausenden trafen in Köln, um ihren Hass herauszukotzen, sind offensichtlich Rassisten. Die Medien reden es klein: Sie klammern sich an den randalegeilen Hooligan, als wäre er die Mutter Maria der schlechten Ausrede. Was haben wir gelernt aus dem NSU-Fiasko, dem zehn Jahre lang ungehinderten Mordgang eines „Untergrunds“, zu dem jetzt, bei der gerichtlichen Aufarbeitung in München, niemand gehört haben und an den sich, natürlich, weder Freundes-Spack noch Unterstützerszene-Sock erinnern will? Entgegen allen Sonntagsbeteuerungen und Scheinempörungen: nichts.

Überhaupt, der NSU. Geschredderte Akten, verhinderte Aufklärung, hintertriebene Verfolgung und standardmäßiges Finanzieren erklärter Menschenfeinde: Der Verfassungsschutz hat sich als Fall herausgestellt für einen Verfassungsschutz, den wir bräuchten, aber nicht haben. Der, den wir haben, tut das Gegenteil von dem, was er soll. Juckt das irgendwen? Es wird behandelt wie ein Feuerwehrbericht vom Land: Katze vom Baum gerettet oder eben nicht. Nazis, Rassisten, Mörder, Totschläger? Seit zehn – nein: schon 20, 30, 40 – Jahren alles immer nur „Einzeltäter“. Dumme Jungs & Mädels halt, und im Zweifelsfall waren halt welche besoffen, wa. Derart mildernde Umstände gibt’s im Straßenverkehr nicht. Aber bei Mord und Totschlag. Zumindest, wenn die Opfer keine deutschen Bankiers, sondern türkischstämmige oder griechische Kleinunternehmer sind – oder Leute, die aussehen, als könnten sie vielleicht aus südlichen Ländern stammen. Und womöglich hier Asyl beantragen. Asylanten – das sind diese skrupellosen Großverdiener, die für die massenhafte Abschaffung von Arbeitsplätzen in Deutschland Millionen Euro auf ihr Privatkonto bekommen, nicht wahr? Oder hab ich da irgendwas verwechselt?

Ich bin in der BRD geboren und dort 1977 volljährig geworden. Undenkbar, dass während meiner Jugendjahre irgendein westdeutscher Bombenbastler unverfolgt geblieben wäre. Ich selber stand als 17jähriger mit den Händen zur Wand, als Polizei mit Maschinenpistolen im Anschlag den Übungskeller meiner Teenieband stürmte: „Keine Bewegung!“ Terrorverdacht. Sie fanden Gitarren und Kaugummis. Die Konterfeis der RAF-TerroristInnen hingen an jeder Straßenecke, auf jedem Postamt: Du kanntest sie alle namentlich, ob du dich dafür interessiertest oder nicht.

Bereits wer sich systemkritisch äußerte oder so aussah, galt als potentieller „Anhänger einer terroristischen Vereinigung“. Justiz und Polizei witterten überall „Sympathisanten“. In den Medien war von einem „Sumpf“ die Rede. Politiker änderten Gesetze deswegen. Bürgerrechte wurden beschnitten. Mitglieder kommunistischer Parteien flogen aus dem Staatsdienst. (Auch das war schon das Werk der SPD: noch unter Willy Brandt.) Zeitung, Radio und Fernsehen schürten Angst, was das Zeug hielt. Wegen eines Grüppchens versprengter (und ungeachtet ihres hochintellektuellen Bekenner-Geschwurbels reichlich planloser) Gewalttäter, die es auf Symbolträger aus der Wirtschaft abgesehen hatten, beschworen Bild-„Zeitung“ & Co den Untergang des Abendlandes. Als jugendlicher Langhaariger bekam ich auf der Straße noch Sprüche zu hören wie „Euch sollte man alle vergasen!“ Nicht von bekennenden Nazis (die waren noch selten), sondern von biederen Bürgern (die gab es noch häufig). So erlebte ich die „bunten 70er“…

Zwanzig Jahre später – die Reste linksextremer Kräfte bewegten da höchstens noch engrotierende Heißluft-Debatten in Kleinstzirkeln – waren im „wiedervereinigten“ Deutschland Nazis auf dem Vormarsch: nicht im Parlament, aber umso mehr auf den Straßen, in Gassen, Kneipen und Winkeln… bald auf ganzen Festivals. Im Westen hieß es, so sei halt der Osten. Vordem hatte es geheißen, Nazis gäbe es nur ganz wenige, wenn überhaupt. Ihre zunehmende Verbreitung und Vernetzung, im Westen schon lang vor dem Mauerfall beobachtbar, wurde von Politik, Medien, Justiz und Polizei bis zur Selbstverleugnung ignoriert. Nach der offenen Belagerung von Asylantenunterkünften und deren Anzünden durch ausländerfeindlichen Mob knickte die Politik ein und befeuerte den geschürten Volkshass durch Anschreddern des Grundgesetzes. Ich kaufte mir damals eine Zeitung am Kiosk. „Musste es erst soweit kommen, dass die Politiker endlich was machen!“ lästerte die Ladenbesitzerin und meinte die Brandanschläge auf Hilflose ebenso wie die faktische Abschaffung des Asylrechts. Sie hielt den rechtsradikalen Terror, der im entwurzelten Osten halbe Regionen zu dominieren und ganze Dörfer zu erobern begann, für eine Art Notwehr der Bevölkerung. Gegen Leute aus anderen Ländern, die vor Verfolgung oder anderer Not – oft unter Lebensgefahr – nach Deutschland flohen. Dort begann es gerade schwieriger zu werden, mit eigenem Einkommen auskommen zu können. Schuld daran seien aber nicht Großverdiener, Spekulanten und Manager, deren Boni umso höher ausfielen, desto mehr Arbeitslose sie produzierten, sondern hilflose Menschen, die gar nichts haben – vor allem keine Lobby, die ihnen Gesetze zurechtschneidern lässt, und keine Berichterstattung, die um Verständnis wirbt, geschweige denn Zusammenhänge kenntlich macht.

Im Gegenteil: Vor allem gegen Habenichtse und Minderheiten wird gehetzt. Die neoliberale „Agenda“ des Konzernkanzlers Schröder (SPD) verschärfte (ein weiteres Jahrzehnt später) die Lage entscheidend. Hartz IV schuf eine ausgrenzbare Unterschicht Verfemter – als stehende Drohung für alle Angehörigen der erodierenden Mittelschicht, dorthin abzustürzen: ins angebliche Schmarotzertum angeblich Arbeitsscheuer, die sich laut „Bild“ ein schönes Leben auf Florida machen auf deine Kosten, du braver Depp, und morgens deinen Kiddies Crack am Straßenrand verkaufen, oder so ähnlich. Die Rechnung ging auf. Nicht Firmenversenker, Arbeitsvernichter und schließlich sogar auf Steuerzahlerkosten sanierte Räuberbanken gelten als „asozial“, sondern Habenichtse, Flüchtlinge, Joblose und Bedürftige aller Art. Im Zweifelsfall Leute mit Akzent oder solche, die aussehen, als ob sie vielleicht einen Akzent haben könnten, der keinem deutschen Dialekt entspricht (und falls sie doch originär berlinern, fränkeln, schwäbeln oder sächseln, kriegen sie gefragt, wo sie oder wenigstens ihre Eltern „eigentlich“ her seien. Bottrop gilt nicht. Es muss der Bosporus sein oder Afrika, und wenn sie zehnmal in Castrop-Rauxel geboren sind… Denn: die Haare! Oder: die Haut! Muss doch! Im Zweifelsfall gucken sie vielleicht nur verdächtig: im Auge des argwöhnischen Betrachters).

Spätestens da, wo Unterschiede im Aussehen verfließen, wird offensichtlich, dass Rassismus immer auf blanke Willkür hinausläuft: Er hat keine Argumente. Sie zerrinnen unter der Tatsache, dass Menschen – wie immer sie aussehen mögen, woher sie kommen und für was sie auch schwärmen – von einer Art sind, der menschlichen nämlich. Wissenschaftlich längst hinreichend belegt, sollte ohnedies bekannt sein, dass der beste Genpool ein gut gemischter ist – und Mutter Natur eh nur „artenrein“ vermischen mag und kann: Es gibt keine Hirschbären oder Schölfe (Schafswölfe), weder Eifanten noch Eledechsen. Rassisten kämpfen für ein ebenso heilloses wie unhaltbares Konstrukt, das offensichtlich tief verankerte Ängste an Feindbildern abreagiert, von denen es sich bedroht wähnt: Was Wunder – es hat keine anderen Wurzeln als Hass. Die Geschichte, allen voran die deutsche, sollte es bewiesen haben – deswegen quält sie die Erben der Täter so: Das Genöle, dass damit (gemeint: die Erinnerung: als Voraussetzung für Konsequenzen) „endlich mal Schluss“ sein müsse, begann schon bald nach dem Krieg.

Der 9. November ist hierzulande schon öfter aufgefallen: mit höchst unterschiedlichen Ereignissen. 1989 brachten aufgebrachte Bürgerinnen in beharrlichen Demonstrationen die DDR zu Fall – einen deutschen Staat, der seine Bevölkerung 28 Jahre lang eingesperrt, gegängelt, bespitzelt und kurz gehalten hatte. 1938 liefen Rassisten in einem „großdeutschen Reich“ gezielt Amok, schlugen ihren Nachbarn die Scheiben ein und die Leute dahinter zusammen, zu Krüppeln oder gleich tot: wie es sich gerade ergab. Die einen fühlten sich als Deutsche, die anderen auch. Aber die einen waren Nazis, die anderen Juden. Es war nicht das erste Pogrom, nicht das erste Massaker an jüdischen Teilen der Bevölkerung gewesen: Diese unheile Tradition reicht bis ins Mittelalter zurück. Die Christen jener Zeit bezichtigten Juden als „Christusmörder“, verdächtigten sie, christliche „Kinder zu opfern“ – und schlossen die Andersgläubigen vom öffentlichen Leben aus. Den Juden blieben nur wenige Berufe, darunter der – in der Christenheit einst aus religiösen Gründen verfemte – Geldhandel. Perpetuum mobile des Hasses: Erst zwingt man Leute, über Zinsgeschäfte ihr Brot zu verdienen, dann lastet man ihnen genau das an. DAS ist die Wurzel der – heute plötzlich so gern beschworenen – „christlich-jüdischen Tradition“ des „Abendlandes“. Millionen Rauchsäulen drehen sich angehörs dieses Zynismus in ihren vergessenen Luftgräbern. Aller Tage Abend war für sie 1942 bis 1945.

Es ist und bleibt beschämend. Das Loch will nicht zuwachsen, die Wunde nicht vernarben: bespuckt und beschmutzt, wie sie wird. Der Holocaust ist eine Amputation, die nicht verheilen kann, solange die Hand, die sie ausführte, die Axt kleinreden lässt oder gar verleugnen. Sollte das Deutsche wirklich untergehen dereinst: dann genau aus diesem Hintergrunde. Mir, zum Donner, reichte es, wenn nur die Sprache erhalten bliebe. Von wem auch immer konserviert und, vielleicht sogar, gepflegt. Oder dereinst wieder ausgegraben…! Ich bin einer aus der Mischpoke, ich kenne das Schlamassel. Ich vermisse, was fehlt. Was soll jetzt aus Deutschland werden – ohne den jüdischen Geist, Witz und… das Eingeständnis, seiner zu bedürfen? Ob wir es wiederbeleben können und dürfen – oder nicht mehr. Bücher und Filme. Sonst habe ich nichts. Persönlich kenne ich eine einzige Jüdin – und die wohnt in England.

Was dieser Tage auf Straßen, in Talkshows, Facebook- und sonstigen Seiten und (längst nicht mehr nur) an Stammtischen gegrölt und gegeifert wird, sägt in meinen Ohren und Augen als ein gesamtdeutsches „Prosit der Gehässigkeit“. Das die aktuellen Beispiele hier eint: gegen streikende Dienstleistende, gegen vermeintliche und echte Zugereiste, gegen Notleidende, Kränkelnde, Andersdenkende oder einfach nur „anders“ Aussehende – verdächtig austauschbar (mal wieder), gegen wen es grad geht. Meistens ja gegen alle, die irgend angreifbar sind. Wo sich bequem drauftreten lässt. Wer eh schon am Boden liegt oder schwankt, lädt zum Quälen ein. Das fängt beim Wort an, wird schnell handgreiflich, ruiniert ganze Leben und reicht noch übers Grab hinaus – und genau diese Gewissheit macht das Heute so hässlich: Du weißt, dass jede, wirklich jede ungeschützte Stelle von dir einen Übergriff oder Hieb herausfordert – und wenn nur irgendein Grobian stichelt. Meistens bleibt es nicht dabei. Deshalb tragen wir Harnisch noch im Lächeln. Das zur Grimasse erstarrt wie auf zu spät geklickten Fotos. Wer trägt das hungernde Herz noch im Gesicht spazieren? Die meisten haben es unterm Kissen begraben – wenn sie das überhaupt noch vollheulen, heimlich nachts, tablettenfrei. Erfolg – der Begriff ist längst verknüpft mit dem Erniedrigen anderer. Was gilt eigentlich als ehrenwert? Wem – also welchen Haltungen – wird nachgeeifert? Was propagiert?

Das Bürgerlein von heute fühlt sich umstellt und bedroht, bedrängt und „überfremdet“. Es fühlt sich verhöhnt für seine Bemühungen, seinen vermeintlichen oder tatsächlichen Anstand, für echten, für blödsinnigen oder nicht zum Zuge kommen dürfenden Fleiß: kurioserweise von all denen, die noch weniger haben als eins selbst. Weniger Geld, weniger Rechte, weniger Entfaltungsmöglichkeiten? Das trifft fast alle, aber Bürgerlein will es mit Gewalt so scheinen, als hätten die anderen alle mehr. Das Prosit ist ein Virus. Resistent gegen alle Argumente. Liefere ihnen Zahlen, Fakten, Zusammenhänge oder Hintergründe – egal: Sie nennen dich „Opfer der Systempresse“. Sie haben die gleiche Art von Wahrheit gepachtet wie einst die Inquisition: exklusiv und unumstößlich. Ihr Urteil ist gesprochen, sie werden es nicht revidieren. Und offenbar ist es ansteckend.

Ich habe es wachsen sehen – wie gesagt, nicht erst seit Mauerfall. Natürlich habe ich dagegen angesungen, getextet, diskutiert, gekämpft und gerungen… und tue es noch: wieder und wieder. Wie viele andere. Seit je. Und im Lauf der Jahre wusste ich immer mehr, nicht nur wogegen, sondern auch wofür ich mich einsetze. Mein Blick hat sich dabei geweitet – nicht nur vor Entsetzen, sondern auch in Gewissheit: über den Tellerrand des Tages – ja meines bisschen Lebens hinaus. Allein mit dem Blick auf die Schlechtigkeit der Welt hätte ich mich schon eh aufhängen können. Aber ich fühle meine Anliegen und Werte längst von größeren Zusammenhängen getragen und unterstützt. Ich habe nicht erfunden, was mich erfüllt – sowenig ich verbrach, was geschah. Aber ich muss Stellung beziehen. Kann und darf! Und Konsequenzen ziehen aus den Taten: auch und gerade denen meiner Ahnen. Deren Mehrheit sich, bei allem persönlichen Respekt, nicht mit Ruhm bekleckerte. Kehrt Marsch! musste ich ihnen befehlen. Das erlaubt mir meine Religion nicht nur – sie nötigte es mir geradezu ab. Bei der Ehre. Und deshalb weiß ich, dass wir siegen. Früher oder später. Es gäbe sie sonst gar nicht: die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte von 1948. Die kam nicht von ungefähr. Ich bin mir todsicher: Bereits in der Antike haben Menschen – nicht alle, aber manche – von etwas Vergleichbarem geträumt. Es fängt immer im Kleinen an, und immer sind es Einzelne, die dafür brennen – und es weitertragen.

Ob einsame Träumerinnen oder bereits dafür Kämpfende: Sie werden geschubst, getreten, geschlagen, gekreuzigt, übergangen oder ausgelacht – nicht egal. Aber unausrottbar. Wir kommen wieder. Immer wieder. Mit allem, was wir haben. Und wenn es nur Argumente sind. Worte bewegen Köpfe und Herzen. Hände gestalten die Welt. Sie werden von Köpfen gesteuert. Aber manchmal auch von Herzen. Jedes Türaufhalten zählt. Die Summe macht’s. Kürzlich hörte ich ein interessantes Wort aus dem Munde eines sterbenden Christen, der den Weltkrieg mitgemacht hatte. Er sagte etwas über Gut und Böse. Er sagte, das Böse – das sei die Abwesenheit des Guten. Das hat mich erschüttert: angesichts der Macht, die sich mir damit eröffnet. Mich heilsam verpflichtet. Friede, fremder Bruder, und danke. Ein Heide erhörte dich. Und trägt dein Vermächtnis weiter. Unsere Götter, meine ich, lagen eh nie in Fehde. Nichtmal deiner. Auf Midgard ist die Schule. Wir Menschen haben zu lernen. Wer sonst? Die Schildkröten nicht. Die sind in Ordnung. Wir sind es, die aufholen müssen. Vielleicht fängt es mit Selbstliebe an. Wer soll mir verzeihen, wenn ich nicht den Anfang mache, und wem kann ich verzeihen, solange ich mich selbst verachte? Gründe – hör mir auf. Wer soll dein Freund sein, wenn du dir nicht selber Freund und Freundin bist? Vielleicht sollte ich – grad ich als Mann – mich endlich mal trauen, mich ein wenig mütterlicher zu behandeln. Und sei es, dass es der Welt nicht grausen muss vor mir! Zum Donner! Denn wir wollen doch zusammenkommen, oder? Was sind wir alleine? Gräser im Wind. Nur zusammen: die Wiese, der Wald, die Natur. Zurück zur Alltagsschärfe!

Millionen Rauchsäulen – die Luft ist längst von noch anderem vergiftet – haben aufgehört, sich zu drehen. Andere drehen sich anderswo. Die Via Appia ist nicht mehr von Kreuzen gesäumt, an denen angenagelte Sklaven verrecken. Gewisse Zeiten sind vorbei. Andere herrschen, andere drohen. Ich werde in Deutschland, egal was ich schreibe, nicht für sechs Flugblätter eingesperrt und hingerichtet, wie es den Geschwistern Scholl geschah, und auch nicht für sechshundert oder sechstausend. Ich kann gehen, wohin ich will, und sogar lieben, wen und wie ich will. Was ich tu! Und auch ihr könnt alles das tun und alle sagen, was ihr wollt. Aber ihr müsst meinen Widerspruch aushalten – wie den anderer, wenn die anderer Auffassung sind. Wer behauptet, in diesem Land dürfe etwas „nicht gesagt“ werden, macht mit diesem Unfug nur eine Sehnsucht kenntlich: die nach einer unwidersprochenen Meinung – und damit nach Verhältnissen, die mit willkürlich eingeschlagenen Scheiben beginnen und in Rauchsäulen enden. Im Klartext: Leichenbergen.

Ich stamme aus Deutschland und wohne trotz allem (zuweilen auch: allem trotzend) immer noch hier. Als hellhäutiger, dazu in demokratischen und obendrein luxuriösen Verhältnissen aufgewachsener Mann (fast hätt‘ ich’s vergessen: hetero auch noch) gehöre ich zu den privilegiertesten Geschöpfen des Planeten. Allen anderen bin ich etwas schuldig – weniger aus persönlicher Schuld, vielmehr tief verwurzeltem Gerechtigkeitsgefühl heraus. Was bin ich allen schuldig? Gleiche Augenhöhe. Das Angebot – und seine Ermöglichung: den anderen gegenüber. Dir. Und dir. Und dir, und euch. Auch euch. Nicht Gunst. Selbstverständlichkeit! Da bestehen Ausgleichsbedürfnisse. Da röchelt und röhrt ein Defizit. Da bin ich erst zufrieden – oder beruhigt – wenn ich anerkannt werde: von denen, die Gründe haben, meinereiner zu misstrauen. Ich muss mich zeigen. Ganz. Im Seelenkern. Und danach handeln. Ich bin nämlich einer von euch. Auch wenn ich aussehe wie einer der Wärter, von denen ich abstamme. Erzähl mir deine Geschichte. Ich dir meine. Und dann lass uns sehen, ob wir den Fluch nicht brechen können. Und voneinander lernen. Für ein Miteinander. Auf Augenhöhe. Du bist blind? War ich schon immer, obwohl ich Berufsvisionär bin und meine Welt bereits demzufolge voller Farben ist. Wie heißt es so richtig? Man sieht nur mit dem Herzen gut. Ich gebe meins, deins zu spüren. Bei Freyja!

Man kann mich in die Knie zwingen. Wo das nicht passiert oder droht, beuge ich sie auch manchmal freiwillig. Ich habe Ehr- und Schamgefühle und übe den Umgang mit beidem. Was immer geschah, lässt sich nicht ungeschehen machen. Nicht im Bösen, aber auch nicht im Guten. Die Toten werden nicht wieder lebendig. Die Ideen aber bleiben. Die Menschenrechte lassen sich treten und missachten, aber nicht zurückerklären, nicht zurücknehmen. Wäre ich der Westen, ich würde mit ihnen wuchern: als dem Besten, was ich zu bieten hätte. Das wäre mein Angebot an die Welt. Nicht Bomben, weder Bibel noch BWL. Sondern die Idee gleicher Augenhöhe derer, deren Blut rot ist. Ich bin aber nicht der Westen – nur mittendrin. Und da gibt’s noch viel zu tun. Weshalb die ganze Rede hier und heute nur ihm galt: dem Kehren vor der eigenen Haustür. Capito? Halte jemandem die Tür auf, und höre dir eine Geschichte von irgendwem an, der oder die dir unsympathisch ist. Es kann dein Leben verändern. Und die Geschichte verbessern. Sie hat es, trotz und wegen allem, nötig. Jeder Handgriff zählt. Die Wette gilt: Wir siegen. Und sei es – vorerst nur – im Geiste. Ihm ist die Erinnerung. Noch in der Supernova, dem ekstatischen Sterben der Sonne: dessen, was war. Es hat Bewusstsein gegeben. Es kann wiederkommen. Es wird, war und wyrd.

ZlzL (zu lang zum Lesen): Gehässigkeit ist der Trend. Achtung setzt einen besseren.

2 Reaktionen zu “Zum Prosit der Gehässigkeit”

  1. Freia

    Word!!!

  2. sabine

    ich kann nicht sagen, das ich immer zu allen texten hier zugang finde. aber zwei haben mich sehr ermutigt: die fahnen hissen und dieser hier. sie kamen je zum richtigen zeitpunkt. ich gehöre nicht zu den leuten, die sagen können, es gibt keine zufälle. so eine art vertrauen habe ich nicht. aber ich glaube an zu fälle, die zu sinnvollen fügungen werden können. das ist einer davon. danke!

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