Eibensang

Wunschkonzert

Ich will wilder wünschen lernen. Wieder oder erstmals? Hauptsache, dass! In einem blitzschlagkurzen Anfall kindlicher, komm-pleet yrazzionaler (Schreibweise passt schon so) Weisheit habe ich gesehen, dass all die Mängel, die mich umgeben, von ganz naa bis weltweich, aus meinem allzu kleinlichen Gewünsche resultieren.

Eine Gibson? Fuck it! Haben nicht grad wir Singvøgel uns selber immer gesagt, dass wir alle Werkzeuge kriegen, die wir brauchen – und hat das nicht immer gestimmt?

Ein Einkommen? Verficktverkrachte Affenmonkeybiznizkacke! Kommt da etwa nix rein bei mir, das irgend zu gebrauchen wäre – und sei es zum Durch- und Weiterkommen: grad dazu?

Und wie zum Arschfick komme ich überhaupt dazu, mir derart lächerliche Betails, äh, Details wünschen zu wollen wie ein verdammtes drahtbespanntes Stück Holz mit Klinkenbuchse oder gar sowas Oberesomystisches wie einen anständigen Lebensunterhalt? Geht’s noch oder hackt’s schon? Bin ich dafür durchgekommen? Durch all die Schläge, die Idioten und die Jahre? Bei der Milch meiner Mama – und allen Fesseln, denen ich entfloh: Wozu bin ich bis hierher getobt? Ich glaub, ich brauch’n Schluck von (Ex-)Schwiegervaters Whisky. Kein Themenwechsel. Im Geigentiel. Drauf und dran!

Veränderung dräut: an allen Fronten. In allen menschengemachten und -beeinstupsten Bereichen. Es gibt ein paar Sachen die waren noch nie / in Ordnung, und jetzt reparieren wir die. Ich sammle die Tage: all die erlebten. Erinnere mich. Von meiner ersten Gatschpfütze bis zum Glitsch der jüngsten Geliebten. Vom ersten Zungenschlag bis zur letzten angeschliffenen Spitze. Von den Nonnen meines Kindergartens, die ich (aufgrund ihrer Tracht) nicht für menschliche Wesen hielt (was mir aber ganz natürlich vorkam) bis zu den Verrätern meiner Demokratie, die ich (aufgrund ihrer Niedertracht) sehr wohl und übel für Menschenwesen halte (was mir weder natürlich vorkommt noch muss: Schließlich ist es Kultur, für die ich streite). Über ein halbes Jahrhundert Erinnerungen. Eine Schatztruhe voller Erfahrungen. Die bilden das Land, auf dem ich stehe: barfuß und aufrecht. Und dessen Lehm liegt Schicht für Schicht und dicht an dicht auf den Leibern der Ahnen, die sind mehr als Staub. Meine Muttererde. Mein Schwesterwald. Mein Vatersohn. Mein Bruderfreund. Mein Sehnsuchtsmond, mein Herzensstern, mein Tröpfchenglück, mein Tränenmeer. Meine heile Vetternwirtschaft. Kommt zusammen. Kommt heraus! Längst in Flammen: steht das Haus. „Tot liegt die Maus vorm Monitor – durch alle Windows soll es ziehn!“ Viel Feind, viel Ehr‘ – und darüber der Speer. Gerufen, dazu: die Namen der Großen. Im Namen derer, die sich erheben. Wir sind so verdammt viele. Ich reite euch ab. Erster der gellt, erster der fällt? So tot kann ich gar nicht werden, dass ich nicht über mein pralles Leben hinauslache. Und wenn ich der Letzte bin. Der letzte der lacht. Der letzte der’s macht. Alles mit euch, und für. Damit eine Blume erblüht inmitten der Welt. Selbst wenn die auf Asphalt macht. Das Land darunter – das ist unser. Dieses Land unter dem Beton – das ist unser Akku. Sagt euch dieser gelernte europäische Indianer. Der einen Namen trägt. Lang weht mein Haar. Ich bin ein Mann geworden. Zum König gekrönt von mehr als einer. Und jede eine Auftraggeberin. Es wohnt eine Frau im Süden, die nannte mich einst den „Besten der Herde“. Sie mag nicht mehr meine sein, doch ihrem Urteil ist zu vertrauen: nach wie vor. Ich grüße ihren Neffen! Sogar mein toter Papa ist längst stolz auf mich. Ich stelle seine Ehre wieder her. Kunststück? Nun. Ich bin Künstler. („Kunst ist schön. Macht aber viel Arbeit“. Karl Valentin)

Ich werde meine ganze Stimme brauchen. Und was da sonst noch ist an Kapital. Und dann spielen wir mal ein bisschen Dschingis Khan (nicht den bescheuerten Popsong, sondern schon ganz im Stil des alten Mongolen. Sein Auftreten mein ich. Natürlich nur.)!

Hölle, jetzt weiß ich wieder, wozu ich die Gibson wollte. Aber das schaffe ich auch ohne sie. Muss noch ganz anderes schaffen: ohne so manche Liebste, ohne die ich’s nicht zu schaffen meinte. War das nicht immer so? Und geht’s nicht vielen so? Beinah‘ uns allen? Verbündet bleiben wir eh! Auf ewig und jetzt! Schon die ollen Kelten sollen nackt in den Kampf gezogen sein. Victory! Auch meine Siege müssen nicht notwendig militärische sein.

Die Welt, wie sie sich zu mir grad verhält, riskiert, dass es nicht mal ästhetische sind. Sein brauchen. Ausziehen? Passt nur auf. Ich mach das. In meinem Alter ist das eine Drohung. Die ein rachekaltes Grinsen enthält: Ich bin nämlich stärker als früher. Verhöhnt als Zwerg, kehre ich wieder als Riese. Hallo, ihr Saftsäcke, wie geht’s denn so? I’ll be back. I am. Here we go! Wer fragt noch nach Hübschheit? Scheiß auf die Retuschen. Ich bin der Herold heimlicher wie unheimlicher Kriegerinnen. Vielfacher Narbenträgerinnen. Es gibt da einen Stolz, der drückt sich auch im Außen aus. Der braucht vielleicht eine Um-Schreibung der allgemeinen Ästhetik. Nicht der einzige Wert, der umgewertet werden muss. Verwandelt in das, was er sein soll. Zur Abwechslung mal mit Inhalten gefüllt, auch. Geht schon. Kriegen wir, machen wir auch noch. Ich komm weißdiegöttin nicht, um Popstarlets Konkurrenzchen zu machen. Ich schreite denen voran, die mich stützen. Hielten. Mich fingen, als ich fiel. Die mich befeuern. Die ich halte, wenn sie fallen. Denen mit Falten am Speck. Denen mit Blut im Herzen und auf der Seele. Denen mit Rollstuhl unterm Feuerarsch. Denen, die Krücken nötig haben mögen in Emotio und Habitus. Aber diese Krücken verwandeln sich in fliegende Speere. Und wenn die fliegen, stehen wir immer noch. Selbst wenn wir liegen dabei, lägen wir richtig. Bauch am Boden? Selbst das geht mit aufrechtem Rückgrat. Gemessen wird die Haltung. So kraftvoll, wie wir liegen, kann der Feind nichtmal stehen. Leckt uns die Ärsche. Schneidet uns die Zungen raus: Wir furzen euch die Melodie. Wir sind das Heer. Die im Schatten. Die von der Sonne träumen. Eine lächerliche Armee? Ein Lumpenpack? Wir sind nicht verwöhnt. Aber schon durch ganz anderes durch. Es gibt keinen Schrecken, den wir nicht hinter uns hätten. Ihr – und wer noch – seid gegen uns? Na denn ma‘ los! Diskutiert eure Strategie. Wir noch im Kampf unsere Befindlichkeiten. Können wir uns leisten. Locker. Nein, verwöhnt sind wir wahrlich nicht. Wir trinken das Blut unserer eigenen Herzen, wenn’s sonst nichts zu saufen gibt. Wir geben es einander. Das unterscheidet uns von euch Vampiren. Wir sind – oder bilden jederzeit – eine Gemeinschaft. Ihr nur Karrieristen. Vereinzelte. Aber hört mal: Schließt euch uns lieber an. Wir bieten die besseren Bedingungen. Für alle. Lauscht dem Feindsender. Ihr seid auf der falschen Seite. Lauft über. Tief im Herzen wisst ihr es, spürt ihr es! Kämpft nicht weiter für Unrecht. Euer System frisst euch auf. Ihr seid seine nächsten Opfer. Wir bieten Obdach, Erkenntnis, Arznei. Bei uns dürft ihr sein, wie ihr seid. Ohne Maske. Ohne Harnisch.

Die Nacht gehört den Liebenden. Was wisst ihr denn, wieviel Liebe ich in meinem Herzen gebunkert habe. Wieviel davon komprimiert. Die Brust will mir platzen. Soll sie. Ich brauch das ganze Kapital. Euch eures zu erinnern! Es herauszulocken! Messt euch, Freunde, nicht an euren euch allezeit allzu klar erscheinenden Defiziten oder gar „Fehlern“! Messt euch an dem, was ihr wirklich wollt – noch besser: an dem, was ihr wolltet. Als ihr noch meintet, zu können. Denn das ist, was ihr könnt. Vertauscht Damals mit Heute. Denn Damals habt ihr nur geträumt davon, um euch heute zu erinnern. Die Wahrheit ist: Ihr könnt. Heute. Erst. Und wie! Ich hacke einen Refrain in die Tasten, und ich will, dass ihr einstimmt, dass ihr mitsingt! Das ist schwer, so ganz ohne Sound. Aber haben wir nicht schon Schwierigeres geschafft, weit Schlimmeres überstanden? Ich appelliere an eure persönlichen Erfahrungen. All die Schmerzen, die Tränen, das Blut! Malen wir einen Refrain damit. Einen Chor! Die Welt im Wandel? Wanken soll sie! Was haben wir zu verlieren – als unser vermeintliches Los? Karan, ich tauche einen Finger in deine Lunge. Brigh, ich male ein Eichhörnchen ans Firmament deines Sehnens. Was geht ab, Joe? One two three four! Rhythmen, die der Nacht gehören? Yeah, doch auch der Tag sei unser! Und alle Wusels tanzen! Camilla, ich möchte deine Freundin sein, Martin, ich mag von dir lernen. Hunty, ich bedarf deines Schutzes, und deines wahnwitzigen Mutes, Antje, und all eurer Wut! Wo ist meine Scheiß-Gibson? Hört ihr das Riff? Es tönt von Sinsheim aus bis rauf nach Lüneburg, Hamburg, über Thüringen bis rüber nach Leipzig, hey Micha, rüber nach Bocholt, hey Jan, nicht nur vorbei, sondern mittenmang durch Aachen, hey Babs, Ansgar, Stefan, runter gen Lörrach, oh Joy, weiter nach Graz, Phoenix, in den wilden Osten, nach Hexenheim Wien, wo ich liebte und immer noch – Wasser in der Donau habe… bis ganz runter nach Südandalusien, zu Ines und Bert und dem Wurschthund. Aus deiner Einsamkeit, Felis, ziehe ich die froheste Melodie – und hab sie nur von dir. Steh mir bei, Volkmar, ich bedarf deiner Erde und all ihrer Himmel. Tschilp! Und – hey, Sven – ich geb dir Struktur und Rückhalt beim Aufstand deiner Gefühle! Sie sind meine Freunde! Falls ich streng rieche – sorry, das ist der Schweiß, den ich absondere beim Abreiten eurer Reihen. Klack klack, Schwert und Speere! Ich kann nicht alle nennen. Ein roter Morgen! Franks Ofen wärmt meinen Arsch überm Gang im Bragishof. Oder wie flüsterte schon Aragorn in seiner dunkelsten Stunde: „Für Frodo!“ Fürwahr. Ein winzig kleines Wesen bringt einen wahnsinnig großen, schier unbesiegbaren dauerwachen Turm zum Einsturz. Und selbst, wenn das nicht gelungen wäre – hätte es sich gelohnt. (In Wirklichkeit. Nicht im Kino.)

Hoffnung ist immer winzig. Und am Schluss das Zünglein an der Waagschale. Weltreiche stürzen über sie.

Wünschen? Es kann nicht groß genug sein. Es ist aller Neuerung Anfang. Odin! Dich ruf ich, Wunscherfüller! Auf geht’s! Mit oder ohne Gibson. Aber mit allen Freunden. Heavy Mental.

tl;dr: Meine Stimme ist eine an einen Fender Twin Reverb angeschlossene Hochpreis-Rockgitarre. Mir ist ein Riff eingefallen. Sing den Refrain mit!

2 Reaktionen zu “Wunschkonzert”

  1. Bodecea

    „Messt euch an dem, was ihr wirklich wollt -noch besser: an dem, was ihr wolltet. Als ihr noch meintet, zu können.“

    Danke für den Gedanken, den nehme ich mit und pflanz ihn ein, damit er in nicht allzuferner Zeit (hoffe ich) wachsen und gedeihen kann.

    Bodecea

  2. thursa

    Ach, Duke! Langer! Deine Worte resonieren in dem, was ich im August, spät abends und bei weitem nicht trunken genug für einen solchen Schwur, im Bragishof am Feuer sprach, bringen es wieder zum Klingen: Ich habe da einen Traum. Deine Worte geben ihm Brennstoff.

    Nur noch wenige Tage, dann kann ich auch ganz physisch mit Dir singen. Laß uns rocken!

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