Eibensang

Sing!

Singt, Freunde, singt. Kräht aus vollem Halse, aus ganzer Kehle. Was anderes bleibt uns vielleicht nicht. Aber es sei! Vielleicht hackt jemand ins verstimmte Piano dazu, der Stimmung halber, oder schrammelt Gitarre, oder drückt in die Tasten eines Sizers, oder treibt einen Beat auf dem Trommelfell oder via Sample -vielleicht nicht. Egal. Wir singen. Es ist immer die Melodie der Schöpfung… die sich in der Polyrhythmie des uns wahrnehmbaren Universums verdichtet und verzweigt gleichermaßen. Meine des Deutschen mächtige Geliebte merkte kürzlich an, sie verstünde mein hier veröffentliches Gesoße nicht immer… was daran liegen mag, dass ich meist mit mehr Euphorie als Disziplin schreibe: Schließlich ist das mein Privatblog. Wundere mich immer, wenn’s doch wer liest – aber freut mich, wenn ich das mal merke, umso mehr.

Kommentare zum direkten Zeitgeschehen überlasse ich oft anderen. Ich jongliere mit blanken Gefühlen -meinen natürlich. Aber nichtsdestotrotz beziehen sich auch und gerade die immer darauf, was alles so geschieht in der Welt. Ich unterlasse nur meist den Hinweis. Gehe davon aus, dass wir alle eh wissen, erfahren und lesen, was überall los ist. Gehe ferner davon aus, dass ich für Leute schreibe, die z.B. einen blassen Karrieristen wie Wulff oder seine perfide Kontrahentin, die Bild-Institution (die alles andere als eine „Zeitung“ ist und alles andere als etwa „Journalisten“ beschäftigt), nicht mit einem der vielen Probleme verwechseln, die wir haben, sondern beide Täter-Aspekte (in dieser Affäre gibt es keine Opfer außer uns und unserer Demokratie!) als typisch gewordene Symptome dessen erkennen, was krank ist – und was wir genau deswegen verändern wollen, verändern müssen. Deshalb beteilige ich mich nicht am Who is who-Zirkus oder Wer-war-das?-Kasperltheater – diesen lediglichen Volksablenkungsmanövern machtgeiler Industriemedien(bosse).

Sondern tippe singend in meine Tastatur: Singt, Freunde, singt! Kräht, schreit, tobt und flüstert aus vollem Halse, tiefster Seele. Ihr dürft seufzen dabei, aber seufzt nicht nur. Singt. Lasst vollen Gesang ertönen. Haben wir nicht allen Grund, zu singen? Was sollen wir sonst tun? Jammern klingt zu schepps, und bringt uns selbst schlechter drauf, als wir eh schon von Amts wegen sein sollen – denen wollen wir doch nicht den Gefallen tun, oder? Meckern, mosern, recherchieren, aufzeigen – das müssen wir eh alles schon nebenbei und selber (und unbezahlt) erledigen, seit sich die offizielle Presse zur notlosen Hofberichterstatterin der Herrschenden (Wirtschaft ist gemeint, nicht „Regierung“) verhurt hat – und uns nur noch beschämt und verscheuern will mit ihrem Dummschiss-Blah. Schämt euch, ihr Journalisten! Was unterscheidet euch Hofschranzen noch von Werbetextern? Rein handwerklich machen die oft noch bessere Arbeit als ihr. Wir glauben euch nicht mehr.

Ihr Besten: Traut dem rumorenden Gefühl in eurem gepeinigten Gedärm! Kündigt euren Chefs und Verlagen, sucht euch Hilfsarbeiterjobs zum Überleben, und lasst euern Witz, eure Häme, euren Schmäh und euer Können – ja: eure Sehnsucht! – in Privatblogs fließen: persönlich engagierte und integre, bitte. Dann lesen wir euch wieder, und können einander helfen… Ich selber will eine Zeitung gründen, wenn ihr zu uns zurückkommt, Lads. Das verspreche ich euch. Dann basteln wir mal ein neues „Sturmgeschütz der Demokratie“ (das ruhmreiche der Nachkriegszeit ist schon lang zum Revolverblatt des Neoliberalismus verkommen). Ein deutsches Nachrichtenmagazin – wär das nicht was? Grad jetzt – in der Vorkriegszeit, he? (Und der erste, der was über Weisbands lediglichen Lippenstift schreibt, fliegt hochkant. Zum Ausgleich dürft ihr euch über Guttenzwergs Gel auslassen. Weil so einer ja weißkohl sonst nix hat was glänzt… Aber nur in der Witzecke! Neben den Horrorskopen. Die mach ich. Will ja auch zu was gut sein, gell :-)))

Wir alle tun irgendeine Arbeit (auch und gerade unbezahlte). Die muss aber auch Pausen haben, wenn sie gelingen soll (speziell, wenn’s nichtmal Euros gibt fürs Engagement – oder nicht genug). Dies ist ein Privatblog, hier ist permanent Feierabend, hier wird gefeiert! Singt, Freunde, singt! Es geht ums Leben – noch nicht nur ums Über-, aber vielleicht bald. Dann müssen wir – erst recht – zusammenhalten, oder das verdammt schnell lernen. Gesang, gemeinsamer, hilft dabei. Jetzt schon aber sollten wir uns an ganz neue Fronten – und Bündnisse – gewöhnen. Wo der Heide der Christin hilft, und beide von bekennenden Atheisten unterstützt werden. Heimat ist, wo das Herz seufzt, isn’t it? Ich achte dein Kopftuch im Namen des Propheten, Muslima, Merhaba; ich achte deinen Erlöser am Kreuz, Christin; ich schätze deinen Verstand, so du ihn benutzt (und Religiöse nicht nur zu bekehren versuchst;-), bekennende, überzeugte Atheistin… und ich achte auch deine Werte, Unentschiedener, die genauso viel wert sind, die du unter ebensolchen Mühen erwarbst wie wir anderen die unseren. Ich bin Heide. Ich bete Sonne und Mond an, und finde im Glitsch meiner Liebsten Erfüllung. Dafür ergreife ich Pazifist sogar das Schwert – oder was immer grad zur Hand ist und nottut. Wir müssen vielleicht ein Boot steuern zusammen. Falls wir keine Zeit mehr finden sollten, einander unsere persönlichen Geschichten zu erzählen – müssen wir einander unsere Lieder vorsingen. Unseren Herzen ist zu trauen. Hören wir einander zu. Ich machte die Erfahrung, dass das klappt.

Lassen wir das Religiöse mal beiseite (als das unseren Persönlichkeiten Eigene und Unveräußerbare) und einigen uns darauf: Es gibt kein Gesetz als das Menschenrecht, und wir alle sind seine Prophetinnen. Du sollst keine höheren Gesetze haben außer ihm. Tu was du willst, solange es auch anderen nützt. (Für Kniefiesler: Der letzte Satz ist nicht sooo ganz koscher, aber sein Vorbild war es noch weniger. Schritt für Schritt wird’s besser… Wir arbeiten dran. Machste mit?;-)

Ein Dichter meines Landes textete einst: „Es gibt nichts Gutes – außer man tut es.“ Er hieß Erich Kästner, und ich glaube, dass er nicht nur ein guter Verseschmied, sondern außerdem ein hoch anständiger Mensch war. Aus meinem Land kamen so einige Dichterinnen, einige von ihnen dachten sogar selber, deshalb geriet mein Land zwischenzeitlich in den schönen Ruf, eines von „Dichtern und Denkern“ zu sein (bevor Richter und Henker es zugrunde richteten). Mittlerweile ist mein Land eine Bananenrepublik durch und durch korrupter Seilschaften geworden, deren Regierung nur noch ein – hoffentlich nicht allzu wackeliges – Verfassungsgericht weit entfernt ist von einem „Regime“ wie in denjenigen Weltteilen, auf die wir in immer weniger begründbarer Hochnäsigkeit herabsehen, derweil unsere Kanzleuse denen gepanzerte Gleitkettenfahrzeuge mit Kanonen drauf verkauft, womit Leute wie du und ich niederkartätscht werden… Denn Machthaber fürchten Ideen. Demokratie ist eine. Nach dem arabischen Frühling wär jetzt auch mal ein deutscher, ein europäischer fällig. Wieso ist Island, die Pleite-Insel, nimmer in den Nachrichten? Weil die sich von „Standard & Poors“ & Konsorten am Arsch lecken lassen – ihre Bänker davongejagt haben und ihren eigenen Dreh probieren. Zu erfolgreich, um ihn Schule werden zu lassen?

Nochmal für alle: Die Schuldenkrise Europas ist in Wirklichkeit das vergebliche Begleichen von Verlusten privatwirtschaftlicher Zocker auf Kosten ganzer Staaten: unserer europay-ischen Volksgemeinschaften. Nicht Griechen sind Versager, sondern einzelne Spekulanten-Arschlöcher, die in vereinter Clique einem ganzen Kontinent (!) Bedingungen diktieren – mithilfe willfähriger nationaler Regimes, deren Korruption real japsende Demokratien ruiniert. Griechische Kinder hungern! Jou, hier und deswegen muss ich unsere Regierungen doch schon mal „Regimes“ nennen -obwohl sie „gewählt“ sind. Dies ist der Dritte Weltkrieg. Er wird nicht mit Panzern und Flugzeugen, sondern an der Börse geführt. Wir sind nicht mehr weit genug weg von China: was Freiheit und Selbstbestimmung Lobbyloser betrifft. Die Politiker, die wir wählten (oder ignorierten) als Volksvertreter, haben uns verraten. Sie tun alle so ziemlich das Gegenteil von dem, was sie sollten. Die deutsche Ministerin für Verbraucherschutz verhindert konsequent genau diesen. Die Familienministerin behindert antifaschistische Notmaßnahmen, während Nazis Bürgerinnen ermorden, was der Verfassungschutz mit unserem Geld noch befördert. Was ja auch der Grund ist, eine NPD nicht verbieten zu können… Skandale wie die um Guttenberg & Wulff – wer ist der Nächste? – sind nur die Fettaugen auf der Kotzbrühe. Typisch sind sie, mehr nicht. Das Problem sind nicht die Personen, sondern die Struktur, die solchen peinlichen Figuren Karrieren ermöglicht bis hin zur Fehlbesetzung wichtiger Posten. Presse vs. Bundespräsident? Von den Bedeutungen – und Verantwortungen! – eurer Ämter habt ihr beidseits nicht nur keine Ahnung, sondern ihnen gegenüber lediglich machtintendierte Absicht. Letzteres ist’s, was ich euch verüble. Zutiefst. Ihr tretet, was Generationen errungen haben, nicht nur mit Füßen: Ihr wichst mal eben drüber. Kinder und Kindsköpfe, die so täten, hieße man einhalten. Erwachsene müssen sich das Urteil gefallen lassen: Abschaum! Es wird Konsequenzen haben. Die keineswegs ihr bestimmt. Versprochen.

Es gibt kein Gesetz über dem Menschenrecht, und wir aus den Völkern sind sein Prophet. Singt, Freunde, singt. Müssen nicht mal „Protestsongs“ sein (obwohl diese fast vergessene Tradition – gerade im Pop! – weißsöllner eine Neubelebung vertrüge). Singt ruhig – oder gern auch: aufgeregt – von der Liebe. Wenn ihr sie meint! Oder was immer euch bewegt. Aber singt! Aus voller Kehle, aus tiefstem Halse, aus innigster Brust. Oder mit den Händen, den Fingern, dem Bauch, den Hüften, den Füßen… Was halt so geht. Womit auch immer. Tut es mit Geist: Das ist der Sinn von „begeistert“!

Und so singe ich: als der Mann, der ich bin. Als kleiner Junge, der sich seinerzeit nicht traute. Den hab ich aber immer noch in mir, und jetzt holt er das nach. Ich singe auch als der Greis, als der ich (falls ich so lang lebe) abtreten möchte, wenn es soweit ist. Ich singe als das Mädchen, zu dem sich meine weiblichen Anteile zusammenraffen; ich singe als all das, was ich ebensogut hätte werden können, und was noch Spuren der Sehnsucht (oder auch nur des Schmunzelns) übrigließ – und ganz besonders als das Tier, das ich in mir spüre – überhaupt singe ich mit all meinen Persönlichkeitsanteilen. Sogar meine Götter singen. Heast, Oida? Ich hör dich gut. Ich hör euch alle gut. Unten wie oben. Jetzt geht’s los. Und weiter. Damit wir uns hören, einander finden, die Zeichen verstehen, und uns verbinden.

„Von einem Mund zum andern / von einem Ohr zum nächsten / Lass die Finger wandern / von einem Reiz zum andern / Raun‘ den Rhythmus weiter an den Nächstbesten / um ihn zu verhexen / Wer unterkühlt fühlt, ist leider am Verlieren / im bleichen Erwarten todbringender Blitze /
Hämmer das Leben / über die Bühnen / durch den Äther / drauf aufs Magnetband / Gevatter Computer pumpt’s um den Globus / Bann mich im Rhythmus / Ich reich ihn weiter…“
Aus „schweigend & schwitzend“ (1984)

tl;dr: Neues Jahr – alter Scheiß: Den gilt’s zu ändern. Damit wir uns hören, uns finden und treffen, singen wir einander zu.

2 Reaktionen zu “Sing!”

  1. Ulrike Biernoth

    Danke für den Text… aber mich will niemand „singen“ hören…. zum Steinerweichen… wenn es soweit kommt das wir es brauchen sag Bescheid.. aber ich stimme dir völlig zu… es ist der helle Wahnsinn wie uns die Konzerne verblöden wollen. „freier Jorurnalismus“ ein nettes Märchen … nicht von Grimm… genauso grimmig kann ich aber werden…. jede Zeitung kennt nur noch ein Thema….. das in Europa Menschen gequält werden „siehe griechische Einwanderungslager“ interessiert nur am Rande….
    So jetzt höre ich aber auf 🙂 sonst wird mein Geschreibsel so lang….

    B*B
    Ulrike

  2. Andrea Hirschmann

    Ja Duke, Du schreibst für Dich, und so schreibst Du für uns – in diesem „uns“ finde ich mich jederzeit wieder. Was mein Herz, meine Seele, meinen Geist bewegt, all die (angesichts so vieler tauber Ohren und blinder Augen und betäubter Hirne, die mich tagtäglich umgeben, und deren Resistenz mich immer wieder verblüfft – wir leben doch in derselben Welt…?) unausgesprochenen Worte: die finde ich hier bei Dir. Und helfen mir dabei, nicht aufzugeben. Und doch immer wieder mal, den Mund aufzumachen, in der Hoffnung, dass jemand zuhört. Danke!

    @Ulrike: phantastisch, ein Gesang, der Steine erweicht – na, wenn das nicht brauchbar klingt in diesen Zeiten 😉

    Grüße vom Dillenberg von der viel- und gernlesenden Andrea

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