Eibensang

Träumereien. Satisfaction (I can’t get no)

Als erstes lege ich mir eine Automatenstimme zu. Kann ruhig wie meine eigene, natürliche klingen. Wichtig ist nur die Bereitschaft zur Phrase in Tateinheit mit grundsätzlicher Totalverweigerung, auf irgendeinen Einwurf meines Gegenübers einzugehen: Die Phrase ist eine ggf. zu wiederholende. Es kann losgehen!

Tatort Zug. Ticketkontrolle. Ich (freundlich bis vergnügt, Rest siehe oben): „Aufgrund leichter Gemütseintrübung infolge folgenreich erfolgter Zugverspätung verzögert sich das Vorzeigen meines Fahrscheins um voraussichtlich 20 bis 35 Minuten. Ich bedaure etwaige Unannehmlichkeiten, die Ihnen dadurch entstehen. Vielen Dank für Ihr Verständnis.“ (Falls mein Fahrtziel vor Ablauf dieser – leider alternativlosen – Frist erreicht ist, sage ich vorm Aussteigen: „Dieser Kontrollgang endet hier. Ssenk ju for kontrouling pässenscher Meyer.“)

Tatort Polizeipräsidium. Ich rein zur „verdachtsunabhängigen Beamtenkontrolle“. Die Polizisten müssen augenblicklich einer nach dem anderen ihre jeweiligen Tätigkeiten unterbrechen und mir – während ich lässig mit meiner Supermarkt-Bonuspunkte-Karte wedele, die mich als Bürger legitimiert – ihre Dienstausweise vorzeigen. Ich sammle ein paar davon ein, um deren Dienstnummern und Namen telefonisch an einen Kumpel (oder eine mir sympathische Organisation) durchzugeben. Das dauert ein bisschen. Einzelne Beamte frag ich Sachen wie: „Und -seit wann im Dienst heute? Haben Sie Alkohol getrunken? Was ham’S’n heut‘ noch vor? Gehn’S zum Demo-Einsatz? Na, den Schlagstock woll’mer aber nimmer sehn, gell. Ham’S a Betriebserlaubnis dafür? Zeigen’S mir die mal! Aber a bisserl plötzlich!“ Wenn ich die Ausweise zurückgebe, mache ich noch ein paar gutgelaunte persönliche Scherze über Sitz und Passform einzelner Uniformen, Zustand von Schreibtischen oder auch Schnurrbärten. „Na gut. Will heut mal ned so sein. Aber passenS auf in Zukunft. Wiedersehen.“

Tatort Werbefernsehen. Ich erstatte Anzeige wegen haltloser Esoterik gegen die Firma Danone, die behauptet, ihre als „Joghurt“ titulierten Aroma-Chemo-Kunstmixe seien der Gesundheit, insbesondere der Darmflora förderlich: In Wahrheit besteht das Zeug vor allem aus Fett und Zucker. Ich erstatte Anzeige wegen arglistiger Vortäuschung zauberischer Hilfskräfte gegen den Konzern Procter & Gamble, der das Reinigungsmittel „Meister Proper“ vertreibt: Aus den Flaschen steigt nachweislich KEIN Skinhead, der an meiner statt die Küche blankwienert. Ich erstatte Anzeige wegen Elternsorgemissbrauchs gegen die Firma Ferrero, die suggeriert, in ihrer „KinderSchokolade“ stecke „Milch“ und sei daher anderen Schokoladen, die ebenfalls aus Fett und Zucker bestehen, vorzuziehen. In Wahrheit ist es für Kinder gesünder, sich eine Tafel „Milka“ zwischen die Backen zu stopfen als eine gleichgroße Menge „KinderSchokolade“. Nestlé wird aber auch verklagt, ebenso wie Coca Cola und noch etliche andere Megakonzerne. Warum? Fragen Sie die Dritte Welt. Die sagt Ihnen schon, warum!

Tatort Bank. Ich gehe ein Konto eröffnen. Dem Sachbearbeiter – dem ich angesichts seines langweilig-biederen Allerwelts-Outfits etwas herablassend begegne (ist es heutzutage zuviel verlangt, sich etwas persönlichen Stil zuzulegen?) – eröffne ich seine Möglichkeiten: Mein Konto wird seine Bank 14,69 Euro kosten pro Quartal, unabhängig davon, ob Geld drauf ist oder sich sonst was bewegt. Ich nenne das ein „Effizienzkonto“ – das günstigste, das ich im Angebot habe. Falls Geld auf mein Konto kommt, wird die jeweilige Summe mit 16 Prozent zu meinen Gunsten verzinst. Mein Dispo ist fünfstellig ohne Komma und Bedingungen, dafür kriegt die Bank aber immerhin 0,006 Prozent Zinsen. Wenn die Bank mich kontakten will, kann sie das über meine Homepage tun. Dazu muss sie ein Passwort, ein Kennwort und ein BAG (Belästigungs-Ausgleichs-Gedicht) eingeben: Der Sachbearbeiter muss ein 16zeiliges schön gereimtes Gedicht verfassen, um Zugang zu bekommen – natürlich jedesmal ein anderes. Gegen eine geringe Gebühr von 4,99 pro Vorgang (im Voraus zu entrichten) schicke ich der Bank aber auch gern ein paar Anfangszeilen zu, falls ich dran denke. Das Zusenden meiner Kontoauszüge kostet die Bank nichts, allerdings muss sie dafür alle 14 Tage einen Sachbearbeiter bei mir vorbeischicken, der meinen Papiermüll runterträgt (andernfalls wird’s leider etwas teurer – dann muss ich einen Teil meiner Müllabfuhrgebühren auf die Bank umlegen). Um Zugang zu meiner Mülltonne zu bekommen, reicht eine einfache Müll-ID-Pappkarte (von mir selbst ausgeschnitten), die die Bank bloß 32 Euro einmalig kostet (versehentlich habe ich das dem Sachbearbeiter verschwiegen beim Kontoeröffnen – tut mir leid, kann vorkommen). Jeden Monat schicke ich der Bank ein bis drei Kilo blumig verfasste VorteilsAngebote, die Singvøgel zu sponsern zum KunstAktionsPreis.
Mit einem freundlichen „Win-win!“ verlasse ich den Schalter. Eine Woche später sehe ich, dass ein Buchungsvorgang länger dauerte als ich dachte oder wollte. Das kostet die Bank natürlich ein Scheffelchen: zahlbar „binnen“ plus Verärgerungsgebühren, sonst Keule. Ich kann auch nichts dafür, dass ein Monat später der Börsenwert der Bank ins Bodenlose sackt – das ist halt so. Ich schreibe einen Warnbrief: Wenn die Bank nicht besser wirtschaftet, muss ich sie leider abwickeln lassen. Moralisch bin ich im Recht: Schließlich leihe ich der Bank mein Geld, die arbeitet doch damit. Für nix gibt’s nix! Kapitalismus! Wir sind hier schließlich nicht auf Kuba.

Tatort Telefon: Ich habe meine Rechnung nicht bezahlt. Vergeblich versuchen die Angestellten des Mobilfunkkonzerns – nachdem sie 49 Minuten in der Warteschleife hingen, wobei sie in den Hörgenuss diverser Amateur-Live-Mitschnitte von Singvøgel-Konzerten in kleinen Clubs kamen – sich durch mein gerapptes Sprachmenü zu steppen, das ihre spezielle Beschwerde nicht vorsieht, aber freundlich die interessantesten Optionen bietet: „Wenn Sie Tourdaten hören wollen, drücken Sie die Eins. Wenn Sie eine Anekdote von meiner letzten Session hören wollen, sagen Sie ‚hey gimme more bass, man‘ mit deutsch-österreischischem Akzent. Tut mir leid, Ihre Eingabe war nicht verständlich. Wenn Sie Näheres über Ihren Vertrag mit mir erfahren möchten, drücken Sie 6969696969696969 im 7/8 Takt mit dem linken Daumen. Danke! Piep, rotz, knör. Sie haben Duke Meyer als Kunden. Der Super-Vorteilskunde zum Super-Vorteilstarif! Weiteres unter www.singvoegel.com – Passwort, Kennwort, Beiwort, Treibwort und Jawort nicht vergaxln. Dieses Gespräch (!) kostete Sie nur zwie der Euronen pro angefangener Halbminute. Tüdeltüt!“

Tatort Flughafen. Tausende Bürger bedauern die Abschiebung des Innenministers sowie weiterer des permanenten Lügens überführter Volksvertreter in anerkannte Kriegs-, Krisen- sowie wirtschaftliche Notstandsgebiete unserer schönen Welt. Eine unangemeldete Demonstration von präpotenten Politikern und peinlich gerührten Parlamentariern am Berliner Reichstag musste von der Polizei niedergeknüppelt werden, weil einer der „angereisten Berufsschwätzer“ – so ein Scharfschütze des HEK (Horroreindämmerungskommandos) – mit „Papieren gewedelt“ haben soll: Auf sowas kann man ausrutschen (so ein Polizist). Daher sofort Schlammwerfer-Einsatz von Bereitschaften des Hooliganblocks sowie Abwurf gebackener Schafsscheiße vom Hubschrauber aus auf die Köpfe der – größtenteils mit Phrasen vermummten – Abgeordneten. Bürgersprecherin Lisa „Punkie“ Leckmich bedauerte ausdrücklich, dass nach bestehender Gesetzeslage die „Gewalt vom Volke“ auszugehen habe – da könne frau „leider keine Ausnahme“ machen, auch wenn man die nach Iran, Sudan, Tibet und in den Kongo abgeschobenen Volksvertreter „nicht beneide“. Sie hätten sich ihr Los aber selbst zuzuschreiben: „Wer sich wählen lässt, muss wissen, worauf er sich einlässt“ (so ein Wähler). In Zukunft werde man solche Fälle aber „humaner“ handhaben und die – leider schlecht in die Demokratie integriert gewesenen – Politiker beim Rauswurf nicht auch noch treten, kneifen oder gar mit gezückten Gedichten von Schiller und Brecht bedrohen (Erich Fried tut’s auch). Von „Schubshaft“ gegen die hinterbliebenen Familien werde „vorerst abgesehen“, bis die Bürgerinitiative neu tage, was in drei bis fünf Jahren bestimmt vielleicht klappen könne.

Tatort Aufsichtsrat. Unbekannte hingen gestern sämtliche Teilnehmer des gerade tagenden Aufsichtsrates der Deutschen Bank (mit Ausnahme der kaffeeausschenkenden Sekretärin) noch im Konferenzraum an den Füßen auf, ließen sie dort unter Hohnrufen und unanständigen Lästerwitzen baumeln und hinterließen böse Kratzer im Mobiliar sowie Schmutzspuren auf der Auslegeware. Nach Expertenmeinung sind Verbindungen ins linksradikale Milieu ausgeschlossen – bei dem Überfallkommando handele es sich um jugendliche Einzeltäter (den Beweis hierzu lieferte das Video der Ü-Kamera, die deutlich dokumentierte, dass alle einzeln rausliefen. Sie waren nicht untergehakt und da sie liefen, waren’s wohl Jugendliche: Greise gehen anders). Dennoch wurde der Ruf nach schärferen Gesetzen laut. Die Bürgervereinigung verhandelt daher über einen Gesetzesentwurf, der das Tagen von Aufsichtsräten in geschlossenen Räumen und Gebäuden zu deren eigenen Sicherheit künftig verbietet. Außerdem werde über ein „Nadelstreifenverbot“ nachgedacht, da das Tragen solcher (und vergleichbar kostspieliger) Kleidung die Bevölkerungsmehrheit „unnötig provoziere“, die sich von der Minderheit der Multimillionäre zunehmend „überfremdet“ fühle. Christliche Kreise sind auch dafür, da das Herumkutschiertwerden in teuren Limousinen nicht in unseren Kulturkreis der Bescheidenheitsliebe und Nächstenhilfe passe, dessen große Mehrheit sich durch das Selberlenken von Gebraucht- und Kleinwagen auszeichne (und eher Jeans und Pulli trage wie Jesus und Judas auch).

Tatort Sparmaßnahmen. Der Interessenverband der Hartz-IV-Empfänger schlägt eine unbürokratische Neuregelung vor, die lediglich die Adressaten von Bezügen austauscht: Wer bisher den Hartz-IV-Regelsatz bekam, erhält künftig eine Abgeordnetendiät – und umgekehrt. Finanziert wird diese Maßnahme durch einen freundlichen, auf 35 Jahre Laufzeit ausgelegten monatlichen Solidarbeitrag der so genannten „Boni-Bubis“, vertreten durch den Präsidenten des Geiselgeberverbandes.

Tatort Umwelt. Gute Nachrichten für Betreiber von Kernkraftwerken: Sämtliche Laufzeitbeschränkungen entfallen schlagartig, Kraftwerke dürfen auf ewig betrieben werden. Erforderlich für die Betriebserlaubnis ist lediglich der (dreimal wöchentlich fällige) wissenschaftliche Nachweis rückstandsloser Plutoniumauflösung. Für eine Übergangszeit von drei Jahren werden alle bis dahin noch anfallenden ausgebrannten Brennstäbe den Betreibern in die jeweils meistgenutzte Privatvilla gelegt und dort zwischengelagert. Die Menge der auf diesem Wege praktisch privatisierten Stäbe bemisst sich nach geschätztem Vermögen der Verursacher („mehr macht mehr“).

Träumereien. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit – oder auch nur Durchdachtheit im Sinne einer wie auch immer auszuartenden „Correctness“. Es ist nicht das Wesen von Träumen, „korrekt“ zu sein: das ist was für Rechnungen. In dieser Welt, genauer: Gesellschaft, wird ganz offensichtlich mehr gerechnet als geträumt -was die realen Ergebnisse interessanterweise um keinen Deut korrekter macht (oft scheint sogar eher das Gegenteil der Fall zu sein). Dem möglichen Einwand, Träume taugten nicht dazu, die Wirklichkeit zu beeinflussen, muss ich entgegnen: Wozu sonst sollen sie gut sein?

Und: Weiß wer was Schnelleres? Dann her damit!

7 Reaktionen zu “Träumereien. Satisfaction (I can’t get no)”

  1. MartinM

    Träume – oder doch eher Rachephantasien?
    „Wie Du mir, so ich Dir!“
    Frustration über ein Machtgefälle wie die Eiger-Nordwand – ich kenne es, ich leide darunter.
    Das Erstaunliche, immer wieder: es scheint Menschen zu geben, die diese krasse Asymetrie zwischen Verbraucher, Staatsbürger, Steuerzahler, Bankkunde, Demonstrant usw. – und der jeweiligen „Obrigkeit“ gar nicht zu bemerken scheinen.
    Es stimmt ja schon, Reichen wie Armen ist das Betteln und das Schlafen unter Brücken verboten.

  2. Iris

    Obwohl mir ja angesichts der gesellschaftspolitischen Lage derzeit so gar nicht zum Lachen zumute ist, musste ich eben herausgeprustete Kuchenkrümel von meinem Monitor wischen (verursacht von einem spontanen Lachanfall beim Lesen Deines Grolls gegen Meister Proper). Danke! :o)
    Iris

  3. Duke

    @Martin: hast recht – eher Rachefiktiönchen.

  4. lebowski

    sehr schön duke,
    habe mich mehrfach auf dem boden gekringelt vor lachen muhahaha

  5. MartinM

    Duke, Dein Text ist hervorragend, und Dein bitterer Humor sollte zum Lachen sein – aber ich schaffe es nicht, darüber zu Lachen.
    Das ist schlecht, da Lachen bannt.

  6. wirrlicht

    traurig, wenn es nicht so komisch wäre.
    oder andersherum

  7. Nachtfalke

    *grins* danke, immer wieder köstlich! so solls sein!

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