Eibensang

Aus dem Live-Ticker

Ich räume die Skaldenhöhle: verpacke all meinen Kram in Kisten und Kartons. Auch den der Kollegen: Das Echsenflug Studio zieht um. Die Atomlobby lässt die Laufzeitverlängerung für Atomkraftwerke beschließen: mit seichteren Sicherheitsauflagen als bisher, und obendrein so verklausuliert, dass auch ein mal möglicherweise anders besetztes Wahlregime da nicht zurückrudern kann. Auf alle Kartons mit Büchern, Klamotten und sonstigem Privatkram schreibe ich „STAU“: Diese Sachen werden dieses Jahr nicht mehr ausgepackt. Halb oder dreiviertel Deutschland empört sich darüber, dass all jenen Bankern, die mit windigen Gaunergeschäften die Finanzkrise verursachten, die Boni um fünf Euro erhöht werden. Oder so ähnlich. Ich wundere mich darüber, dass meine alten Tagebücher einen ganzen Umzugskarton füllen: Wieviele wären es erst gewesen, wenn ich nicht nur den Bruchteil gerettet hätte aus den früheren, chaotischeren Tagen! Etliche Hartz-IV-Empfänger bekommen jetzt – obwohl sie nicht alle erfolgreich waren bei der Jobsuche – Abfindungen in z.T. zweistelliger Millionenhöhe ausbezahlt… oder so ähnlich: Ich überfliege die Schlagzeilen nur. Politik interessiert mich nicht besonders: Ich habe zu tun.

In dem Dorf, aus dem ich ausziehe, dürfen mir die ansässigen Bauern bei Strafe keinen Liter Milch verkaufen – jeder Tropfen geht exklusiv an den Konzern, und der verteilt es dann über die Dorfläden. Auch das Geld, das ich für die Milch im Laden bezahle, geht an den Konzern. Milchbauern und Musiker sind vom Kapitalismus insofern ausgenommen, als dass sie heutzutage umsonst arbeiten. Kostendeckend kann halt nicht jeder – das gelingt ja nicht mal mehr Bankern. Naja, die bezahlt der Staat: Kein Wunder, dass der Ausländerhass zunimmt (Josef Ackermann ist Schweizer. Aber die wehren sich: Man muss nicht befürchten, dass der Chef der Deutschen Bank demnächst dem Kopftuchzwang erliegt). Seufzend werfe ich einen Haufen Kleider weg: all jene, die ich seit drei Jahren nicht mehr trug – nur wenige Kuriositäten wandern in den „Fundus“ (für etwaige Theaterzwecke: aber wahrscheinlich ist der Karton dann sonstwo verstaut). Auch mein alter Lendenschurz wandert in die Altkleidersammlung: Meine Frau schenkte mir einen selbstgeschneiderten Königsrock, der viel schöner ist. Ich interessiere mich sehr für Mode – natürlich nicht für die der anderen. 🙂

Aus dem allgemeinen Medienrauschen knarzt und keift mir Seltsames entgegen: Das ehemalige Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ sponsort via Titelstory einen alten Mann, der noch ältere Ideen vertritt. Dieser Kauz sorgt sich darüber, dass seine Gene aussterben. Er hat andere Leute im Verdacht, fruchtbarer zu sein als er selber – deshalb nennt er deren Gene (und die InhaberInnen gleich dazu) „minderwertig“. Darüber hat er ein Buch geschrieben. Ich weiß nicht, ob er Kinder hat. Ich habe keine. Schreibe auch ein Buch, aber es handelt nicht von Genen. Vielleicht zögerten deshalb die paar bislang von mir angehauenen Verlage, es zu verlegen (früher war es einfacher: Da hab ich alles selber verlegt – von den Socken bis zum Personalausweis). Gene scheinen voll krass in zu sein. Ich find‘ Biologie eher missverstanden. Mein Vater half einst mit, Europa in Schutt und Asche zu legen im Namen selbsternannter „Herrenmenschen“. Und obwohl ich direkt (und ganz zweifelsfrei) von ihm abstamme – groß, blond, blaue Augen und alles – bin ich ein endgeiler Nigger geworden, der hext und liebt und fühlt… und sich kommende Weihnachten – Jul heißt die Sonnenwende bei uns – mit einem Kumpel verblutsbrüdern will, der auch groß, blond und blauäugig (was uns dermaßen arschfickwurscht) ist: Zusammen kämpfen wir seit anderthalb Jahrzehnten für unsere Überfremdung durch demokratische Ideen, wie sie schon manche Germanen hatten. (Und wären die Deutschen wirklich DIE Nachfahren irgendwelcher Germanen geworden, hätte die Demokratie hier einen besseren Stand: schon traditionshalber. Beim Bragi! Beim Heimdall und bei Sif!)

Die Gene sind also bestenfalls zum Weitergeben da. Wo aber sind sie, wenn deine Kinder auf deine Überzeugungen scheißen? Du wirst sie überzeugen müssen. Dabei helfen dir keine Gene. Die Gene sorgen für Äußerlichkeiten. Wennst sonst keine Argumente hast – dann brauchst halt a gschissens Feature in einem dahergschissnen Boulevardblatt, das heut‘ immer noch „Der Spiegel“ haaßt, obwohl es seinen Inhalt längst homöopathisiert hat: auf 0,002 Promille Niveau im BILD-Schmäh. I hob mein Beruf verfehlt: Bänker hätt i wern solln. Da krixt Staatsknete, wennst ois vergeigst – und am End sponsern’s dir dei Scheiß-Buch: wurscht was drin steht. Wenn des dör Hitler g’hobt hätt: dann hätt‘ der Polen schon ’33 überfalln könn‘!
(Und der Kriech wär‘ vielleicht scho‘ ’39 aus g’wesen: Das Wirdschaffswunder hätt‘ früher o’gfangt – und ich mir ned anhörn müssen, dass die Verlierer nach’m Kriech nix g’habt hom, weil der länger her g’wesen wär’…) Vielleicht wär ich aber gar ned ‚born worn – oder als Indianer im Amerika… demjenigen, das ich lieber hätt‘: UTA („United Tribes of America“, friendly associated with UNO: „United Natives of Overseas“)…
Ist es kindlich, für Träume zu kämpfen? Vielleicht zwingen mich ja meine Gene dazu! 😉

Hütet euch vor blonden Niggern! Die tanzen teuto-afro, und bauen Schlimmeres als Minarette: Den nächstbesten Landhügel nennen sie „heiligen Hain“ – und paaren sich dort mit steirischen Magisterinnen, selbst wenn die nichtmal blond sind. Und wenn das so weiter geht, nehmen sie sogar den Nazis die germanische Mythologie weg. Dann wird Siegfried schwul und Kriemhild lesbisch. Und Attila wird Ásatrú: weil er nie wirklich blond war – und sich umso mehr freut, dass das dort null Rolle spielt. Und Hagen küsst Gunther, obwohl keiner von beiden schwul sein muss dafür. Brunhild aber vermählt sich mit Erkan. Sie trägt keinen Schleier. Den trägt er. Wenn das Odin wüsste! Aber der geht saufen mit Jesus. Vielleicht kiffen sie sogar. Frigg tröstet sich derweil mit Magdalena. Und mit Maria, sowie einem andalusischen Goten, der hier nicht genannt werden will. Freyja? Ist bei mir. Lange schon. Wir malen eine verschlungene Swastika an die Wand, in den Liebespausen. Zum Abschied sagen wir immer: Shalom. Wer das aber für „beliebig“ hält, täuscht sich.

Wir machen Politik: Jesus ist aus der Kirche ausgetreten. Petrus kriegen wir auch noch. Fafnir haben wir zu einer Therapie überredet. Er muss halt hingehen. Michael Jackson zeigt Hel all seine Tanzkunststücke. Sie lächelt! Letzte Meldung: Loki wird Moslem. Statt Mekka schlägt er Mokka vor. Lustig? Von wegen. Sehen wir aus wie welche, die Witze machen? Zieht euch warm an, Ideologen. Wir spülen euch den Abfluss der Geschichte runter. Im Namen des Gefühls, das unsere Herzen befeuert, obwohl es derzeit keinen Namen hat. Aber einander nennen wir es schon wieder. Und meinen es auch so. Wir gewinnen. Ich bin mir sicher: Tatanka Yotanka – Sitting Bull – nickt uns freundschaftlich zu. Wir haben etwas einzulösen – wo immer wir herkommen.

Meine (dunkelhaarige, genetisch eindeutig schon schwer überfremdete) Schwester holt mich ab mit dem Transporter ihres Mannes. Es dauert länger als gedacht, aber am Schluss haben wir alles – bis auf den (noch ungepackten) Kram meines bisherigen Schlafzimmerchens – drinnen. In den Nachrichten lese ich, dass die Polizei genauso willfährig Bürger niederknüppelt wie in meiner Jugend: Stuttgart 21 klingt wie Frankfurt ’81. Ich bedeute Venayra, dass mich nach einem warmen Essen – und sei’s auf erreichbarem Niveau – mehr als gelüstet, und sie heißt mich, auf „Autohof“-Schild zu achten in der nächtlichen Einöde. Grube – der Ganove, der Mehdorn beerbte, um die Abwicklung des einstigen Generationenprojekts Eisenbahn weiterzutreiben – spricht den Protestierenden, die doch lieber kein ausuferndes Milliardengrab im biederen Stuttgart wollen, erst das Recht auf Demonstrationen, dann (weil das so doch nicht durchgehen kann) das Recht auf Widerstand ab: „In Deutschland entscheidet das Parlament, und sonst niemand.“ Schade, dass das niemand eingefallen ist, als das lobbyhörige Wahlregime beim eigentlich demokratisch und parlamentarisch längst beschlossenen Atomausstieg zurückruderte bis in die ungoldenen Verhältnisse der Siebziger (die ich erlebte. Ich „war dabei“: starrte als 15jähriger in Maschinenpistolenmündungen der Polizei. Was ich tat? Musizieren. Ich interessierte mich nicht sonderlich für Politik. Sie stürmten unseren Übungsraum. Wegen des Terrorismus. Hieß damals auch schon so. Hände an die Wand!).

Ich interessiere mich nicht für Politik. Sie interessiert sich anscheinend für mich: mischt sich ständig in meine Verhältnisse, Belange und Lebensbedingungen ein. „Ein Krieger bin ich gewesen,“ sagte Sitting Bull, der Medizinmann, Politiker und Visionär, „eine harte Zeit hatte ich.“ Man schoss ihm am Schluss in den Rücken. John Lennon, den Star, hat es vorne erwischt, glaube ich, mit gleichem Ergebnis. Obwohl der kein Krieger war. Sondern nur ein Träumer. So sang er jedenfalls. Aber nicht der einzige. Erwischen kann es jede und jeden. Gilt für Kriegerinnen wie für Träumer. Für (banal-brutale) Schüsse wie für (gedankliche) Schlüsse. Aber da pflanzt sich was fort -jenseits der anscheinend so sterblichen Gene. Es springt über alle Grenzen. Kennt keine Zeit und keinen Halt. Es ist lauter als Schall und schneller als Licht – und beharrlicher, als die willfährige Polizei (wes Regimes auch immer) verfolgen kann. Es kostet uns Schmerzen, Tränen und Blut, und schier unendliche, überbordende Verzweiflung – manchmal. Jemandem wurde ein Auge ausgeschossen, las ich, von den Wasserwerfer-Panzern in Stuttgart (ich erinnere mich an den Straßenkampf in Frankfurt, in den ich 1981 als durchreisender junger Punk geriet) – meine Telefonrechnung ist exorbitant, weil die Frau, die ich liebe, momentan ein Handy weniger hat (und ich viel über die teurere Leitung fonierte). Aber nicht genug: Alles, alles, alles muss man möglich machen, was nicht möglich ist. Nur so ändert sich was.

Ich bin zu alt, um noch Angst zu haben. Zu jung aber, mich zu bescheiden: mit dem, was erreicht wurde. Ich will es wissen. Ich wage es. Mich liebt die beste Frau der Welt, mit mir musiziert die echte Band der Welt, ich habe einen Moment und eine Religion, der Moment heißt Jetzt und die Religion auch -ich denke, es ist Zeit für eine weitere Gestaltwandlung: Ich werde zum Tintenfisch, Oktopus, Kraken -über die Räume und durch die Zeiten streck und reich ich meine Tentakel. Meine Arme. Schwester Muschel und Schwester Schildkröte verrecken immer noch im Golf von Mexiko, obwohl das Presseloch jetzt verstopft ist. Ran!

Lendenlahm, mit kaum halber Stimme, singe ich das erste Hauruck-Lied, das wir Singvøgel gemeinsam zu dritt schreiben: Ihr seid gefeuert. Allein an die 50 Kisten in den 3. Stock, vulgo Dachboden, raufgeschleppt. Bragishof heißt das Haus meiner Schwester, Hilsbach der Ort. Gleich neben Joy Flemings Haus, deren Hunde bellen. Heute las ich in den Nachrichten, dass Stuttgart Folgen habe. Bei dieser Gelegenheit ein Wort an euch Mitdeutsche: Ihr lasst seit einiger Zeit zu, dass unpassende Bundespräsidenten nominiert werden. Warum lasst ihr Pfeifen, die nicht reden können, die nicht wirklich was zu sagen haben, ein Amt ergreifen, von dem aus nur gesprochen werden kann und sollte?

Habt ihr vergessen, dass man Pfeifen abwählen kann? Wählt sie ab, um Landes (und aller Menschlichkeit) Willen. Solange die Industrie noch nicht quergetrieben hat, dass sich überhaupt wer Repräsentatives abwählen lässt. Es mag ja nicht soviel verändern. Aber es ist eine Frage des Stils, meine ich. Was unterscheidet Zustände in D-Land von Zuständen in Afrika? Bestimmt nicht „die Gene“. Was wetten, bei Gottschalk.

Sind „wir“ nicht „das Volk“?

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