Eibensang

Inspirationen

Ich sang in Epidauros, dem besterhaltenen Amphietheater der Antike, aus einem der besterhaltenen Songs meines bescheidenen Oeuvres: Zentaurentraum schien mir passend, den Zuhörern auch, ich zog den Strohhut zum Applaus. Warum baut man heute keine Amphietheater mehr? In der Orchestra eines solchen kannst du flüstern, und was immer du sagst – man hört es silbengetreu samt Atemhauch bis in die oberste letzte Reihe der lauschenden Runde (und ein mächtiges Etablissement wie Epidauros bot einst immerhin 14.000 Pos die Gelegenheit, es sich mit beiden Arschbacken auf Stein bequem zu machen, ohne in Flirtbelästigung mit dem Sitznachbarn geraten zu müssen)… Ein Traum! Die genialen Hellenen hatten ihn wahrgemacht, und es funktioniert noch heute.

Natürlich hätte ich am liebsten noch viel mehr gesungen, und vielleicht noch lieber deklamiert („…Allen Edlen gebiet‘ ich Andacht…“ 😉 ) – aber als Tourist, deutscher zumal, vor überwiegend französischen, italienischen, womöglich auch noch einheimischen Besuchern… fand ich es unangebracht, mich übers Quentchen (schreibt man das eigentlich jetzt Quäntchen? Egal – ich brauch das Wort eh fast nie 😉 ) hinaus zu produzieren. Das Wenige aber musste sein – auch wenn ich, zugegeben, dafür die Ermunterung von Sturmaugestochter Vitki brauchte. Die andernorts im selben Land beklagte: „Wie sollen wir Vitkis was lernen, wenn wir nichtmal Wasser kriegen?“ Denn keine einzige der Heiligen Quellen, die im 7. Jh. vor Chr. noch munter sprudelten, war 2010 begehbar bzw. betrinkbar für Besucher. Spa-Wasser (nicht für Wellness, sondern Weissagung – denn fit sind wir genug, weise aber noch nicht) zapften wir trotzdem: in Delphi aus öffentlichem Brünnlein, das sich dort immerhin aus demselben Quellchen speiste, welches den Ort – schon Jahrhunderte bevor Apoll auf die bescheuerte Idee kam, den Pythos zu meucheln – zu einem heiligen machte für die Damaligen. Vor denen ich mehr Hüte ziehen möchte als ich jemals hatte.

Quer übern Peloponnes schlurfend, bei oft 40° im Schatten, die sich nachts zuweilen auf erfrischende 30° abkühlten, erforschte ich – von Delphi nach Mykene, von Arkadien nach Olympia – das Schicksal der berühmten Basen und Vettern meiner Großen. Was ist aus ihnen geworden? Es fanden sich Spuren: Zeus betreibt ein Restaurant in Delphi, und es scheint ihm gut zu gehen. Artemis hat eine Töpferei („Greek Art Gallery“) bei Mykene aufgemacht und Poseidon einen Campingplatz bei Naphpli. Oder war’s woanders? Vielleicht hat er ja mehrere. Apollon zum Beispiel ist oft vertreten – meistens mit Pizzerien oder sowas; ich ging in keine, ich bin ein Freund des Pan und des Dionysos, und die lassen sich nicht soweit herab, Touris zu bekochen – gut so.

Mit Schaudern las ich in den Weltklasse-Museen, wann christliche Kaiser so weit gingen, die Zerstörung „heidnischer“ Bauten und Kunstwerke anzuordnen… Nachdem all die prachtvollen Stätten offenbar relativ schnell verlassen worden waren im Zuge des neuen Glaubens: so bald sich der leisten konnte, keinen anderen mehr neben sich zu dulden. Mehr als einmal las ich, dass wenige Jahrzehnte danach dann Erdbeben den einstigen Prunkbauten den Rest gaben (jepp: hätte ich auch gemacht, wenn ich Mitglied eines nach so vielen Jahrhunderten mit einem Mal ver- und ge-schmähten Pantheons gewesen wäre… 😉 ). Man muss aber nicht erst neuheidnisch oder gar germanisch orientiert sein, um den Eindruck zu bekommen, dass nichts wesentlich Besseres oder gar Schöneres nachkam. Geradezu barbarisch wollte mir auf einmal die eigene Kultur vorkommen – und ich meine damit einfach unser aller Gegenwart, das 21. Jh. – angesichts der überbordenden Pracht, Kunst und Schönheit, die einst das Abendland erhellte – und dann so schmählich dem Zerfall anheimgegeben wurde.

Nur vorsichtshalber angemerkt: Ich bin weder ein Freund des Patriarchats noch überhaupt von Gesellschaften, deren Kulturleistungen auf Sklaverei beruhen – entsprechend fern liegt es mir, ausgerechnet jene elitäre Herrenrunde zu verklären, die sich ein halbes Jahrtausend vor Christus u.a. sogar so etwas wie eine (eng beschränkte) „Demokratie“ ausdachte… Aber was die Baumeister und Künstler von damals erhirnten, erschufen und errichten ließen – es hat etwas Ehrfurchtgebietenes und Unübertroffenes. Selbst die zerscherbten Reste und Ruinen sind noch groß (über ihre pompöse Physik hinaus); jeder in Stein gehauene Löwe springt noch immer, vermittelt gar im restaurierten Bruchstück seine Seele und Magie. Fast schon erstaunlich, dass ich mein Staunen überlebte: so oft, wie ich den Atem anhielt. Schier überwältigt schlendert man vorbei an exemplarisch wieder hingestellten Säulen, Tempelteilen… und kann nicht fassen, wie jäh und unwiederbringlich das alles aus der Mode kam. Und wie lang das her ist.

Doch manche Traditionen haben sich (als Reenactment im Kleinen) ganz gut erhalten: So wird auf größeren Straßenkreuzungen mitunter der Trojanische Krieg erkennbar im Auto nachgespielt. Als Fremder muss man da schon aufpassen, dass einen nicht die Myrmidonen überrollen oder plötzlich der große Ajas mit Karacho um die Ecke biegt. Verkehrsschilder dienen dabei nur folkloristischen Deko-Zwecken, zumindest wohnt ihnen keinerlei Autorität inne. Womöglich ist Ares der einzige griechische Gott, der nicht in der Touristikbranche sein Auskommen fand (kein einziges Hotel, kein einziger Campingplatz trug seinen Namen) – man darf stattdessen vermuten, dass er heimlich den Straßenverkehr regiert. Dass es dabei nicht mehr Unfälle gibt, verantwortet bestimmt Aphrodite!

Ja, die Straßen! Ich habe eine Theorie, wie die auf Pelops Insel entstanden: Da hat sich wohl ein traditionsreiches Seefahrervolk von irgendwelchen zugereisten Landratten erzählen lassen, „man“ benötige heutzutage sowas wie ein „Straßennetz“ – asphaltiert, wenn’s geht. Und dann – so stelle ich mir das vor – wurden etliche von Agamemnons ärmeren Nachfahren mit Kübeln heißen Teers unter Androhung von sonstwas ins Landesinnere geschickt, wo sie die schwarze Pampe lustlos in der Macchia vergossen. Wo der Teer dann so hinlief, da ist jetzt das Straßennetz. Voilá – oder besser: Heureka? 🙂

Es ist nicht Spottlust, die mich hier augenzwinkernd übertreiben lässt – sondern Sympathie. Ich schmösse auch am liebsten meine Waschmaschine, wenn sie nicht mehr fungsioniert, aus dem Fenster und ließe sie die nächsten 30 Jahre dort verrotten, wo sie hinfiel. Und wie auch immer irgendwelche Myrmidonen, Atriden und Dorer gewütet haben mögen – ihre griechischen Nachfahren gehören zu den freundlichsten Zeitgenossen, die ich als Fremder je treffen durfte. Und ich möchte mir was abschauen von dieser pragmatischen Lebensart, die mir soviel lässiger und herzlicher erscheint als die eher unfrohe Miene, die in D’land seit je en vogue ist. Vielleicht sollten wir einfach mal mit deutlich mehr Öl kochen. Nicht jeden Scheiß immer derart genau nehmen, und dann noch aus Prinzip darauf herumreiten, als schösse uns jemand Pfeile in die Ferse. Vielleicht gelingt das alles leichter mit einer irgendwie glorreichen Vergangenheit, vielleicht auch nur mit einem unbarmherzigen Helios überm Dach, der soviel ärger brennt als die sanfte Mardøll (bei der man oft froh sein muss, wenn sie sich überhaupt mal blicken lässt). Letztlich aber glaube ich das nicht. Es ist nicht der andauernde Novemberhimmel, der verbissen macht: wohl eher die Verweigerung, noch etwas anderes wahrzunehmen… als das eigene verdüsterte Gemüt.

Nichts zu lachen? Ah geh – hör mir auf: Inzwischen wird doch auch und gerade Deutschland beschissen genug regiert, dass es eines guten Schusses Humor und zunehmender Lebenskunst bedarf, den Alltag zu bewältigen. Wär das nicht was – zumindest als provisorischer „work around“? Verbessert zwar nicht die Verhältnisse – aber erleichtert einstweilen den Umgang damit. Und was die Demokratie betrifft – so als Idee: Sollte man die nicht vielleicht doch nochmal ausprobieren – ich meine, wirklich und richtig? Für alle, und so? (Sogar die Germanen waren damit schon mal weiter als die Deutschen.) Oder hat man hier Angst, dass die Chinesen das dann kopieren… oder vielleicht sogar die Amis…? Beim Odysseus und zum Donner: Ich ließe es drauf ankommen!

3 Reaktionen zu “Inspirationen”

  1. MartinM

    Danke für diesen großartigen Kommentar zu Deiner & Deiner Frau Reise in das Land der Hellenen. Denn darin ist fast alles enthalten, was ich noch über diese Reise wissen wollte, und mich nicht zu fragen traute. (Fast alles, denn das wenige, worauf außerdem noch meine Neugier giert, ist tatsächlich so privat, dass es nicht in einen öffentlich einsehbaren Kommentar gehört.)
    Auch wenn ich es schon mal gesagt oder geschrieben haben sollte (ich habe es bestimmt): ich beneide Euch um diese Reise, und das Einzige, was worum ich Euch nicht beneidete, als Ihr Euch vom Peleponnes meldete, das waren die dort herrschenden Temperaturen. Im Oktober – wenn ich denn Zeit und Geld hätte, habe ich beides auf Gründen, die nicht hierher gehören, nicht – führe ich gern nach Griechenland, oder im April, der nach den glaubwürdigen Angaben eines vom Peleponnes stammenden Freundes der schönste Monat in seiner alten Heimat wäre.

    Mit großer Freude las ich, dass Du im Theater von Epidauros den Zentaurentraum sangest. Denn: es gibt für dieses, Dein Lied, dass nebenbei bemerkt, zu meinen Lieblingsliedern gehört, keinen besser Ort auf Midgard. Für andere Deiner Lieder gibt es andere Orte, zwischen Islands Gletschern und den Regenwäldern Afrikas, aber der Zentaurentraum passt genau dort hin. Ein Lied im Sinne dessen, dem dieses großartige Theater geweiht ist, dem Dionysos, dem hellenischen Gottes des Ekstase, auch wenn Epidauros selbst eher eine Pilgerstätte zu ehren des Heilergottes Asklepios (und praktischerweise ein beliebter Kurort) und des Gegenspielers und Ergänzer Dionysos‘, Apollon, ist. (Ja, IST, nicht wahr – denn wie ich wohl weiß: auch der Große Pan ist nicht tot, und Artemis ist immer noch die Große Muttergöttin – in vielerlei Gestalt.)
    (Und damit meine ich nicht als Namensgeber irgendwelche Campingplätze, Tavernen oder Cafés.)

    Ja, Du weißt, ich habe es mit den Großen, die Deine Großen sind – aber auch ganz speziell und ganz besonders mit einer Großen, die gewöhnlich im Land der Griechen verortet wird, auch wenn sie ursprünglich keine Griechin war: Pallás Athena. (Und sie galt erst in später, sehr patriachialischer Zeit, als Kopfgeburt der Zeus.) Eine etwa stürmische, aber enge, Beziehung verbindet mich mit dem Dionysos. Als Polytheist bin ich da so flexibel, wie er die Alten waren. Denn auch Dionysos war kein Grieche von Geburt.

    Ja, Du hast so recht:
    ??Aber was die Baumeister und Künstler von damals erhirnten, erschufen und errichten ließen -es hat etwas Ehrfurchtgebietenes und Unübertroffenes. ??
    Nicht allein das – denke doch nur einmal an Deinen erlernten Beruf: Theater, Drama, Tragödie, Komödie, Szene, Satire … entlehnt der altgriechischen Sprache. Nicht ohne Grund. Den Grund kennst Du: „Wer hat es erfunden?“ – Die Griechen.

    Wie ich es leicht tunken und deutlich seelenschmerzleidend am Abend nach dem Allthing sagte: „Die Antike hätte nicht zuende gehen dürfen.“ Nein, ich sehne mich auch nicht nach Sklavenhalterstaaten zurück. Schreibe ich, weil so ein Bekenntnis gerne absichtlich missverstanden wird.
    Aber das „finstere Zeitalter des Geistes“, die 500 Jahre zwischen dem letzten antiken Philosophen, Boetius, und der Scholastik, die kam nicht von alleine, das Licht der Zivilisation wurde mutwillig gelöscht.
    Man schiebe die Schuld daran nicht den „Barbaren“ in der Völkerwanderungszeit in die abgelatschten Bundschuhe – die zerstörten viel, vor allem zerstörten sie politische Strukturen – aber die antike Kultur, die zerstörten sie nicht. Es gibt dafür keine Schuldigen, aber viele Verantwortliche. Sie zu benennen reichen Zeit und Platz hier nicht.

    ??Es ist nicht der andauernde Novemberhimmel, der verbissen macht: wohl eher die Verweigerung, noch etwas anderes wahrzunehmen… als das eigene verdüsterte Gemüt.??
    Das nehme ich auch persönlich, lieber Duke. Nein, ich denke nicht, dass „wir Deutschen“ sozusagen kollektiv depressiv wären (wobei mir dabei eher die Schweden in den Sinn kämen, auch wenn es Klischee sein mag). Oder kollektiv mit Zwangsneurosen behaftet, obwohl man die durchaus als die deutsche Gemütskranheit benennen könnte.
    Zumindest von der österreichischen Kultur bin ich überzeugt, dass sie in Abgründe verliebt ist. (Was nichts mit dem Österreichischen Alpenverein und den Bergsportlern zu tun hat.) Also in das gemeinsam erlebte Gefühl der Verzweiflung und des dräuenden Untergangs geradezu verliebt zu sein – die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst – und mit dem Granteln als bevorzugte Kommunikationsform.
    Bei den „Piefkes“ ist es nicht so einfach, weil Deutschland ja mit Blut, Eisen und viel Hinterlist und Tücke erst anno 1871 aus kulturell höchst unterschiedliche Ländern zusammengeflickt wurde. Ich habe den Eindruck, dass sich sehr viele Deutsche (und Österreicher) sich in der Rolle eines „Opfers“ verdammt wohl fühlen – weil „Opfer“ in einer seltsam binären Logik nicht schuld sein können. (In Österreich gereichte die Behauptung, „erstes Opfer der deutschen Nationalsozialismus“ gewesen zu sein, nach ’45 ja sogar zum Gründungsmythos. In Deutschland führt das eher zum pedantischen Gegeneinanderaufrechnen von Opferzahlen.)

    Aber verlassen wir das trübe Thema trübsinniger deutscher Mentalität, und trinken lieber einen Schoppen Wein. Chaire Dionysos!

    Gruß,
    MartinM

  2. MartinM

    Ergänzung zu meinem Schrieb von gestern (und wieso funktionieren die Textile-Anweisungen ?? nicht ??)

    >Vielleicht gelingt das alles leichter mit einer irgendwie glorreichen Vergangenheit,

  3. MartinM

    (Textile-Anweisungen funktionieren wohl doch, aber anders als ich dachte … )

    Vielleicht gelingt das alles leichter mit einer irgendwie glorreichen Vergangenheit,

    Dazu: Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, machte deutlich: „Aus der Geschichte lernen heißt in Deutschland in der Regel zu lernen, es anders zu machen als in der Vergangenheit“.

    Rechne eine Mentalität hinzu, die Fehler mitunter für schlimmer als Verbrechen hält – die Formulierung „einen Fehler begehen“ ist das verräterisch – in der es dementsprechend schwierig ist, Fehler einfach zuzugeben und Fehler zu verzeihen – dann hast Du, denke ich, einen der Gründe, wieso zeitgenössische Deutsche so sauertöpfisch – und in der Abwehr von Schuldgefühlen – rechthaberisch – sind.

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Html wird rausgefiltert, aber Du kannst Textile verwenden.

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