Eibensang

Ans Tageslicht!

oder: Tornado im Eigenbau. Eine Selbstanleitung

„Erfolg,“ sagte Winston Churchill, „besteht in der Fähigkeit, von Niederlage zu Niederlage zu gehen, ohne seinen Enthusiasmus zu verlieren.“ Da muss was dran sein. Als Magiegläubiger (wie ich mich sehe bzw. nenne – könnte es aber genausogut mit dem Hinweis erklären, dass mir das kleine ABC der Seelenkunde vertraut ist) würde ich den Spruch lediglich ins Positive umformulieren: „…und dabei seinen Enthusiasmus zu erhalten“, besser noch: „…das Feuer der Begeisterung wieder anzufachen und jetzt erst recht zu schüren.“ Mit dem Holz der Enttäuschung, wenn’s sein muss (es brennt besser, wenn man’s nach dem Vollheulen trocknet – also die Tränen darauf auch mal wieder abwischt. In die Sonne legen ist auch nicht schlecht. Davon später mehr).

Nein, ich bin kein Stehaufmännchen, das sich nie unterkriegen lässt und das nichts umhaut – gar nicht. Eine meiner wesentlichen Charaktereigenschaften ist Erschütterbarkeit. Mehr noch: Mir liegt ja sogar daran, erschüttert zu werden. Ich pierc‘ mich nicht, ich ritz mich nicht – ich mach einfach nur auf. Will spüren – und spür’s.
Deshalb sehe ich mir ja auch seit je lieber Filme an, wo Menschen (oder annähernd vergleichbare Geschöpfe 😉 ) unglaubliche Abenteuer in extremen Umgebungen bestehen, als etwa „Geschichten aus der Nachbarschaft“ (wie mal eine Fernsehserie in meiner Kindheit hieß… Beide ödeten mich an: die Kindheit wie die Serie). Das Gucken vorwiegender Phantasiekiller konnte ich seither weitgehend vermeiden – durch die Kindheit allerdings musste ich durch. Und dabei hab ich mir auch ein paar schlechte Gewohnheiten eingefangen.

Zum Beispiel die, meine Erfolge zu missachten, gering zu schätzen, kleinzureden – gar: sie zu fliehen, oder nach Kräften zu vermeiden (und ich bin verdammtnochmal ziemlich kräftig. Kraft ist ja blöderweis‘ neutral – erst ihr Einsatz, ihre Richtung, wird moralisch relevant). Ich war noch lang nicht Heide, als sich meine späteren Großen in Asgard längst die Haare rauften: „Wann kapiert der’s endlich?“ Ein Silbertablett nach dem andern reichten sie mir, jedes voller glänzender Gelegenheiten – ich stieß sie um, ging dran vorbei, tat so als säh ich nix, oder als wär’s für jemand anders: traute mich nicht (traute mir nichts zu)… und selbst wenn ich das Glück mal schlürfte in einem unbedachten Moment, erbrach ich mich daran im nächsten. So ging es viele Jahre lang! Dann, trickreich, unermüdlich und zäh, wie sie halt sind (sic!), zeigten sich die Götter mir, gaben sich zu erkennen… Was schon ein echter Fortschritt war – doch weiterhin trug ich die (im Detail bzw. in der Wurzel zugegeben schwer erkennbare, weil so beständig nebenbei eingetrichterte) sittenchristliche Last klammheimlich verinnerlichten Versagensdrangs wie einen Eimer Scheiße im Gemüt: so selbstverständlich wie es mir normal erschien. Weil ich’s nicht anders kannte. Aus Gewohnheit!

Jetzt aber. Gehe ich geschickter um mit meinen Erschütterungen. Solche wahrzunehmen, ja geradewegs zu provozieren, gehört schließlich zu meinen Fähigkeiten. Als denkender (pardon: selber denkender 😉 ) Mensch nehme ich mir allerdings die Freiheit heraus, neue, eigene Schlüsse daraus zu ziehen: mir dienliche. Wer fliegen will, muss landen können. Ich brauche kein Make Up: Mich ziert der Dreck der Erfahrung.

Zum Beispiel Gitarre. Ich spiele nicht Gitarre, um vorzuführen, was für gelenkige Finger ich habe, sondern weil ich nachts oft im Wald war: meine nackten Zehen in die Erde grub, während ich Wasserkanister über einen rutschigen Laubhang hoch zu einer Höhle schleppte, wo wir Feuer schürten – Rauscherlebnisse aber nicht mit Drogen herbeigehext wurden, sondern durch menschliche Gemeinschaft. Von solchen Erfahrungen singt meine Gitarre. Wilde Rhythmen manchmal – die Melodien aber sind langsam und getragen, sanft meist, und klar.

Wenn ich noch besser spielen kann, handwerklich, will ich die Töne auch mal zwitschern lassen: so wie die Vögel, wenn sie die aufgehende Sonne begrüßen, schon eine Weile bevor sie kommt, frühmorgens im Wald. Wer diese Prozession je sah, vergisst sie nie. Es war die Ankunft der Göttin. Für die ich keine Worte finde: Das zu beschreiben, soll mir die Gitarre helfen. Es ist meine wichtigste Botschaft für die Kinder der Stadt. Ich selbst bin eins! Deshalb werdet ihr alle, alle verstehen. Denn niemand, gar niemand wurde dem Beton geboren. Täuscht euch nicht, lasst euch nicht kirremachen. Die Große wird noch aufgehen, wenn das graue Labyrinth unserer Sackgassen im Schlick versinkt – Sie bescheint auch das Grauen (denn Sie ist eine Große), doch Sie scheint auch für dich. Besonders für Dich. Und ihre Botschaft ist: Steh auf. Es ist Zeit. Zeig Deine Erfolge. Bring sie ans Tageslicht.

Jahrhundertelang suggerierte die christliche Kunst, dass Heiligenscheine nur Auserwählten gestattet seien: so genannten Heiligen. Jeder Depp (gute Kunst ist immer für Deppen auch – Leute wie du und mich… 😉 ) erkennt sie an diesem Leuchtkringel überm Kopp. Unter der Sonne kann aber jede heil werden, und jeder – und einen exklusven (!) heiligen Schein verliehen bekommen, einzigartig!, in Echtzeit!, real: ohne dass erst ein Fotograf ein Gegenlicht anknipst… und die moderne Illusion strahlenden Glanzes auf einem Stück Papier verkauft, das im Album verschwindet, während dein Weiterleben glanzlos bleibt und du, je weiter die Zeit verstreicht (und das tut sie permanent), nur die Erinnerung beseufzen kannst: schööönes Bild – damals… Aber jetzt spielt die Musik! Immer nur jetzt! Lass dich bescheinen! Dafür musst du allerdings den gottverdammten Mumm aufbringen, dich selbst zu erwählen. Das ist schwer. Der Rest aber einfach. Stell dich drunter. Unter die Sonne. Reck dich! Bade im Glanz. Was willst du werden – außer ganz?

Ich hatte den Moment, das Gefühl, die Gewissheit, die Belohnung: vorigen Sonntag. Als alles gelang. Es funktioniert. Es war nur eine Übung. Ein erstes Recken. Auf dem richtigen Weg. „Siegen heißt, ich schaff’s!“ Den Song sangen wir gar nicht, am Sonntag. Er singt aber immer mit! Und alle haben’s gemerkt! Selbst, wer ihn nicht kannte. Noch nicht! 🙂

Leicht gesagt? Von wegen. Ich begann zu schreiben, weil es mir an Schlagfertigkeit gebrach. Und ich schreibe noch immer, weil das die Musik meiner Seele ist: Ich teile meine Erschütterung mit -male sie aus, bis du sie wiedererkennst. Ich rüttle an den Gitterstäben deines Gemüts, weil ich meine eigenen kenne – auch wenn die Gründe oft verschieden scheinen (im Endeffekt aber is‘ doch recht wurscht, weshalb man sich verhaften lässt: Knast ist Knast, oder?). In der Tiefe unserer Herzen modern und blubbern Ähnlichkeiten, die ich gern aufwühle, weil sie unser täglich Make Up überflüssig machen: dann zerläuft es, für einen Moment, und manchmal entsteht sogar jener merkwürdige Effekt, den ich „Gemütsregenbogen“ nenne: wenn wir weinen und lachen mögen, gleichzeitig. Für diesen Moment leb ich, denn du trägst diese Erinnerung mit heim, und sie macht etwas mit dir. Denn auch du hast Erfahrungen: deine. Und eines Tages klappt das mit den Gittern. Ich meine: ohne.

Erfolg ist nämlich wie eine Naht: der einzelne Stich mag banal sein, lapidar – kaum erwähnenswert. Viele kleine Stiche aber kloppen Stoff an Stoff, bis aus dem Tuch die feste Hose wird – man kann die Stiche sogar doppelt hinknallen und das Ergebnis eine Jeans nennen: so gut wie unzerreißbar, an den Nähten. Wichtig ist die Vielzahl gleichförmiger Stiche und ihre Regelmäßigkeit: Richtig, das ist Rhythmus. Ich habe einst in meiner Jugend – sehr unwillig und unglücklich – lernen müssen, wie man Hosen näht. Ich meinte immer, das hätte keinen Nutzen und keinen Lerneffekt gehabt für mich. Ha! Die Götter hatten gar nie vorgehabt, aus mir ein Schneiderlein zu machen. Die Botschaft war eine spirituelle: Schaff eine Naht! Bring was zusammen! So sei es: Ich gehe jetzt eine Hose nähen – nicht aus Textilien, eher aus Wind… verschiedenen Sorten Wind. Im Namen des Sturms, der tobt, im Namen des Herzens, das schlägt, für das Gras, für die Berge, für dich und mich: eine Windhose! Sie fängt mit einem lauen Lüftchen an – das sich bewegt. Unmerklich erst: Sein Beginn ist ein Lächeln, nur ein Lächeln. Auch gute Musik – oder sagen wir’s fairer, freundlicher: die von Erwachsenen 😉 – baut sich langsam auf. In jeder Hinsicht. Genau: so wie das richtige Leben.

Eine Reaktion zu “Ans Tageslicht!”

  1. Katja Fuchs

    hallo duke,
    das kenne ich, bin auch eine die sich oft selbst im weg steht.
    ich sende dir auf diesem wege mal eine herzliche umarmung.
    ich hoffe wir sehen uns mal wieder.
    🙂
    katja

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