Eibensang

Die Feuer der Leidenschaft

Zur Stunde, da ich dies tippe, sollten sie brennen. In mir tun sie’s – wenngleich ohne Scheit und Prasseln. An keinem Fest bin ich heute beteiligt, außer dem der Menschheit und dem in meinem Inneren. Aber ich tanze nicht, küsse und schmuse nicht -Bedauern unangebracht: Besser geht’s mir als vielen von euch, derzeit. Hat sich einfach so ergeben, dass ich heut‘ nur auf Koffern sitze – die aber nichtmal für einen Gig gepackt habe, geschweige für Aufregenderes. Fahre nach Berlin morgen, obwohl ich einen wichtigen Grund weniger habe, mich drauf zu freuen, als noch vor Wochen. Aber die Zeit vergeht, und mit ihr manches, was man schon für fest hielt und im Werden. Manchen Keim zerstört der Hagel. Falls es so aussehen sollte, als käme ich leicht über sowas hinweg: So darf es aussehen. Gebe mich gern als alten Krieger, der ich ja auch bin, und tu so, als machte mir noch ein Schmiss über die narbige Blutpumpe kaum was aus. Man hat seinen Stolz und seinen Schmerz – und gelernt, wann sich was davon zu zeigen geziemt.

Vermissen kann ich grad kein Fest – außer vielleicht eines: das einer lieben Verbündeten, von der ich wieder mal lange nix hörte, der ich ungeachtet dessen absagen musste (so oder so) wegen meinem (jetzt eh pragmatisch-ungeliebten, aber auch anderweis‘ unabdingbaren) Berlinkurzbesuch. Ich hoffe, du hast gute Feuer, noch bessere Gesellschaft, eine großartige Zeit und ebensolche Küsse oder Überraschungen, Wandlungsvolle. Sing ein Lied für mich mit. Ich vermisse, wie gesagt, Fest grad keins. Wie viele Beltane-Feiern hab ich ertragen, wie viele enttäuschten mich, obwohl ich längst vorher wusste, dass sie nie so würden, wie ich mich ihrer gern erinnert hätte! Sie waren beispielhaft dafür, wie wir immer auseinanderklafften: meine Sehnsüchte und die vorfindbaren Wirklichkeiten. Mein Spannungsfeld „Heidentum“. Gelebtes. Erlebbares?

Was hat sich verändert seither? Lässigkeit hat sich eingestellt bei mir – aber nur äußere. Innerlich bin ich geblieben, was ich mit 13 Jahren schon war. Ein brennender Scheit für das nächste Beltane – egal wann ihr es feiert. Nicht egal, wie. Mein Holz müsste längst alle sein. Aber irgendwer oder -was legt immer was nach. Es will nicht verrauchen – ob ich mich als Nichtraucher gebe oder als Mitpaffer. Eines Tages muss ich noch etwas ganz anderes anzünden. „Diesen Brand stiftete… Fjölnir Eibensang.“ Und ja, Herr oder Frau Richterin, ich würde es wieder tun. Ich bin der Fackelweiterreicher. Ich reiche das Feuer weiter. In die nächste verschwitzte Hand des nächsten Läufers, das hungrige Herz der nächsten Jägerin – aber wenn niemand mehr da steht und mir die Fackel abnimmt, bin ich es, der entscheiden muss, was mit der Flamme, die so lange durch so viele Regen, Unwetter, über Berge und Schluchten und Pfade getragen wurde, passiert. Wozu sie da ist. Wissen wir alle. Auch Sie, Frau oder Herr Richter. Wir Weiterreicherinnen tragen sie seit dem Anbeginn unserer Rasse, der Menschheit. Wir sorgen dafür, dass es niemals ausgeht, das Feuer. Sie dachten, dies sei nicht mehr nötig seit der Altsteinzeit – seit jenen ersten Nächten, die erhellt wurden von den Lagerfeuern der Haarigen, die es auf einmal selber entzünden konnten und nicht mehr auf Gott Blitz warten mussten? Haben Sie eine Ahnung, Herrfrau Richteriche. Seit Anbeginn dessen, was Sie Zivi’sation nennen, ist es erst recht und richtig nötig geworden, und seit der Dämmerung dessen, was Sie für „Geschichte“ hielten, umso mehr: Jemand muss das Feuer wachhalten.

Ja: inmitten dieser lichtsmogverseuchten Metropolen voller Leuchtmittel, inmitten dieser grellen Realitäten zwischen Napalm- und Nuklearwaffen, rings um diese schrecklichen Wohnstuben herum, wo nur noch das fahle Flackern der Bildschirme vereinsamten Gemütern die persönliche Depression taktet. Wo Erlösung nach Sprengstoffgürtel riecht, wo so genannte Lichtarbeiter ihre Leute ins Nochdunklere locken und dort gezielt herumtappen lassen, um ans Geraschel ihrer Brieftäschlein zu kommen -wo Kameras deine Bewegungsprofile speichern und Suchscheinwerfer dich blenden, wenn du erwischt wurdest in Bewegung: Überall dort ist kein Licht, sondern nur unbarmherzige Grelle oder Fahlheit oder hoffnungslose Düsternis oder all das zusammen. Sind wir freie Menschen oder Lagerinsassen? Was sollten wir sein? Goldene Käfige haben auch nur Gitter.

Ich bin ein Diener der Sonne, und jeder Holzscheit trägt ihre Kraft in seinem Inneren. Hitze bedeutet molekulare Bewegung auf hohem Level, Feuer vermag Materie in Licht zu verwandeln, und mensch mag grausame Dinge damit anstellen oder segensreiche – vor der Macht der Flamme knien wir heute wie damals im Morgenrot der Menschheit. In jeder romantisch gemeinten Kerze schwingt der Zauber des allerersten Lagerfeuers unserer Vor-Vorfahren nach, die in seinem Rund das Lachen, Singen und Flöten lernten, weil sie zum ersten Mal seit Generationen satt geworden waren, wussten, dass sie wieder satt werden würden, und das war der Beginn unserer Spezies: Derer, Die Einander Helfen Und Dies Weitererzählen. So nannten wir uns seit jener ersten Nacht, da wir Gott Blitz eine gute Statuette schnitzen konnten und sagen: Na, lass ma‘, du. Das können wir jetzt söba. Und seitdem gibt es uns Fackelweiterreicherinnen. In der elektrifizierten Blitzgewitterwelt sind wir wieder wichtig geworden. Denn während der Globus an so vielen Stellen brennt, sind so viele Herzen kalt und am Veröden. Vielleicht bedingt das einander. Theorien interessieren nicht so. Uns ist nach Lösungen. Auch soviele Worte sind verbrannt. So viele Strohfeuer erloschen. Ideologien haben Länder verheert – dieses ganz besonders. Schon Zündeln riecht nach Sprengstoff – oder Fackelzug: was in Deutschland schon immer zu nah beieinander war (fragt Europa. Die weiß es noch). Es geht also nicht darum, mal eben Flammen zu werfen. Dazu wohnen die Probleme auch längst zu nah an den Lösungen und vice versa. Ein kleiner Wind nur, und diese ganze Gesellschaft steht in Brand. Die Machthaber wissen das. Deshalb sind die so nervös. Deshalb drücken die noch mehr. Und lachen hysterisch. Und ihre Vasallen lenken ab. Und lachen und lärmen noch mehr. Doch sie stehen am Rand ihres Abrutschens. Und wir wissen es. Wir müssen es beschleunigen. Doch Vorsicht ist angebracht: Brennend werden sie auf uns rutschen. Das eine schmarotzende Prozent auf die 99. Das ist systemisch so vorgesehen. Die Zivili-City ist so gebaut.

Heute ist Beltane. Die Heiden feiern ihr, äh, ja. Sie machen Musik und trinken und rauchen und zünden Feuer an, um die sie herumtanzen. Wenn sie mutig sind, träumen sie. Wenn sie ganz mutig sind, träumen sie morgen immer noch: wenn die Küsse, die paar trotzdem getauschten, ihre eifersüchtigen Rattenschwänze und B.-Ziehungskräche nach sich ziehen in sittenchristlicher Tradition. Das ist nämlich das Wesentliche an Beltane: nicht das Küssen, Schmusen oder Tanzen. Sondern das Träumen: davon, dass dergleichen noch in ganz anderem Stil und Maß möglich sein sollte. Manche projizieren solche Sehnsüchte in die Vergangenheit. Dort hat das Zeug womöglich nie stattgefunden – jedenphalls nicht so. Andere projizieren es hoffnungsseufzend in die Zukunft. Die war aber erstens „früher auch besser“, wie bereits Karl Valentin treffend vermerkte. Zweitens findet die nicht statt. Sie bleibt eine Projektion jeweiliger Gegenwart. DIE aber bleibt, solange wir Hoffnungen in die Zukunft schießen, treffsicher unbemerkt. Wie sang Nina Hagen 1978 ebenfalls treffend? „Wennde scharf bist, musst du rangehn.“ Was ich damals allzuoft versäumte. Bis ich endlich begriff, worum’s geht. Der richtige Zeitpunkt ist immer nur jetzt. Naja: Manchmal mag es der falsche sein. Aber das ist verschmerzbar. Es ist und bleibt nämlich der einzige. In diesem Sinne: Haste ma‘ Feuer? Wenn nicht, geb ich dir meins. Ich trage die Fackel. Hier. Nimm sie. Mein Herz spricht darin, und ich möchte, dass du es weiterträgst. Das musst du mir versprechen. Trag es ans Feuer, ans nächste, spring drüber und tanz mit. Wir sehen uns im Diesseits. Unter den langen Schatten, die wir heute werfen, und die Ereignisse mit uns. Hei ho! Dein guter Kuss, Wildfang – ich reich ihn weiter. An all meine Geliebten, und die sich’s werden trauen.

Beltane
Und dies ist die Wurzel des Stammes.
Und dies ist der Saft auf der Kuppe.
Und dies ist die Knospe die schwillt.
Und dies ist der schmelzende Schnee.
Und hier sprießt das blühende Leben.
Und hier trinkt die blühende Lust. 
Und hier kommt das Ende der Kälte.
Hier hebt der Gehörnte sein Haupt.
Und hier hast du mich gespiegelt, Schöne,
und meine Wildheit geschaut. 
Und hier ist das morsche Land Sehnsucht.
Und hier kommt der Blitz aus dem Blau. 
So schiebt sich die Schlange der Wälder
tief in das Moos der Frau. 
Und SIE ist die sprudelnde Quelle,
der niemals begradigte Bach. 
Hier haben wir uns befrühlingt.
Hier unter dem Blätterdach.

Nur eine maßlose Liebe ermöglicht ein Maß menschlicher Macht.

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