Eibensang

Auf Katzenpfoten

Paris: Quartier Latin, Metro, Brasserie, Chat Noir, die Seine, Straßensprachfetzen von Spanisch bis Mandarin, und ein wundervoll wurmstichiges Hotelzimmer ohne TV-Apparillo. Die Großstadt der Liebe: Fahrt nicht unverliebt dorthin, sonst verliebt ihr euch in wer weiß was oder wen. Nicht die Schuld der Franzosen, dass ein gutes Essen für mich nicht dadurch besser wird, dass man es sahnig unterbuttert, mit drei Sorten Käse gratiniert und dann noch, besonders gut gemeint, ein Spiegelei drüberklatscht: Geschmackssache. Grande Nation ist das trotzdem (nur die Cuisine wird überschätzt:-). Europa – das alte – bläst, glänzt, schimmelt und erinnert aus allen Ecken. Ich war in keinem Museum: Die Gassen allein schon kulturelle Augenweide genug (als Deutscher bin ich da unverwöhnt). Irgendjemand in Paris trägt ein gestreiftes Jersey-Mützchen, das man nirgends zu kaufen kriegt (vielleicht in Asien?).

Ortswechsel: Musikmesse Frankfurt, Tage davor. Jene kleine deutsche Band, die ich letztes Jahr noch sympathisch fand, hat inzwischen ihren Manager – nachdem er Tausende Euro in ihr kleines Scheißprojekt steckte – einfach sitzengelassen: junge Leute halt. Vielleicht sollte so ein Manager lieber die Singvøgel managen. Ich sagte ihm das aus den Augenwinkeln, während wir uns über Krankenhausoperationen und Biersorten unterhielten. Augenblicke zwischen Menschen sind wichtiger als Krankensorten oder Bierhäuser. Auf einer sterbenden Messe des hybridsiechen Kapitalismus umso mehr. Die Singvøgel sind eine ältere Band. Ich zum Beispiel bin 51. Mein Mitsingrefrain lautet: „Wir überleben den Untergang.“ Erfahrungssache. 🙂 Heute habe ich externe Peripheriegeräte an meine Aufnahmekonsole anschließen gelernt, und schon klingt alles besser (wenngleich nicht, wie der Laie oft meint, „auf Knopfdruck“: Da ist schon einige Arbeit erforderlich – die mir keiner beibringt. Aber wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, dann muss sich der Prophet halt einen schaufeln. Und dafür das Hantieren mit dem Spaten lernen. Oder so ähnlich).

Ein Künstler ist jemand, der sein Zeug auch dann macht, wenn es ihm bei Todesdrohung verboten wird. Manchmal besteht die Gefahr nur aus dräuenden Rechnungen oder, schlimmstenfalls, wohlmeinenden Freunden. Es sind dieselben, die gerne auch Kunstwerke bewundern. Zum Beispiel solche wie die eines van Gogh, der sich ein Ohr absäbelte aus Verzweiflung darüber, seine Gemälde zu eigenen Lebzeiten nichtmal zum Kilopreis vertickt zu bekommen. Haltet mich, Freunde, bitte am Boden fest, wenn ich demnächst Erfolg habe: Mich beflügeln bereits Winzigkeiten. Zum Beispiel ein Auftritt auf meinem Lieblingsfestival: Seedcamp Austria 2010. Ich bin Gegenwind gewohnt, Flaute in den Gemütern gegenüber und Kälte in den Knochen. Ich bin einer, der Kerzen anzündet mitten in Niflhel; einer, der Schlachtfelder aufsucht um Flugblätter gegen Waffenhandel zu verteilen; oder – zum Musikbusiness vielleicht passender – wie jemand, der Liebesbriefe verfasst und vorliest im Bordell.

Wisst ihr wirklich nicht, warum man so etwas tut? Ich habe es immer getan, kann nichts anderes tun. Tat es lautstark lange, aber seit Lautstärke selbst für Schlager obligatorisch wurde, schleiche ich meine Angriffe auf Katzenpfoten. Mögen die Köter kläffen: Ich raune, miaue, heule. Du triffst mich auf den Dächern der Stadt: direkt unter dem Mond. Eure Wirtschaftskrise interessiert mich nicht: Mir ging es immer schlecht, ökonomisch. Ihr nähert euch gerade meinem Niveau an, Angsthasen. Wenn ihr mal aufhört, eure illusionären „Sicherheiten“ zu umklammern, könnten wir eine leiwande Party feiern. Die (mindestens) halbe Welt macht euch längst vor, wie das geht. Warum sind ausgerechnet die Privilegiertesten auf Mama Globus derart unglücklich, als hätten alle guten Geister sie verlassen? Hört auf mit dem Wahnsinn: Das Geld kann man eh nicht fressen. Und wenn man’s doch tut, wird man wie Josef Ackermann. Den mögt ihr doch nicht. Oder doch? Heimlich doch? Hey Leute: NEIDET ihr nur? Ihr Idioten!

Hey Joe: Gib mir ALL dein Geld, all deinen Einfluss, deine MACHT. Ich wäge das ab. Sorry: Es wiegt nicht einen einzigen Mix von mir auf. Und schon gar keinen Liebesbrief. Ich tausche nicht! No Deal! Sing mir was vor, Joe. Sing den Schwanenritter, oder Es war einmal. Oder wenigstens „Weiße Rosen aus Athen“ (oder weiß der Pleitegeier, auf was fürn Schmonz DU stehst – falls du dazu überhaupt in der Lage bist, Effizienzboy!). SING! Sing mir das Lied von der Wall Street. Ich rechne dir den Erfolg vor: den Erfolg der Singvøgel. Wir singen für berstende Herzen, und mit ihnen. Wir singen für blutende Fäuste, die – noch – in leeren Taschen stecken. Sie werden dort nicht bleiben. Nichts hält ewig, weißt du. Meine Börse sind die Lagerfeuer dieses Landes – und dort brodelt es allmählich. Wir trinken da. Für welche deiner Bilanzen hat je ein Meister einen Met gebrannt? Wer liebt dich, wer schätzt dich wirklich, wer fängt dich, wenn du strauchelst? Hast du überhaupt Freunde, Joe? Nicht mein Problem! No deal, boy. Ich habe einen anständigen Beruf. Du nicht.

Zeitwechsel. Im Mittelalter konnte man sich nicht vorstellen, ohne Gott zu leben. Heute nennt man dieses Zeitalter ein „finsteres“. Heute ist es normal, dass Konzerne Flüsse und Hirne vergiften, und das erbärmliche Scheitern der Klimakonferenz von Kopenhagen ist ebensowenig verwunderlich wie das Morden in Afghanistan oder im (medial weniger attraktiven) Kongo. „Geld regiert die Welt“ findet man heute, und es ist ganz unvorstellbar, dass die Welt auch ganz anders sein könnte. Obwohl sie das immer wieder war, und sein wird. Die wirklichen Veränderungen kommen nicht so lautstark, wie sie nachher in den Geschichtsbüchern stehen oder von Hollywood nacherfunden werden. Es sind die vielen unbekannten Leute, die die wirklichen Veränderungen bewirken. Die vielen Leute, die die Welt ändern wollen, und die sie ändern. Sie haben keine Presse, keine Hofberichtserstatter, keine Lobby. Aber sie ändern. Alles. Sie werden immer verraten, und sind doch unaufhaltbar, denn sie sind die Mehrheit. Oder war es irgendein Imperator, ein Kaiser oder Heerführer, oder gar Bankier, der uns von den Sklavenfesseln der Antike befreite? Ich wüsste doch nicht. Du warst das, du und ich waren das. Unsere Vorfahren, Nachfahren, und Zeitgenossen: wir Unbekannten. Du und ich. With a little help from our friends. Und es ist Zeit, wieder mal!

3 Reaktionen zu “Auf Katzenpfoten”

  1. MartinM

    Danke für diese – für mich unbequeme – Wahrheit:

    „Ein Künstler ist jemand, der sein Zeug auch dann macht, wenn es ihm bei Todesdrohung verboten wird. Manchmal besteht die Gefahr nur aus dräuenden Rechnungen oder, schlimmstenfalls, wohlmeinenden Freunden.“

    Obwohl – ich weiß es schon lange, aber wie es mit unbequemen Wahrheiten so ist: ich verdränge sie.

    Dass die Gassen in Paris allein schon kulturelle Augenweide genug wären – als Pariser wäre ich da vermutlich anderer Ansicht. Und auch als Deutschen weiß ich, dass Paris die europäische Hauptstadt der Gentrifikation ist. Ja, diese Sichtweise ist unromantisch, enttäuschend. Aber ich will, dass das, was von legendären „Pariser Flair“ noch übrig ist, ja lieben, erleben. Denn, wie Du schrobs: „Als Deutscher bin ich da unverwöhnt.“ Das wird es sein: Hunger. Eine Hunger, den ich auch verspüre.
    Warum ist Lübeck meine „deutsche Lieblingstadt?“ – Wegen der intakten, dass heißt, als solche funktionierenden Altstadt. Hamburg hat so etwas nicht, Berlin nicht, Würzburg nicht, Dresden auch nicht, München vermutlich nicht mehr, Nürnberg und Wien nur noch in Ansätzen – und Rothenburg ob der Tauber schon nicht mehr, seitdem in der Romantik seine Romantik entdeckt wurde. (Wien rechne ich frecherweise mal zu den deutschen Städten, ohne „großdeutsche“ Hintergedanken, einfach vom subjektiven kulturellen Eindruck her.)
    Was zeigt: es liegt nicht nur am Erhaltungszustand des architektonischen Erbes, ob eine Altstadt „intakt“ ist. Wobei Lübeck den Nachteil hat – Lübecker mögen mir verzeihen – ziemlich provinziell zu sein.
    Meine Sehnsucht gilt einer Stadt, die zugleich weltstädtisch, multikulturell im besten Sinne, kulturell lebendig – und zugleich behaglich, pittoresk, lebensfroh, tradtionsverbunden ist. Beides zusammen ist im deutschen Sprachraum nicht zu haben. In Paris vielleicht auch nicht, aber man darf ja träumen.

    Sklavenfesseln – ja, die gab es nicht nur in der Antike. Es ist mir erst vor kurzem klar geworden: Auch die Welt des Barock war ein Sklavenwelt, die Welt des Absolutismus, die Zeit, in der Paris zur glänzenden Metropole wurde, die Zeit des Merkantilismus, des heimlichen und unheimliche Vorbildes jener Wirtschaftspolitik, die zu Unrecht, weil sie zutiefst antiliberal ist (außer in ihren Dogmen vom freien Markt, den es real nirgends gibt), „neoliberalistisch“ genannt wird.
    Sklaven schufteten auf den Plantagen in den Kolonien, leibeigenen Bauern auf den heimischen Feldern. Söldner, oft zum Dienst gepresst, und bei Bedarf ihres „hochwohlgeborenen“ Herrschers von „Gottes Gnaden“ – wie eine Viehherde verschacherbar, verbluteten auf den Schlachtfeldern. Der größte Teil der Menschen auch im Preussen des „aufgeklärten Absolutisten“ Friedrich zwo, oder im Österreich der „milden“ Herrschaft seiner Erzfeindin Maria Theresias waren so unfrei wie die Sklaven Roms. In mancher Hinsicht sogar noch unfreier, denn in Rom konnte ein „Freigelassener“ sozial aufsteigen.
    Sozialer Aufstieg war im Absolutismus nicht vorgesehen. Und daran zerbrach er. Wie alles, was zu starr ist.
    Ich hoffe – oder fürchte? – dass das heutige „Ancien Regime“ auch daran zerbrechen wird.

  2. Karan

    „… schmieden sie im Flüsterton aus Gesprächen Bomben. Rebellion, Rebellion

  3. MartinM

    Ja, Karan, dass wird’s sein: der Mythos Paris ist vor allem der Mythos der Revolution.

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