Eibensang

Angst vorm schwarzen Mann

In Ermangelung des Ficks, den ich heute gerne gehabt hätte, oder der romantischen Affäre (wobei die eine den anderen nicht ausschlösse), kam mir ablenkungshalber ein abstrakter Gedanke. (Anm.: In Wahrheit ist der, wie auch das erwähnte Nichterlebnis, schon ein bisserl her – ich konnte mich aber nicht von dieser mir schmissig erscheinenden Einleitung trennen. Aber keine Bange – es wird gleich knochentrocken!)

Ich darf, glaube ich, Konsens darüber voraussetzen, dass wir in unserer Kultur die Bereiche „Gefühl“ (inklusiv: Trieb) und Verstand (inklusiv: Intellekt) als voneinander trennbare oder getrennte erleben: nicht nur oder kategorisch, aber immer wieder, oft (vielleicht zu oft: aber ich will hier nicht werten, sondern nur klar gucken).

Gestreichelt und geschmeichelt, aber doch ungeküsst heimgefahren (was mit diesem Essay nichts zu tun hat, es beschäftigt mich nur auch 😉 ), sortierten sich mir – wie ungebeten eingeladen – vier resultierende Wege obiger Grunderfahrung. Natürlich dachte ich über Kunst nach: wie immer, wenn ich gefressen habe (denn das Fressen kommt zuerst, ist dann aber nicht alles: Ihm folgt die untierische Art Hunger, die mich zum Menschen macht. Jener Hunger aber ist nicht weniger unerbittlich als der des Magens, wiederum). Ausgehend von diesem definitiven Kern des Mensch(lich)seins – Kultur und Kunst – fragte ich mich einmal mehr, was aus der Getrenntheit von Verstand und Gefühl so alles resultiert. In den Dschungel schlug ich, um ihn zu durchqueren und, womöglich, in seiner Größe ahnungsvoll zu erfassen, schließlich vier Schneisen. (Schneisen sind künstliche Wege: Konstrukte. Ich verwechsle sie nicht mit dem Dschungel selbst, dessen Durchquerung sie ermöglichen sollen. Ihn aber kann ich nur beschreiben oder ahnbar machen anhand der Schneisen, die ich schlug.) 😉

Und mit Schneisen meine ich hier: vier Verhältnisse der Interaktion zwischen Gefühl und Verstand (auch: Trieb und Intellekt). Um sie zu veranschaulichen, bemühe ich ein Bild von infantilisierender Einfachheit, auch wenn das nicht „political correct“ anmutet. Ich brauche die Einfachheit des Bildes, um die Abstraktion des Gedankens im Sinnlichen – und damit: im Relevanten – zu halten.

Schließlich bin ich kein Akademiker, der sich an der schieren Komplexität seiner Gedanken zu berauschen traut (altdeutsche Beschreibung für mind fuck). Ich bin nur ein Straßenkind, das seinen Hauptschulabschluss mit Ach und Krach geschafft hat (Note 3.8 – auf dem zweiten Bildungsweg, übrigens). Um keine Ghettholegende zu stricken: Ich war auch mal auf dem Gymnasium gewesen, aber bin dort rausgeflogen, weil mich niemand gefickt hat. Aus dem gleichen Grund flog ich bald danach auch von der Realschule. Es ist nicht gesagt, dass ich Abiturient geworden wäre oder maturiert hätte, wenn ich Sex bekommen hätte, als ich nichts dringender brauchte. Sicher ist inzwischen nur, dass meine damals ungestillte Sehnsucht nachhaltigere Folgen hatte als mein daraus resultierender Bildungs- und Statusmangel.
Wem ich hier zu abstrakt argumentiere, soll seinen Göttern danken, nicht auch noch mein Bett zu teilen: Ich ficke genauso penetrant wie ich philosphiere. Fragt die vom einen Begünstigten, ihr vom andern Geplagten. Aber zurück zum Thema.

Das infantilisierende Bild, das ich der Einfachheit halber bemühe, um meine Gedanken zu veranschaulichen, ist „Angst vorm schwarzen Mann“. (Ich habe das aus dem Kindergarten, es galt als Spiel. Ich hasste es: Ich war immer der „schwarze Mann“. Obwohl ich blond bin, und damals kein Mann war, sondern nur ein schüchterner kleiner Junge.)

Warum ist die Welt, wie sie ist? Vielleicht auch aus Gründen schierer Quantität: Denn von den vier Interaktionen zwischen Gefühl und Verstand (Intellekt und Trieb), die ich als markante herausstellen mag, aufgrund von Erfahrung und Beobachtung, münden nicht weniger als drei ins Mittelmäßige. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?

Gehen wir bei allen vier Wegen, auch das gehört zur veranschaulichenden Einfachheit, von einem Gefühl der Angst aus. (Es gibt andere Gefühle: aber Angst ist uns Kultivierten so urvertraut, dass darüber ein gewisser Aha-Konsens bestehen dürfte.) 😉

Ausgangslage: Das Gefühl ist Angst, es wird mit der Wahrnehmung „schwarzer Mann“ verknüpft (wohlgemerkt in dieser Reihenfolge. Ist nicht von vornherein Angst da, lässt sich auch keine auf „den schwarzen Mann“ projizieren – sowenig wie auf sonstwen oder -was. Ihn wahrzunehmen, verstärkt sie nur: macht sie konkret). Ich muss nicht betonen, dass der „schwarze Mann“ hier für beliebig austauschbare Inhalte / Feinde / Täter / Opfer / Bedrohungen, vermeintliche wie „gefühlte“, steht?

Interaktion 1: Das Gefühl Angst, das sich, dankbar für seine Begründung, am „schwarzen Mann“ konkretisiert, wird überprüft vom Verstand.

Das ist menschliche Natur, obzwar, wie wir gleich sehen werden, keineswegs ein pauschales Kompliment für den Verstand. Auch Dumme denken. Sie schlussfolgern halt Blödsinniges, und gerade weil dies keinen Sinn macht, sind sie für eingeredeten Blödsinn umso empfänglicher: Der Blödsinn bezieht seine Autorität auf die Dummen nicht aus einer inhärenten Schlüssigkeit, auch wenn es so zu scheinen scheint, sondern daher, dass er ihnen überhaupt eingeredet wird. Den Dummen reicht genau das als Bestätigung. Es hat den Effekt der „Erstprägung“: Wer den Dummen zuerst den Blödsinn einredet, hat sie geprägt. Sie glauben dann keinen anderen Blödsinn mehr, sondern kommen immer wieder auf die Erstdeutung zurück. Da sagt sich dann leicht: „bild dir deine Meinung“. Es lässt sich keine andere mehr bilden als die, die beispielsweise in jenem Blatt steht, das mit einer „Zeitung“ soviel zu tun hat wie ich mit einem Rockstar. Man sieht einander entfernt ähnlich, sonst nichts. Arbeit, Intention und Ergebnisse beider sind verschieden.

Der Verstand – wir sind immer noch bei Interaktion 1 – kommt zum Ergebnis „jawoll“. Er bejaht das mächtige, authentische Gefühl „Angst vorm schwarzen Mann“ mit der Bestätigung: „Ja. Es ist der schwarze Mann, der dir Angst macht. Er stellt die Bedrohung dar.“ In diesem Fall sind Argumente zwecklos: Denn der Verstand macht sich hier zum Diener des Gefühls. Weil das aber immer authentisch ist, wird der betreffende Mensch immer die Echtheit und Stärke seines Gefühls als Gewissheit nehmen, im Recht zu sein: auch mit seinem dies bejahenden Verstand. Eine Verneinung hieße für den Betreffenden, sein Innerstes zu verleugnen, seiner Ehre verlustig zu gehen, zu lügen und zu verhehlen. Solch ein Mensch wird kämpfen für seinen Irrtum. Diskutanten wird er irritieren und verwirren: Was er im Gespräch zu finden begehrt, ist nicht Diskussion – die Idee versteht er gar nicht! -, sondern Bestätigung oder Ablehnung. Im Sinne von: Seid ihr meine Horde oder eine andere?

Kennzeichen von Interaktion 1 ist ein Verstand, der seine schwachen Muskeln gerade mal dafür in Bewegung zu setzen vermag, den jeweiligen Gefühlsinhalt zu bejahen und „argumentativ“ zu untermauern. Natürlich sind die Argumente meist jämmerlich: Sie zeugen nur von der Verstandestätigkeit überhaupt (andernfalls wäre der Proband ein Schimpanse. Die argumentieren nicht miserabel, sondern gar nicht.) Typisches Symptom – denn es hat nichts Natürliches – des Verstandes in Interaktion 1 ist, das Gefühl („ich habe Angst“) mit dem wahrnehmbaren Inhalt zu verwechseln und untrennbar zu vermengen („da ist ein schwarzer Mann“).

Interaktion 2 (die Nummerierung ist beliebig, sie dient der Unterscheidung, nicht einer Wertung): Der Verstand überprüft anhand des Gefühls dessen Wahrnehmung und kommt zum Schluss, das Gefühl sei falsch. Kurioserweise unterliegt der Intellektuelle -denn er kommt hierbei zum Vorschein, wir nennen seine Symptomatik IA 2 -derselben Tragik wie der Dumme: Auch er verwechselt und vermengt das Gefühl mit seinem Inhalt, er kommt nur zu anderen Urteilen. Der Dumme sagt ja, der Intellektuelle nein. Der Dumme folgt seinem Gefühl und bestärkt es mit den Kräften seines Verstandes. Der Intellektuelle verneint sein Gefühl und unterdrückt oder ignoriert es mit den Kräften seines Verstandes. Das macht viel aus vom schlechten Ruf Intellektueller: Denn an eine persönliche Grenze getrieben, rächt sich das unterdrückte Gefühl. Die Reflexe physisch oder emotional in die Enge getriebener Intellektueller haben in aller Regel keinerlei Ähnlichkeit mit den Idealen, die sie in ausgeglichenerem Gemütszustand vertreten und womöglich predigen. Das ist der Moment, wo dem vermeintlichen Freigeist ein „Scheißnigger“ entfährt, weil seine Freundin mit einem weniger Blondierten schmust. Da feixt und lacht der Fernfahrer dreckig, der schon immer fand, dass Neger gefickt gehören und Weiber nicht ins Chefbüro (oder umgekehrt: völlig egal. Weil den Fernfahrer eh frustet, dass er Chefbüros nur von innen sieht, um selber angeschissen zu werden vom Insassen, fürs Ficken aber muss er bezahlen, was eine Demütigung ist, die er nicht als solche zu benennen und erkennen vermag, wohl aber spürt, denn er hat ein Herz und damit Würde. In der Zeitung und im TV erfährt er, wer daran schuld sei: nicht die Strukturen, die seine Kraft ausbeuten um eine elitäre Kaste zu bereichern, sondern Leute mit anderer Haut und anderem Geschlecht. Hautfarben und Geschlechtsmerkmale sind offensichtlicher als Kontostände und Machtstrukturen, deshalb leuchtet unserem Fernfahrer die Propaganda leicht ein, er BILDet sich seine Meinung. Sie ist voraussagbar. (Er ist wahlberechtigt.)

Wir sind noch bei IA 2. Der Intellektuelle mag vom Verstand her im Recht sein, es nützt ihm aber nichts: Sein Gefühl folgt ihm sowenig wie das Volk. Er ignoriert beide. Das braucht er für seine Identität. Aus dem Kontrast seiner Gedanken den Gefühlen gegenüber ergeben sich Spannungsverhältnisse, die, wenn sie mit genug Action angereichert oder verdeutlicht werden, auch weniger Intellektuelle begeistern können: was den schlechten Ruf kluger, aber hilfloser Denker relativieren hilft, denn sie sorgen zuweilen für eine gewisse Unterhaltung.

Interaktion 3 kennzeichnet ein beliebiges, oft situatives Switchen zwischen 1 und 2. Hier ist das Mittelmaß evident: Weder Verstand noch Gefühl gewinnen dauerhaft Oberhand, ihr Clinch mag unberechenbar scheinen, ist aber im Ergebnis umso kalkulierbarer, denn das lautet Null = Null. Meist bestimmen äußere Faktoren die Frage, ob sich so jemand mal mehr nach dem klugen Verstand oder dem rumorenden Gefühl richtet. So jemand liest nicht unbedingt eine Bild-„Zeitung“ oder glaubt ihren Lügen, sitzt aber (auch ohne solche Lektüre) letztlich der propagandierten Volksstimmung auf, die solche Medien erzeugen, schüren, lenken. Wer dauerhaft nach Methode 3 interagiert, wird es früher oder später vorziehen, sich am besten überhaupt nicht festzulegen, keine Stellung zu beziehen, sondern auszuweichen, die Sache ins Witzige ziehen oder so relativieren, dass dem / der Betreffenden kein Standpunkt mehr „nachweisbar“ ist (viele junge Leute verhalten sich inzwischen so).

Interaktion 4 ist unabhängig davon, wie stark oder schwach der Verstand agiert. Hier überrumpelt das Gefühl „Angst vorm schwarzen Mann“ den Verstand derart, dass dieser alles tut, dem Gefühl Ausdruck zu verleihen. Unterschied zu IA 1 ist: Der Verstand fungiert nicht als Bestätiger oder Diener des Gefühls, sondern wird zu dessen Verehrer. Er liebt das Gefühl – vielleicht zu sehr, um es zu hinterfragen (das hängt von der Stärke des Verstandes ab, die hier unwesentlich ist: IA 4 funzt sowohl bei Dümmeren wie auch Klügeren. Was deren unterschiedliche Urteile eint, ist, dass sie in dem Fall nebensächlich sind wie folgt). Der das Gefühl (auch in seinem Vermengungs-Irrtum) verehrende Verstand tut alles, um dem Gefühl eine liebevolle und vollkommen überflüssige Umgebung zu verleihen. Er hofiert es, stattet es aus. Im Ergebnis behauptet das Gefühl zwar immer noch, „Angst vorm schwarzen Mann“ zu haben. Der Verstand aber packt das in eine derart anrührende Story mit so differenzierten Details, dass die Betrachterin / der Betrachter zu ganz eigenen Schlüssen kommen kann und kommt: die keineswegs mit dem Vorurteil übereinzustimmen brauchen. Im Gegenteil: So genau und detailliert drückt der Verstand das beschissene Gefühl aus und hilft ihm auf die Sprünge, dass der Irrtum des Gefühls für alle Außenstehenden offensichtlich werden mag (vielleicht für den Künstler nicht. Denn um eine/n solchen handelt es sich in IA 4). Der das Gefühl verehrende Verstand tut alles, um dem Gefühl Ausdruck zu verleihen. Der definitive Unterschied zu IA 1 ist, dass der Ausdruck wichtiger wird als die Genugtuung. Die von IA 1 kann in der Vernichtung oder Vertreibung des „schwarzen Mannes“ bestehen. IA 1 freut sich, wenn der schwarze Mann fort ist: Gefahr gebannt. Für IA 4 ist das vollkommen unerheblich und nebensächlich. IA 4 will nichts weiter, als die Angst vorm schwarzen Mann zeigen, einfach zeigen und nachvollziehbar machen. IA 4 kümmert sich nicht wirklich um die vermeintliche Gefahr, sondern verausgabt sich an deren Schilderung. Je schärfer der Verstand in IA 4 ausgestattet ist, desto differenzierter fällt dieses Zeigen aus: und desto unschärfer das eigentlich blödsinnige Ausgangs- und Ursprungsurteil des zugrundeliegenden Gefühls „Angst vorm schwarzen Mann“. Denn hier bleibt Raum für ein Urteil der Zeugen, der Zuschauer oder -hörer.

Daher ist echte Kunst nie ideologisch, sondern immer konkret: Sie will niemanden zu etwas bringen, bewegen, manipulieren – nicht weil ihre Erzeuger/innen moralisch integer wären oder sein müssten, sondern weil sie besessen sind davon, ihre Gefühle auszudrücken: ganz egal, was die sagen, ganz egal, was ihre Inhaber darüber denken und urteilen. Daraus können Unschärfen resultieren: Denn Kunst ist der subjektiven Wahrheit mehr verpflichtet als irgendeiner Correctness (für die sie sich in Wahrheit ebensowenig interessiert wie vice versa). Journalismus – so, wie er mal war, als was er erfunden und praktiziert wurde – ist oder war der arrogante Bruder der Kunst: Von ihr unterscheidbar dadurch, dass er seine Wahrheitsliebe mit einem – freilich unmöglichen, im Rahmen seiner Tätigkeit aber statthaften – Anspruch an „Objektivität“ verband. Was Kunst nie interessierte, geschweige denn nötig hatte. Kunst ist nicht nur konkret, sondern auch persönlich. Sie brennt in sich und schont sich selbst sowenig wie ihre Kanoniere. Im Grunde ist sie ein Liebesbrief. Sowas kann hasserfüllt ausfallen – egal, alles erlaubt, solange es echt ist und stimmt…

Hass ist eh nur die invertierte, zerstörerische Form der Liebe. Deren Gegenteil ist – Gleichgültigkeit. An der – nichts sonst – verrotten unsere Seelen. Wohl dem, der gehasst wird; wohl der, die Feinde hat! Denn da besteht noch ein – wenngleich bitterer und schmerzlicher – Bezug. Noch wenn wir hassen, glühen wir füreinander. Egal zu sein: das ist die wahre Verneinung, Entwürdigung – der Ground Zero der Hölle. Bezeichnend, dass unsere Gesellschaft genau diesen Wahn- und Irrsinn zum Normalzustand macht. So unerbittlich wie die Sklaven der Antike sind wir Heutigen an die Qual unserer persönlichen Bedeutungslosigkeit gekettet. Und genau deshalb macht der billige Luxus, den wir uns dafür kaufen können, nicht glücklich. Er gibt uns unsere Würde nicht wieder. Wir scheinen sie geradezu noch zu verkaufen mit jedem Kauf. Es verhöhnt uns. Und niemand ist schuld. Selbst wenn du dir alles kaufen kannst, bist du allen immer noch scheißegal. Kauf doch, Sklave! Nichtmal gekreuzigt wirst du – das wäre zuviel der Aufmerksamkeit.

Gute Zeiten für die wenigen Amokläufer, die sich das trauen: junge Leute halt. Aber so kurze Karrieren, wenige Minuten nur, und so beschissene Kunstwerke: Löcher in Menschen.

Ich mache auch Löcher: in Köpfen, aber nicht in die Schädeldecken. Ich schieße auf Gedanken: mit meinen. Nicht um zu zerstören, obwohl ich Zerstörung in Kauf nehme: so wie überlaute Partygäste, die buchstäblich mit der Tür ins Haus fallen, ob sie eingeladen sind oder nicht. Vielleicht sind sie ja der Rettungstrupp oder die Feuerwehr.

Und manchmal schieße ich absichtsvoll daneben, genauer gesagt: eine Etage tiefer. Dann bin ich Künstler (im Sinne von IA 4): und treffe ins Herz – ganz unabhängig davon, was ich sagen oder ausdrücken wollte.

Die Dosis macht das Gift. Daher ist Kunst erst Kunst, wenn sie frei ist von Mittelmaß. Ganz gutes Wort, auch: Mittelmäßig heißt, dass das Ergebnis der Bemühung den vorhanden gewesenen, den dafür eingesetzten Mitteln entspricht. Passable Verhältnisse für Verwaltungsangestellte. Kunst muss immer aus mehr bestehen als der errechen- oder recherchierbaren Summe ihrer Teile.

Mein verstorbener Freund Ralf Huwendiek sagte: „Kunst ist eine Illusion – aber sie muss eine Wirkung haben.“

Kunst ist Freyjas Handwerk, Kunst ist die Tochter (und nicht etwa die Stieftochter) der Liebe, und so wie deren Göttin selbst ist sie, Kunst, ganz und gar unerbittlich und gnadenlos. Immer sprengt sie Grenzen – das ist ihr zu eigen. Sie ist unmoralisch. Sie tanzt, aber tut es nicht für die Gaffer, und wenn die zehnmal gaffen. Sie ist Gottesdienst an der Leidenschaft – was gleichzeitig ekstatische Erkenntnis der Menschlichkeit an sich selber ist. Und es darin und damit zu mehr macht als die Summe ihrer Teile.

Wir lernten sie, als wir satt waren erstmals, und ungefährdet. Wir lernten sie an den ersten Feuern, die brannten, um uns und unser Essen zu wärmen. Das übrigens, ich erinnere mich genau, war der Moment, in dem frau mensch das Lachen erfand. Es entfuhr ihr, einfach so. Und jemand blies in einen hohlen Knochen – Flöte dazu. Was lernen wir Abendländer aus Mären vom Morgenrot der Menschheit?

Vielleicht – endlich mal – Kreise zu schließen. Viele jenseits unserer Hemisphäre wussten, konnten und praktizierten das schon lange, bevor wir sie kartätschten. Inzwischen sind sowenige von ihnen übrig, dass wir selber dazulernen müssen.

An dieser Stelle bitte ich alle noch vorhandenen Leser/innen um Verzeihung, dass ich meine eingangs angekündigte Schreibrichtung nicht durchgehalten habe. Ich uferte aus. Bin halt doch nur Gassenphilosoph. Aber ich kann eine Rahmentrommel schlagen, bis du in Trance fällst. Und ich fall jetzt, diverse Rotweingläser intus, in die Heia. Allein. Die wird sich schon auch wieder bevölkern, bin mir ganz sicher.

Eine Reaktion zu “Angst vorm schwarzen Mann”

  1. MartinM

    Wie meistens: briliant. Wie immer: sprachlich interessant.

    Aaaaaber inhaltlich bin ich nicht mit allem so ganz einverstanden.
    Zum Beispiel halte ich es für keine treffende altdeutsche Beschreibung für mind fuck, sich an der schieren Komplexität seiner Gedanken zu berauschen. Da halt ich es doch lieber mit Shea und Wilson („Illuminatus“! – Operation Mindfuck). Unter einem Mindfuck verstehe ich eine gezielte Desorientierung eine Lesers, Betrachters, Zuhörers, Zuschauers, und zwar nicht als bloßer Selbstzweck, oder in übler Absicht (Gehirnwäsche), sondern mit aufklärerischem Ziel. Mindestens mit dem, deutlich zu machen, dass es verschiedene Wirklichkeiten bzw. verschiedene Weisen, die Wirklichkeit wahrzunehmen, gibt. Oder um Propaganda als solche zu entlarven. Oder – ganz anspruchsvoll – die Leute zum selber Denken zu veranlassen. Mindfunk, das ist so was wie die BILD-„Zeitung“, bloß anders rum. Oder auf altdeutsch: Jemanden so auf den Holzweg führen, dass derjenige so heftig gegen einen Baum rennt, dass er anschließend nicht mehr vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sieht.
    Setzt natürlich voraus, dass da überhaupt ein aufnahmebereiter Verstand vorhanden ist, sonst funzt das nicht.
    Klar, man (frau natürlich auch) kann’s auch wörtlich nehmen – mind fuck, Gedankenspiele, die zum Orgasmus führen. Kann bei ausgeprägter Phantasie durchaus funktionieren, ist aber letztlich nur eine Form der Masturbation ohne Finger, Dildo oder Gummipuppe.

    Ich bezweifle, dass die BILD mit einer “Zeitung” soviel zu tun hat, wie Du mit einem Rockstar. Was Dich von einem Rockstar unterscheidet, dass ist der Grad der Bekanntheit und der Grad des kommerziellen Erfolges. Deine Arbeit, Intention und sogar Ergebnisse (bis auf Bekanntheit und Moneten) sind mit dem „Rockstar-sein“ aus meiner Sicht kompatibel – d. h. wenn Du mit der von Dir veranstalteten Musik den „großen Druchbruch“ (nicht durch morsche Bühnenbretter) erlebst, dann bist Du „Rockstar“ (ich bezeichne die Sorte Musik, die Du machst, der Einfachheit halber mal als Rock – und „Popstar“ ist durch inflationären Gebrauch nicht mehr für „sehr bekannter und erfolgreicher Musikmacher“ benutzbar.)
    Inhaltliche Kriterien werden davon nicht berührt. Wäre das auch bei der BILD der Fall, dann wäre dieses Revolverblatt nichts anderes als eine besonders bekannte und kommerziell besonders erfolgreiche Zeitung. Was die BILD zur BILD macht, das ist nicht ihr Stil (gibt ja schließlich Boulevardblätter, die manchmal als Zeitung durchgehen könnten) , sondern die Meinungsmache – „BILD dir ein, du hättest eine eigene Meinung!“.

    Es gibt aber einige Punkte, wo ich Dir heftig widersprechen möchte, es aber nicht tue, weil Du verdammt recht hast. Und zwar in Bezug auf Intellektuelle.

    Ich halte mich zwar nicht für einen Intellektuellen – um als solcher zu gelten, hätte ich weder Chemie noch Philosophie studieren sollen (kein Witz: ich habe beides studiert. Leider keines von beiden zu Ende. Erzähle ich ein Andermal) So prosaische Berufe wie IT-Kaufmann, Buchhalter, Call-Center-Telefonierknecht, Verkäufer, Teilzeit-Journalist, Programmierer, Schreiberling, äh, Schriftsteller – ach, Prospekte verteilt hatte auch mal – qualifizieren mich dito nicht als „Intellektueller“ aufzutreten zu dürfen, jedenfalls im deutschsprachigen Kulturraum nicht. Schriftsteller vielleicht schon, allerdings erst, wenn die „FAZ“ oder die „Zeit“ mich als relevant wahrnehmen. Der lange Rede kurzen Sinn: „Intellektueller“ beschreibt in D-A-CH keine Haltung, kein Berufsfeld und auch kein verfeinertes Denkvermögen, sondern einen gesellschaftlichen Status. So wie „Rockstar“. Oder „Prominenter“. Oder, anders rum, „Prolet“.

    Am härtesten traf mich die Wahrheit:
    „Der Intellektuelle mag vom Verstand her im Recht sein, es nützt ihm aber nichts: Sein Gefühl folgt ihm sowenig wie das Volk. Er ignoriert beide. Das braucht er für seine Identität. “
    Mag sein, dass ich nach deutschem Recht kein Intellektueller bin, aber ich gehöre zu den Typen, die gerne selbst denken und diese Gedanken nicht für sich behalten, und ich gehöre auch zu den Typen, die dem Verstand den Vorrang vor dem Gefühl einräumen. Gefühle sind okay, aber nur, wenn der Verstand auch einverstanden ist.
    Wenn mein Gefühl nicht folgt – manchmal folgt es – dann ignoriere ich es (meistens). Dass das Volk mir nicht folgt, ergibt sich aus meiner gesellschaftlichen Position, aber ich bezweifele, dass ich das Talent zum Volkstribun – oder zum Demagogen – oder wenigstens zum Meinungsmacher – hätte.
    Es stimmt allerdings, dass ich gerne Gefühl und Volk ignoriere, wenn es darum geht, meine Identität – oder besser: mein Ich-Ideal – aufrecht zu halten.

    Na ja, ab und an, sogar gar nicht mal so selten, ticke ich auch im Sinne von IA 4. Obwohl ich mich nicht für einen Künstler halten – ich bräuchte wahrscheinlich noch einige 1000 Stunden Übung, um als solcher durchgehen zu können, um frei sein können vom Mittelmaß. Souverän als Kreativer ist nur der Könner. Und zum Können gehört außer Talent – ohne Talent geh da gar nichts, es ist die notwendige, aber nicht hinreichende Bedingung dafür, Künstler zu sein – Übung, Erfahrung, Ausdauer. 1 % Inspiration (ohne die nichts geht!) und 99% Transpiration, wie es so treffend heißt.
    Sagen wir mal: wenn ich nach IA 4 vorgehe, dann agiere ich als „Kreativer“ oder „Romantiker“. (Bei IA 2 als „Denker“ oder „Aufgeklärter“.)

    Ja, Du bist halt nur Gassenphilosoph. Gute Selbstbeschreibung, Der olle Sokrates war ja auch einer, und er selbst hat keine Zeile seiner scharfsinnigen Gedanken aufgezeichnet – das übernahmen seine minder scharfsinnigen, aber fleißigeren, etablierteren und systematischeren Schüler, allen voran Plato.
    Besser ein Gassenphilosoph, als jemand (übrigens ein gemeinsamer Bekannter von uns beiden), der Philosophie ordentlich studiert hat (nicht unordentlich, wie ich), angeblich sogar mit Abschluss, und der sogar im öffentlich-rechtlichen Rundfunk als „Philosoph“ vorgestellt wurde. (Wohl, weil es die Berufsbezeichnungen „Meinungsmacher“ noch nicht gibt.)
    Jedenfalls ist er jemand, der seine Fähigkeiten und Kenntnisse a) zum Imponieren b) zum Manipulieren und c) zum Intrigieren benutzt. Immerhin: in Philosophie kennt er sich aus. Jedenfalls in dem Sinne, dass ich immer, wenn ich mit ihm über philosophische Fragen diskutierte, das Gefühl hatte, mit einer philosophischen Handbibliothek zu diskutieren. Eigene, originelle und tiefe Gedanken? Kann ich mich jedenfalls nicht daran erinnern.

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