Eibensang

Alle Neune

Ich brannte Runen, ich schreibe Bücher, ich singe und texte, ich bin pleite, ich lerne jetzt Noten – nicht Bank-, sondern Musik- : peu á peu. Ich bin der reichste Mann der Welt, voller Liebe, Lust und zweimal fünf Fingern, die brennen gerade wie mein Herz. Freunde öffnen mir Tore. Ich durchschreite sie ganz. Ich erinnere mich nicht an jedes meiner Gefühle in den letzten fünfeinhalb Jahrzehnten, nur an die wichtigsten.

Ich war in der Unterwelt – nicht Mafia, sondern meiner eigenen: tiefster Abgrund, wo Drachen knurren und Leichen stinken und ich einen kleinen, verschüchterten Jungen zu retten hatte (das war ich) –, ich lernte mich kennen, obwohl es mir grauste, ich zerrte den blassen, sabbernden und schweinehässlichen Lindwurm meiner Pein und Scham ans Licht der Sonne und klebte ihm Flügel an – „so sollst du aussehen, mein Kleiner, sei mein Flugdrache: der schönste aller neun Welten!“ – und zusammen weinten wir einen Regenbogen, fast so schön und glitzernd wie der einer meiner 44 Lieblingsgottheiten (Zahl = Schätzwert. Ohne Gewähr. Ohne Gewehr): Wohin wollen wir fliegen?

Wie jeder Mensch bin ich innen größer als außen, aber wie nicht jede/r andere will ich mich umstülpen, die Saat verschleudern, das Herz eruptieren, explodierende Blüte sein und mit den Pollen tanzen und den Sternen und den Atomen von Mikro bis Makro und zurück, bis der Entropie der Stroboskopstrahl zittert und das heulende Feedback meiner Gitarre sich über die Dunkle Materie legt wie die Midgardschlange ums Schöpfungsrund des Universums und die Liebe, meine größte Göttin, ihre kleine große Schwester, die Möglichkeit, küsst: Hoffnungen gebärend wie eine Pusteblume Samen im Frühlingswind verstreut – schau, wie sie tanzen! Illusionen? Hoffentlich!

Ihr wisst ja gar nicht, wie wichtig Illusionen sind. Meine größten Erfolge feierte ich allein wegen ihnen. Immer da und dann kam ich durch und weit, wenn ich mir der Kümmerlichkeit meiner jeweiligen Sachkenntnisse überhaupt nicht bewusst war, sondern meinte: Es geht. Und siehe, es ging! Und nur dann! Natürlich geht es nicht darum, doof zu bleiben: Das Wissen ist immer ein aufzuholendes, ein unerschöpflicher Sog – wer den Wissensdurst und die Neugier verliert, erscheint mir wahrlich verloren – es gilt aber, der Vision jederzeit das Upgrade zu gönnen, das sie über die Graumauer der angeblich begrenzten Möglichkeiten schauen lässt.

Wir sollten es, das meine ich ganz ernst, alle den alten Rockstars nachtun: in der Hinsicht, dass wir unsere Fernsehgeräte aus dem Fenster schmeißen. Es kommt fast nichts Gutes aus der Glotze, ihre Dauerberieselung macht die besten Herzen depressiv, hält uns klein und kümmerlich. Geht lieber raus aufs Gras – und wenn da keins mehr ist, schreit danach, bis sie es in den Frankfurter und New Yorker und sonstigen Chefetagen hören: bis dort die Glasfassaden klirren! Türme stürzen ein – irgendwann alle – lehrt das nicht die Geschichte? Ihr alle seid als vollendete Geschöpfe geboren! Wie lang hielt ich mich für ein schlechteres Stück Scheiße, bloß weil zuviele Idioten, die damals größer und stärker schienen als ich, es mir einprügelten? Nicht nur mit Fäusten und Stiefeln. Obwohl: Die zählten schon auch. Doch an den Worten litt ich länger. Ich wurde gelernter Nigger, schloss mit Eins Plus ab: summa cum jaule. Deshalb rieche ich bis heute jedes zerquälte Herz, jedes zerdätschte Selbstwertgefühl, jede erniedrigte Seele auf Augenblicksreichweite. Wir erkennen einander am zerbrochenen Rhythmus unserer pochenden Verzweiflungen. Reich mir die Hand! We shall overcome. So schließe ich Freundschaften.

Ich habe – wundervollen Menschen und verdammt realen Göttinnen sei Dank – die Kurve gekriegt: spät, aber mit Karacho. Meinen Hass in Liebe verwandelt. Was mich rettete. Wenngleich nicht vor weiterem Scheitern: das mich lehrte. Zeitsprung. Inzwischen habe ich eine längere Midlife-Crisis hinter mir. „Hinter mir“ meint: überwunden. Transzendiert. Jetzt stecke ich mir Feder um Feder meinen Häuptlingsschmuck zusammen: aus den Gefühlen, die ich empfand – die ich wertschätzen lerne als wahre Bestimmerinnen meiner Entscheidungen, meines Werdegangs, meines Lebens. Ich übernehme die Verantwortung. Sie, die mich so lange Jahre schreckte, wird soeben meine Verbündete: gibt mir die Macht, die mir fehlte! Willkommen, Schöne. Wir haben uns soviel zu erzählen. Und es gibt zu tun.

Raupe, Schmetterling, Phoenix. Ich kenne den Weg. Ich ging ihn – gehe ihn abermals, denn nichts hinterlässt mich „verbeamtet“: Die Erleuchtung ist ein Mahl, das wieder und wieder neu bereitet werden will, um zu nähren. Es kann freilich sein, dass ich mir noch etwas Humor antrainieren muss (von dem ich bis heute nicht wüsste, dass ich ihn hätte 😉 ). Ich hab ja viel vor. Sogar noch mehr als Überleben – obwohl das meine objektiv härteste Übung ist: für die mir noch einiges Bewusstsein fehlt. Aber ich hab ja Freunde. Menschen und Götter. Meine Teile aber bringe ich jetzt zusammen: von den Runen über die Musik und die Schauspielerei, das Schreiben und die Wollust (zwei „L“ reichen mir für die: Sie sieht einfach hübscher aus so, und ich halte Ästhetik für wichtig, weil Liebe auch immer die zum Detail ist und sich dort ausdrückt) bis zum spirituellen Lebensauftrag. Es sollte alles auf eine Visitenkarte passen: wobei unwichtig bleibt, ob da was Lesbares draufsteht. Es reicht, wenn es stimmt. Ich komme ganz. Als wer und was und wie auch immer. Darum geht’s.

Ich mag noch den Titel dieses Blogeintrags erklären: alle neune. Das spielt auf einen altnordischen Mythos an, von dem die meisten Germanengläubigen nicht wahrhaben mögen, dass es möglicherweise gar kein germanischer war. Geschenkt. Mythen sind die Bodentreter meines Gitarrenspiels: Man nutzt, was man hat. Die Neun ist eine magische Zahl. Als mathematischer Legastheno bin ich jetzt zu faul, das zu erklären. Mir reicht das Spüren. Feuer und Eis, Licht und Schatten, Leben und Tod (Wandlung), brillierender Geist und physische Fülle, und das Toben der Gewalten. Das sind alle. Neune. Sie brüllen in mir, sie machen mich aus, sie sind eine Welterklärung, eine kosmische Metapher, ein Abbild der Wirklichkeiten, ein Muster, ein Mythos, ein algorithmisches Netz, eine Matrix zum Selberverschalten.

Na schön. Ich fürchte, das war keine Erklärung. Dann versuch ich’s in anderer Sprache. Dazu mag ich eine neue lernen: Noten, wie gesagt. Ich schlag jetzt das Buch auf, das mir die lieben Kollegen aus England mitbrachten, und mach mich an die Lektion. Geh immer dorthin, wohin dein Herz dich zieht. Die Ängste, die Befürchtungen – und sogar die Sorgen: Sie lügen alle. Sie leben von dir, sind als Parasiten von dir abhängig und zehren deine Kraft – du brauchst sie nicht. Ich vertraue den Großen, die mich leiten. Was sich gut anfühlt, fühlt sich gut an. Es gibt keine Zeit. Immer nur den Moment. Was tust du gerade? Nimm es wichtig. Nimm es wahr. Das ist das Leben: das ganze. Erzähl mir davon. Ich freu mich auf die Begegnungen. Kuss? Im Namen des Rotweins, Süße. Darfs einer mehr sein?

4 Reaktionen zu “Alle Neune”

  1. Bodecea

    Hallo,

    Ich lese sehr gerne deine Einträge.

    Und was tue ich gerade? In einem Job arbeiten, der mir viel Spaß macht und genug Geld einbringt und (fast) gar nichts mit dem zu tun hat, was ich viele Jahre lange bis zur Frau Doktor an der Uni büffelte. 😀 Durch blühende Streuobstwiesen laufen. Die wilden Veilchen im Wald riechen. Mich freuen, dass die Odenwälder so gerne immerzu große Feuer entzünden. Mich mit Gleichgesinnten zusammen mit Heimatkunde beschäftigen. Ziemlich schräge Träume haben… Würde euch gerne mal wieder treffen, wenn ihr im Odenwald seid!

    Bodecea

  2. renate

    …wann darf ich dich abholen ?

    lg renate

    ps: wollt mal richtig frech sein…..

  3. Duke

    Falls du mich meintest: jederzeit… wenn du richtig frech bleibst. 😉

  4. renate

    es geht nur so..

    …komm zu mir , bitte….jetzt isses soweit …. die seele wird aus dem orkus erlöst….

    …es ist alles anders geworden, aber wunderschön und genau richtig ….

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