Eibensang

Echsenheim, Lurchenburg, Yggrsnest?

Wie soll ich mein neues Heim nennen? Nein, ich bin nicht umgezogen – ich habe erweitert gekriegt: um ein Zimmer nebendran, aus dem ein WG-Kollege auszog. Zwischenwand zum Studio rausgebrochen, Fachwerk stehen lassen – auf diese Kurznachricht lässt sich die Arbeit der letzten Tage brechen. Schön, es war ein bisschen mehr: Mein Mitmann (der andere Mann meiner Hauptherzensgefährtin – capito? Nein? Macht nichts. Ist mein Leben. Bin glücklich) verputzte eine ganze Nacht lang; mein Schwesterherz (die Bauherrin) und ich schliffen 200 Jahre alte Fachwerk-Eichenbalken, ölten sie ein, ließen Farben an den Wänden blühen und verlegten im Schlaftrakt einen Laminatboden, den mir die lieben MitbewohnerInnen spendierten. Überhaupt behandeln mich meine Freunde, als hätte ich das ganze Jahr über Geburtstag. Ich werde sowas von beschenkt.

Vor dreieinhalb Jahren zog ich hier ein – und doch nicht. Mietete zwei WG-Zimmer des Bragishofs als Proberaum und Heimstudio für die Singvøgel – mit lediglicher Schlafgelegenheit (Klappsofa). Daheim war ich, wo ich auch nicht wohnte, aber liebte: in Wien. Fünf glückliche Jahre – nicht allein für mich, wie ich meinte. Doch dann kam alles anders. Es ging schnell. Ich überspringe die fünfjährige Rauschphase, die im gelungensten Heidenhochzeitsfest aller Zeiten und Welten gipfelte und dann doch so früh in einer jähen Scheidung endete, der sich jedoch wenigstens kein Rosenkrieg nachzog. Busserl an Hel – du hattest mal wieder was anderes mit mir vor, nicht wahr? Es ist wie es ist. Nach zwei Jahren Trauer begegnete ich einem Heiligen Feuer aus fremden Landen, das mein Freund wurde und das mich heilte.

Seit Jahren lebte ich aus Koffern. Bin ja nach wie vor viel unterwegs. Aber „daheim“ war einfach kein Platz, rein räumlich schomma nich‘: Ich ließ die aktüllen Klamotten immer im aufgeklappten Koffer. Die unbenutzten stopften mir die Ecken des Studios (!) voll. Ein ständiges Provisorium. Bücher? Fast alle in Umzugskartons aufm Dachboden. Natürlich begann ich, mein „Studio & Proberaum“ vorwiegend zu bewohnen. Aber was für ein Wohnen war das? Eines, das mir einmal sogar eine Liebesnacht versaute: Die Begehrte – wir waren zehn Jahre lang aufeinander scharf gewesen, bis sich endlich eine Gelegenheit ergab und sie mich besuchen kam – zeigte sich, wie soll ich sagen, äußerst gebremst ob meines Verhaus, wo Studiokabel an Wänden hingen, alle Regälchen überquollen mit Krempel… Und das auch nicht so ganz überluxuriöse Klappsofa wollte dann doch nicht die Liebesinsel im Chaos für sie werden…

Wir tranken guten Wein und tauschten beileibe und schwelg undsoweiter nicht nur Worte aus – aber die Schöne war einfach enttäuscht von meiner Prekärwohnerei und der fehlenden Atmo, was wiederum mein Herz bemerkte und mich bremste. Wir schieden in Frieden, doch ohne orgiastische Erinnerungen, die wir uns beide vorab so schön ausgemalt hatten. Erfahrungsgemäß kriegt man keine zweite Chance, bei was auch immer. Deshalb ist die Gegenwart so wichtig. (Trotzdem nochmal Busserl an dich, wenn du das liest, K. Sollte es dich wider Erwarten doch jemals wieder zu mir hinverschlagen – erwartet dich ein veritables Liebesnest. Wald wachse, Wald werde! Ich küss‘ dir die Haut. Das Herz und die Seele. Ich bin ein Mann, der lernt, weißt du. Anders hättest du mich nie entdeckt. Wie läuft’s mit den Tattoos? Ich tät dir gern ein ganz besonderes in die Seele stechen – über die Schwelglust. Meine Domäne.)

Ich bin ja so dankbar für jede Geliebte, der mein Chaos wurscht ist – anderes Thema. Braucht man hier nicht vertiefen. Was mich grad euphorisiert, ist der Ausblick. Gewagten Wanddurchbruchs sei Dank habe ich jetzt statt drei kleiner Zimmer zwei große. Mehr als Quadratmeter: Raum für Träume, Platz zum Leben! Das Sofa, von sich aus nur ungern zum Bett verflacht gewesen, wird sein freches kleines knallrotes Design zeigen (auf dessen Asymmetrie nicht ganz so gut zu schlafen – und das auch der Lust, der wichtigen und richtigen, nicht übermäßig förderlich – gewesen war). Vielleicht ist sogar Platz für ein Tischchen: zum Zeichnen, Runenbrennen – halt so Sachen jenseits der Elektrick? Das wäre so wichtig für die (R)evolution. Wir ham ja immer vor und nach’m Krieg, nich‘ wahr? Gönnen uns ja sonst nix, wa.

Ach, ihr lieben Leserinnen. Ich bin ein verwöhnter Gourmet, der sich dennoch an einer Kruste Brot freut. Ich kenne das Leben – nicht nur aus dem Kino oder von DVD. Mein Herz ist eine flammende Wunde und eine geysirende Glückseruption gleichermaßen. Ich sehe die Welt als ihr Opfer und Mittäter. Fühle mich wie unter Wogen. Reich mir die Hand! So leicht ist erfroren, so vorschnell aufgegeben! Wir leben in schrecklichen, aufregenden, wichtigen Zeiten! Ich habe echte Schwierigkeiten, meine Existenz zu meistern. Alter Kampf mit meinem längst verstorbenen Vater, weißt du. Es gilt noch Grenzen zu durchbrechen, überwinden, aufzulösen. Ich hab eine Fahne, trag sie auf der Zunge oder auch nur im Herzen – nicht egal. Es gilt sie zu zeigen, zu entrollen, kenntlich zu machen!

Bin wieder im Bunde mit allen den Meinen. Der Moment, da Zeit auf einen abstrakten Punkt zusammenschrumpft: Alles ist hier, alles ist jetzt. Du stehst in Flammen, Globus? Hier ist einer deiner Grashalme, der Kontakt mit dem Wind aufnimmt. Der weiß, wer er ist. Und fühlt, was er kann. Wenig genug. Aber soviel mehr, als mir die Desillusionierten erzählten. Nie wieder mag ich denen glauben. Es geht immer mehr, als „man“ denkt. Unser Leben und (vermeintliches) Schicksal: Wir sehen den Bogen, nicht den Kreis. Dem aber gilt unser Wirken.

Ich bin ein Pirat. Das heißt: kein knapp über 20jähriger TechnoNerd mit den Grabbelfingern am I-Irgendwas. Ich verlor mehr als ein Bein: Ich verlor meine Sonne. Ich verlor mehr als mein Auge: Ich verlor allen Glauben – und gewann das Bündnis mit einem einäugigen Gott dafür, dem es seinerart ähnlich ging. Ich unterscheide mich von Käpt’n Jack Sparrow außer in Äußerlichkeiten vor allem dadurch, dass ich real bin. Ich bin der Brand und der Rand, ich bin die Axt durch die Wand, ich bin das Hirn und die Hand – ich habe meine Urahnen in der Savanne Altafrikas, wie ihr sie auch haben könntet (aber euch inter’siert anderes – good luck to you, fuckers) – und wenn ihr mir nicht glaubt, erwäge ich womöglich noch, Humor vorzutäuschen, den ich nicht habe – aber vielleicht sind die Zeiten und Verhältnisse doch ernst genug.

Was ich mir wünsche: einen Flugdrachen und einen Flammenwerfer. Den Rest krieg ich auch ohne. Ich werde meine Wohnung bennenen, und dann sehen wir weiter. Was ich heute träume, im neuen Bett, wird wahr. Sucht mich heim, ihr Defizitären, ihr Meinesgleichen, ihr, die ihr jemals von was erschüttert ward, das euch die Grenzen sprengte: und euch mit dem großen Universum die eigene Größe zeigte! Andeutete! Habt ihr erahnt, was nicht begreifbar sein muss? Ich habe jetzt 11 Quadratmeter mehr Traumfläche. Es sind immer nur Jotas, die Welten drehen, und Zeiten ändern. Vom Schimpansen unterscheiden uns Menschen ganze zwei Prozent Gene. Ich öle jetzt noch Holz. Morgen hat die Musik mich wieder. Busserl, Taifun – hier kommt dein Phoenix.

4 Reaktionen zu “Echsenheim, Lurchenburg, Yggrsnest?”

  1. duweißt

    ich freu mich so für dich (und mich?) und bin absolut gespannt, wie es sich bei dir jetzt lebt. Hach, eine schöne Liebesnestbettstatt ist was unersetzlich feines, genieß es. Ich wünsch dir viele Gelegenheiten dazu, ob mit der einen oder auch anderen, welche auch immer dein Herz zum Glühen kriegt. Und tiefen erholsamen Schlaf und gute, wilde Träume!

    <3

  2. MartinM

    Duke, ich bewundere Deinen Mut zur Offenheit. Ein wenig macht er mir ja Angst – so gern und meinungsfreudig ich mich in aller Öffentlichkeit um Kopf und Kragen rede / blogge / schreibe / poste, so oft mir selbstbeschädigende Sprüche / Urteile über mich selbst herausrutschen, so wenig würde ich öffentlich über mein Liebesleben bloggen / schreiben / reden. Selbst wenn ich mich mal dazu durchringe, was öffentlich über meine Wohnung / mein Essen / meinen Alltag (ganz allgemein gesprochen) zu äußern, komme ich mir regelmäßig wie ein Exibitionist vor.
    Privatsache – hat niemanden was anzugehen! Komisch nur, dass es mir nichts ausmacht „öffentliche Selbstkritik“ zu äußern …

    Schön, dass Du, mit noch etwas Arbeitsaufwand, eine schöne Bude haben wirst. Das Haus hat auf aller Fälle das, was geschätzt 98 % aller Häuser nicht haben: eine angenehme Atmossphäre.

    Pirat – ja. Binnenlandpirat, fern jeden Küste. Wobei – das Eichenholz, aus dem die Niederländer die Schiffe bauten, mit dem sie ihr kleines, sumpfiges Land über Jahrhunderte zur wohlhabensten Gegend Europas gemacht hatten (Fragen nach Kolonialismus usw. klammer ich an dieser Stelle mal aus) : dieses Holz, das wuchs in etwa der Gegend, in der Du jetzt wohnst. Häuptsächlich im Odenwald, aber auch im Kraichgau eingeschlagen, dann über den Rhein nach Rotterdam, Amsterdam usw..

    Die über 200-jährigen Balken, aus dem das Haus, in dem Du das Glück hast, zu wohnen, die hätten auch in ein Schiff mit 50 Kanonen an Bord (aber mehr als den acht Segeln, die Seeräuber Jenny ihm zubilligte) verbaut werden können. Sie hatten das Glück. Hausbalken zu werden, als Spanten, Decksbalken, Kielschweine usw. wären sie schon längst vermodert. (Wenn auch nicht zwangsläufig, die USS Constitution, in Dienst gestellt am 22. Juli 1798 schwimmt ja noch, und ich bin selbst auf einem Schiff gesegelt, das 1867 vom Stapel lief – aber die wenigen Schiffsveteranen, das sind die Ausnahmen, die die Regel bestätigen.)

    Vielleicht ist es das, was dem Haus Deiner Schwester seine Atmossphäre verleit: Geschichte.

    Und zwar keine Geschichte vom Leiden, sondern vom Leben.

    „Normale“ Wohnhäuser mit Geschichte. Etwas, was seltn zu werden droht in einem Land, in der Gebäude, die irgend einem Investor / Spekulanten / selbstverliebten Politiker im Wege sind, erst absichtlich verkommen gelassen werden, um dann, angeblich oder, kommt ja auch mal vor, tatsächlich baufällig geworden, abgerissen zu werden, auch wenn sie noch keine 50 Jahre (das ist doch kein Alter für ein Haus, noch nicht mal für einen schnell alternden Plattenbau!) sind.

    Nein, es war früher auch nicht besser. Und es wurde auch nicht unbedingt und durch die Bank besser gebaut. Es ist nicht die Nostalgie, die Häuser wie das, das das Echsenheim beherbergt, so wichtig macht. Erst recht nicht der Denkmalschutz.
    Es ist die Kontinuität. Zum Wandel gehört Beständigkeit, sonst wird Wandel allzuleicht zum Karussel – vorwärts immer, und doch nicht weiter – – oder zum Hamsterrad.

  3. thursa

    Ich sah die Bilder im Fratzenbuch und freute mich für Dich – schön, daß aus der bloßen Schlafgelegenheit ein echter Wohnraum wurde! Und das mit dem Bei-Dir-Einfallen, das wird auch noch mal was, so von meiner Seite aus.

  4. duweißt

    Hast du einen Namen? Oder müssen wir doch gemeinsam einen erträumen? 😉

    Bussi

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