Eibensang

Fitness für heute: Aufrechter Gang

Es ist immer dasselbe. Während ich den Widrigkeiten unserer Ära – bürokratischem Wahnsinn, merkantiler Menschenverachtung, politischem Verrat – ohnmächtig schnaufend gegenüberstehe und kaum mein nötigstes Überleben auf die Reihe kriege, suchen mich die aberwitzigsten Visionen heim. Die Musik, die sie befeuert, ist weicher geworden mit den Jahren – zumindest vergleichsweise. Aber das ist nicht so wichtig – nur eine Frage persönlichen Geschmacks (der sich bei mir gewandelt hat ab dem Moment, als ich mehr ausdrücken wollte als nur persönliche Leidensfähigkeit. Längst will ich anderen die Hand reichen – und wenn ich selber am Stolpern bin: Macht’s das schlechter? In Not griff ich jede Hand, die sich mir bot – hatte immer Glück damit. Am Ende halten wir uns gegenseitig… was schonmal ein guter Anfang ist. Was heilt, hat recht!).

Mein politisches Vorbild bleibt Tatanka Yotanka (besser bekannt als „Sitting Bull“): der Hunkpapa-Medizinmann, der – vor der Schlacht bei Little Big Horn – drei Tage lang durchgetanzt haben soll unter der Sonne… Zwar bezweifle ich, dass mich eine Angela Merkel zu ihrem Wähler machen könnte durch ähnliches Beispiel (da bräucht’s schon mehr – der große Hunkpapa war ja auch weit mehr als nur ein durchgeknallter Ekstatiker 😉 ) – aber ich könnte eine erstaunliche Nachricht lang Respekt empfinden, und schlechter als das, was die Kanzleuse sonst so treibt, wär’s auf keinen Fall. Tanzen bis zum Umfallen ist verdammt noch mal menschlicher als Diktaturen Panzer verkaufen. Genug der Lästerei: Für die hochdotierte Mischpoke, die im Namen der Demokratie dieselbe abwrackt, als gäb es kein Volk und kein Morgen, ist mir bald jedes Wort zu schade.

Wiederholt stelle ich fest: Rational allein bewältige ich nichts – es ist, als ob die Rechnungen immer der Gegner aufstellt – der denn auch den Gewinn einstreicht. Und so, wie man sich einer disziplinierten, eingespielten Armee gegenüber, selbst wenn die nur Lanzen und Schilde zur Verfügung hat wie die ollen Römer, nicht lange mit Keule und Begeisterung behauptet – überstehe ich, überstehen wir wohl auch nicht die herrschenden Verhältnisse: mit den Waffen oder Methoden, die sie uns zubilligen, die sie uns gestatten… die wir eh schon haben. Oder als solche erkennen. Wäre das Leben, auch das tägliche Über-, nur ein Schachspiel – ich möchte meine Figuren im Kreis aufstellen anstatt in den Quadraten. Und dann? Das Turnier verlieren – aber den Moment gewinnen: den unvergesslichen. Das ganze Spiel ad absurdum führen! Um den Tisch tanzen! Allen Berechenbarkeiten die Kabel kappen – und die Ängste unter der Sicherheitsparanoia füttern: den Stecker ziehen, unter der Leiter hindurchlaufen, die schwarze Katze küssen, das Salz verschütten. Sich am Bahnhof auf den herrenlosen Koffer setzen (krawumm, krawumm, es kömmt gar kein Krawumm? Huhu, Terror: Ich seh dir in die Augen, Kleines). Notfalls: der Bepackten hinter dir beim Einstieg in den mutmaßlich heillos überfüllten Zug den Vortritt lassen. 😉

Kinderkram? Infantöses Rebellentum? Überlassen wir den trostlosen Lallakaien der Spaßgesellschaft (die ohnehin nur funktioniert, solang die MAZ abgeht, also die Kameras an sind). Denen strecken wir nichtmal die Zunge raus (das funktionierte nur solange Anstand noch ein Wert war, den man neckisch kitzeln konnte durch Übertretung). Nö, den hirnamputierten Blahfasler/innen unter der TV-Beleuchtung geben wir Antworten, die ihnen den Spaß verderben: wohlgesetzte Worte mit Haupt- und Nebensatz, hinter jedem Wort ein Gedanke, getragen von einer Überzeugung, die wir durch Erfahrungen errangen – und gerade über diese haben wir noch nachgedacht (und diskutiert mit Menschen, die uns mit Argumenten zu erschüttern verstanden).

Vorfahrin Australopithecus soundso, von der sie kürzlich erst ein paar Millionen Jahre alte Knochen fanden in Mama Afrika, hat es einst schon vorgemacht: Man muss nicht perfekt sein, um aufrechten Gang zu wagen. Schaut nicht auf eure stolpernden Beinchen, deren Füße noch Äste klammern mögen. Die Ära haltender Äste ist vorbei. Die brechen zu leicht, die geben alle keinen Halt mehr. Fußboden ist angesagt. Schaut hoch erhobenen Hauptes herab auf die Savanne: während ihr mitten drinnen steht. Und vorwärts schreitet. Erstes Schreiten mag immer stolpern. Der Versuch zählt. Eleganz kommt später. Wie – da hat’s Löwen, Steine, Büffel? Dann lasst uns Speere schnitzen aus den Ästen. Und uns Zeug um die Waden wickeln (zugegeben: Die Erfindung adäquaten Schuhwerks war ein längerer Prozess. Aber man hat uns „nie einen Rosengarten versprochen“ – oder hat wer? Ich misstraue Religionen, die dergleichen tun).

So wie jedes daumengroße Noch-nicht-ganz-Menschengeschöpf im Mutterleib so ziemlich die ganze Evolution durchmorpht, vom Fischlein bis zum gebärfähigen Volldepp mit Aussichten, müssen wir Lebendgeborene und Immernoch-Lebende vielleicht in unserem ganz persönlichen Leben die Menschheitsgeschichte nachvollziehen – womöglich sogar täglich. Zumindest aber einmal jährlich. Oder wenigstens: einmal im Leben, zum Donner! Auf dass sich was ändert! Sieh’s mal so: Zuerst hängen wir an unseren haarigen Müttern (oder von denen übernommenen Ansichten;-), dann vertrauen wir den Ästen, an denen wir uns entlanghangeln – wo wir aber keine Gründe für unser Tun und Lassen zu erahnen vermögen: Jeder Grund erscheint uns von dort aus als Abgrund… So meiden wir den Blick nach unten und grapschen dankbar nach jeder verdammten Liane, die uns im Weg hängt: und verwechseln dieses beherzte Zugreifen mit Be-greifen. Erst der Boden aber lässt uns erahnen, was unsere Greif-Füße auch noch vermögen. Erst dort -werden wir der Schlange ähnlich, die ihr ganzes Leben dort verbringt und mit ihrem ganzen Leib, der gleichzeitig ihr einziger Fuß ist, die Magnetlinien von Mama Globus spürt und ihnen folgt mit einer Sicherheit, von der wir nur träumen können… Hart ist er, dieser Boden – und voller Gefahren. Aber nur er – das unbedingte, wagemutige Stehen auf ihm – macht aus unserer Wirbelsäule ein Rückgrat. Dabei wackeln ist normal. Und, ja, wir geben dabei ein ziemliches Ziel ab: für alle gierigen Räuber, die denselben Boden bewohnen mit mehr Krallen und besseren Zähnen als uns natürlicherweise gewachsen sind. Aber erst dort haben wir die Hände frei. Und den Kopf. Beides Voraussetzungen für sowas wie „Speer“: eine bessere Kralle, ein besserer Zahn als all die Konkurrenten haben!

Schnitt. Von ein paar Billiarden nerviger Insekten (und noch beunruhigenderen, weil komischerweise lernfähigen – resistenten! – Virenstämmen) abgesehen, sind wir zur beherrschenden Art geworden. Wir stehen uns nur noch selbst im Weg – das aber gewaltig und irgendwie unauflösbar. Längst ist die Zivilisation genau der gefährliche Dschungel geworden, zu dessen Überwindung sie entwickelt wurde. Genau damit hat er sie wieder eingeholt: was man als ihre Korruption sehen könnte, wären solche Prozesse moralisch beurteilbar. Meine Betrachtungsweise dient aber nicht einem Urteil, sondern einem Lösungsansatz: Wenn die Zivili-City der neue Dschungel, die aktuelle Savanne ist – dann kann ich die Entwicklung und das Verhalten jener Art, die ebendiese Savanne irgendwann als erfolgreichste Tierart eroberte (und überwand!), analogisieren auf mein Überleben im Jetzt, hier und heute. Und daraus Ideen ziehen.

Falls ihr nix mehr von mir hören solltet -habe ich mich geirrt. Begrabt mein Herz dann an der Biegung des U-Bahn-Schachts. All die Träume, die es barg, wird es ausdünsten. Sie sind dann wieder frei. Ich hab sie mir ja auch nur eingefangen, wie eine Erkältung, oder sonst eine Idee. Habe versucht, davon etwas weiterzureichen -so wie ich es gereicht bekam. Ohne dass es mir je reichte… oder ich mich je als zureichend empfand. Aber das ist nicht wichtig. Ich werde geliebt, und liebe zurück, was das Zeug hält. Wenn das nicht wichtig ist -sag mir, was. Wenigstens das gelang mir -und dafür ließe ich mich, fragte mich wer, notfalls sogar wiedergebären… Nicht versprochen! 😉

Eine Reaktion zu “Fitness für heute: Aufrechter Gang”

  1. Joy

    Ich möchte hoffen, dass dieser Notfall eintritt. Allein schon weil ich glaube, dass eines dieser wunderlich- wunderbar- verwundbaren Erdenleben nicht ausreicht. Nicht zum hangeln, nicht zum fallen, nicht zum stehen und nicht zum verwurzeln.

    In meinem Innenleben gestaltet sich das Bild immer so, dass wir früher, auch vom Bewusstsein her, mehr Gemeinschaft waren. Unreflektiert, gefühlt, sind wir alle aufgebrochen. Wohin auch immer. Und haben dann begonnen zu definieren. Sowohl uns als auch unsere Ziele. Haben Individualströme geschaffen. Und dann festgestellt, dass man alleine kein Strom ist. Vielleicht ein Rinnsal oder bestenfalls ein Tropfen. Der kommt sich aber oft einsam vor und hat auch mächtig Angst zu verdunsten, bis er irgendwo ankommt.

    Aber genau das muss man vielleicht. Verdunsten. Vielleicht ist das der Ansatz dazu, wieder in ein größeres Ganzes einzugehen. Eins, was wir noch nicht recht sehen. Der Schritt des Verdunstens in etwas Neues hinein, der Weg zum Du und zum Wir ist für uns doch eine der schwersten Herausforderungen geworden. Wir haben so viel Angst uns dabei zu verlieren, gar aufzugeben. Ich habe die auch. Angst vorm verbiegen. Und dabei fällt eines auf: verbiegen kann sich nur Festes. Tropfen verbiegen sich nicht. Sie verändern fließend ihre Form.

    Ich träume davon in einer Art und Weise zu verdunsten, in der ich mich mit anderen wieder so zusammenfüge, dass alle meine Anteile gewürdigt werden. auch wenn sie alle neu und anders zusammengesetzt werden. Das muss doch möglich sein. Bis es soweit ist, erzähle ich davon und fließe und glitzere in der Sonne!

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