Eibensang

Fingerübungen

Mission ausgeführt: 14 Songskizzen erhirnt, gebastelt, aufgenommen und hochgeladen auf FAWM, die globale allfebruärliche Songwerkstatt. Na schön: Ein Song ist von Karan, in dem ich was intonieren durfte, und meine Nr. 14 ist nur ein launiger Gruß an die Plattformgemeinde, Bussibussi an die FAWMies all over Mama Globus, aber das gilt alles. Ist eh nur Sport, da es weder Geld kostet noch einbringt und auch sonst keine Konsequenzen hat – außer jenen des Spaßes und der Erfahrung. Genau deshalb mach ich das begeistert mit. Betätige mich ja sonst nicht sportlich. 😉

Und ich bin zufrieden – nicht mit meinen Ergüssen als solchen, das bin ich nie – aber mit dem eingeschlagenen Weg: Ich wollte tiefer in mir graben als in Vorjahren, ließ hochkommen, was immer entstehen wollte – egal, was wer dazu sagen würde. Versuch geglückt. Ich weiß jetzt, wie ich weitermache. Für mich ist es ein Anfang – mal wieder. Kann sein, dass ich immer wieder mal das Gefühl brauche, anzufangen – wenn ich mir meine verquere Laufbahn so anschaue, gehören innere Umbrüche mit anschließenden Neustarts wohl zu meinem Entwicklungshaushalt. Das akzeptiere ich jetzt einfach mal.

Weil ich diesmal deutlich weniger Zeit hatte für die Obsession, hatte ich mir mein Arbeitsplätzchen ergonomisch eingerichtet – was ich so belasse: nicht erst für nächsten Febi. Noch fehlen ein paar AEG (Arbeits-Erleichterungs-Gegenstände 😉 ) wie z.B. ein potenter Tischrechner (Abmischen am schwächelnden Netbook entspricht etwa der Übung, ein Bauernhaus mit der Zahnbürste zu putzen, dauert also frustrierend lange und lässt bei allem Fleiß im Ergebnis bestenfalls die ungefähre Absicht erahnen) – aber kommt Zeit, kommt Geld. Falls ich meine Existenz nochmal (wieder) über die derzeitigen Klippen gehievt kriege, was ich vorhabe.

Ich lasse mich leicht beeindrucken. Als ich das vor vielen Jahren feststellte als eine Charaktereigenschaft – beließ ich sie so. Ich sah schon die Möglichkeiten: auch die erkennend, die ich bereits genutzt hatte, bevor mir die Ursache bewusst wurde. Diese Beeindruckbarkeit hat die Nebenwirkung, dass ich beinahe beliebige Deppen, Genies – und die Werke beider – automatisch gern mal in eine andere (oft höhere) Liga sortiere als eigenen Kram. Ein Vorteil liegt in der Aufnahmebereitschaft: Ich kann staunen und die Welt allezeit neu entdecken wie ein kleines Kind. Was meine Feuer füttert. Mein Seelenofen ist warm! Aber ich muss meinem Verstand verbieten, mich weiterhin in die „Holzklasse“ einzusortieren: bereits Zweitklassigem gegenüber. Was er gerne mal tut, wenn ich nicht aufpasse. Ich habe gelernt, meinem Herzen zu vertrauen, und fahre gut damit. Aber solang mein Verstand Regeln befolgt, die andere geschnitzt haben, bleibe ich pleite oder ein armer Schlucker – den selbst halbtaube Idioten mitleidig belächeln können… Und sei’s, weil der Versuch, das eigene Herzblut zu entschuldigen, dieses nachhaltig entwertet. Es gilt, den Verstand mit dem Herzen zu kontrollieren. Das wird hienieden nicht gelehrt. Da muss mensch autodidaktisch ran.

Spreche ich über mich? Ja: innere Prozesse und Gedanken darüber. Ihr könnt euch das gern als Beispiel nehmen. Vergleicht es mit eurem Leben, euren jeweiligen Konzepten. Ich bin wahrscheinlich älter als du – und falls nicht, stehe ich wahrscheinlich besser da: summasummarum. Ich habe alles, was Geld nicht kaufen kann. Alles! Und den verdammten Rest, der zum blanken Überleben notwendig ist, und der sehr wohl Geld kostet – den krieg ich auch noch! Ich bin – bisher – nur darin schlecht, worin Gutverdiener gut sind. Meine Übung jetzt: das auch noch lernen – ohne deren Preis zu zahlen dafür. Denn der hinderte mich bislang am Machen. Es gibt mehrere Methoden für alles, oder?

Ich habe erst angefangen. Auch: zu singen. Ich höre gerade – „zufalls“-gesteuert von meiner getreuen E-Sekretärin – „I Idolize You“ von Tina Turner (das sie als junge Frau – vor ihrer zweiten Karriere – sang). Ich habe diesem orgiastischen Stück hemmungsloser Hingabe nicht mehr bewusst gelauscht seit meinem 14. oder 15. Lebensjahr. Und ich kriege eine verflucht schöne Lust: meine Entsprechung davon zu singen. Soul heißt für mich: Seele. Ich werde nicht die Stimme imitieren noch den Song oder gar die Harmonien. Dafür ist die Übertragung zu direkt: von Herz zu Herz, über Zeit und Raum hinweg. Ich lasse mich auffüllen von diesem uralten Gefühlsorkan einer jungen, zutiefst unglücklichen Frau, die alles in ihre Stimme packte – und gar nicht anders konnte. Ich habe andere Ansichten, andere Worte in anderer Sprache, andere Götter, lebe in anderen Zeiten unter anderen Umständen – und für die alle ist meine Stimme genau richtig. Ich muss allerdings dafür sorgen, dass sie sich frei entfalten kann. Mit Herzensverbindung und so. Ahnenkontakt und so. Mein Soul und mein Blues – jenseits der notierbaren Stilrichtungen. Oder nennt es einfach Liebe. Ich zeig’s euch noch. Im Guten, Schönen und Besten. Wenn die Große Sau mich küsst, sogar im Allerbesten: Sprachlos verstehen wir einander dann. Für einen Moment.

Inspiration ist der Kiesel am Wegrand oder der Kloß in deinem Hals. Das Unglück, über das du nicht hinwegkommst, ist immer ein großes – egal, was die Leute sagen. Was wissen die denn? Einen Scheißdreck wissen die. Ich schätze Literatur, aber Musik bewegt mich. Ich schreibe an meinem zweiten Roman, aber meine Fackeln sind Songzeilen. Jede, die mich je erschütterte, will ich spürbar machen: mit meinen Ausdrucksmitteln. Das sind Worte. Und eine noch nicht genug bestimmte Art, eine Stromgitarre tönen zu lassen: woran ich noch feile. Ich spiele Gitarre aus Lustgründen. Wegen des Gefühls in den Fingern und denen im Ohr. Ich will nicht mit Läufen oder irgendeiner Artistik beeindrucken – da sind mir alle möglichen anderen endlos voraus, geschenkt. Ich will überhaupt nicht beeindrucken – ich habe was auszudrücken. Und durfte jetzt im Februar feststellen: Das Instrument liegt mir umso mehr, wenn ich Spielregeln ignoriere. Ich fand ein spezielles Tuning – unversehens, als ich ein alternativ vorgegebenes falsch ablas. 😉 Und plötzlich waren Chica und ich eins. Chica ist die E-Gitarre, die mir ein Freund baute. Ich hätte gern eine Gibson. Aber geschenkt – der Umstand, dass ich die noch nicht habe, zeigt mir, dass es noch einiges auszuschöpfen gilt mit der, die ich habe!

Kürzlich machte ich so ein doofes Facebook-Spiel mit, das dein „früheres Leben“ kalkulierte – auf einige typisch durchsichtige Allerweltsfragen hin. Bei mir kam „Hippie“ raus. Ich verschluckte mich fast. Ich war nur knapp zu jung gewesen für die Generation – hatte noch etliche der Sorte kennengelernt: in meiner einsamen Jugend. Für mich ist das Vergangenheit – kein Mythos. Einfluss allerdings: Die Ekstasepriesterinnen jener Bewegung geboten mir, selbst so einer zu werden – auf meine Weise natürlich. Und meiner Zeit gemäß. Die ist gekommen. Und ich danke meinen Lehrerinnen. Ihr wart die besten.

Ihr lehrt mich noch immer. Allein der Weise lernt nie aus. Hannes Wader, der sich mal live in Hamburg launig darüber mokierte, wieso mensch noch in hohem Alter immerzu weiterlernen solle (eine Frage, die individüll ja durchaus ihre Berechtigung haben mag auch) – kann ich nur sagen: Du lernst nicht nur für dich. Ich bin nur ein Mittler. Bestenfalls: Kanal – so eine Art Radiogerät oder Verteiler. Was ich lerne, kommt denen zugute, die das trifft. Und wenn das nur ein Moment ist, eine einzige Zeile oder ein Wort, ein Schrei oder ein Gesichtsausdruck, eine Geste – was auch immer: Wenn der Kontakt stattfindet, geschieht ein Wunder. Dann überträgt sich Macht. Die niemandem gehört. Aber die existiert: zur gefälligen Anwendung.

Mein Beruf lässt sich nicht in einen schlüssigen Begriff fassen, der auf eine Visitenkarte passte: was mich vermuten lässt, dass ich doch einigermaßen richtig liege. Ich habe keinen Wikipedia-Eintrag, was bedeutet, dass ich keine Bedeutung habe in einer Auffassung, die sich als allgemein verbindlich ausgibt. Das verletzt natürlich Eitelkeiten. Geschenkt. Ich las dort auch schon Unbedeutendes. Falsches sowieso. Die Welt ist nicht unbedingt identisch mit dem Getön über sie. Ich schloss Freundschaften im Staub der Arena – die mir wichtiger waren als der Daumen des Kaisers, oder sogar des Publikums. Der Preis für die Treue geht in Ordnung. Kann allerdings sein, dass wir ihn neu verhandeln müssen.

Diese Verhandlungen stellen, soweit schon klar, wesentliche Gesellschaftsregeln zu Disposition. Darf also davon ausgehen, dass wir sie uns erkämpfen müssen. Die Verhandlungen – oder sogar die Gesellschaft. Überrascht? Nicht wirklich. Oder? 😉

Zum Schluss was ganz Banales: Ich veröffentliche diese Überlegungen, weil ich heute einen alten (und überaus geschätzten) Bekannten wiedertraf, den ich seit sechs Jahren nicht mehr gesehen hatte – und der dieses Blog liest, wie er sagte. Man merkt das ja nicht automatisch.

tl;dr: Die Kurzfassung wird verweigert. Read the fucking manual.

3 Reaktionen zu “Fingerübungen”

  1. MartinM

    Respekt! Ich komme bein Liederschreibseln ja nicht über „gute Vorsätze“ hinaus. 😉

    Und ich wünsche dir, dass tatsächlich mit Zeit Geld kommt – und damit ein besserer Rechenknecht. Ein guter Handwerker braucht gutes Werkzeug .

    MartinM

  2. du weißt

    ichwill dich nicht vollsülzen, nur soviel: ich bin beeindruckt von deinen Liedern, Texten, Arragements, deiner Stimme (die ich noch lieber live höre). Und bin gespannt auf deinen weiteren Weg (werde dir wohl oder übel an den Fersen kleben 😉 ) Höre derzeit deine Uraltsachen und sitze dann immer breit grinsend in der S-Bahn.
    Und ja, auch wennder Schnack schon so ausgeluscht ist, dein Song über deinen Freund hat mich berührt (oh, ich habe es geschrieben, whaaaa). Wir sehen uns 🙂 Und danke nochmal für dein feedback drüben auf FAWM.

  3. Andrea

    Höre gerade Deine Februarwerke in FAWM – aaaah gut! Duke, der die Vergangenheit mit der Gegenwart wiedervereint, sozusagen 😉 Ja, mach‘ Dich ganz und schöpfe aus dem Vollen!

    Ein Steinzeitsong – Synchronizität 🙂 . 2012 waren es schlüpfende Drachen, dieses Frühjahr bin ich an einem Steinzeitprojekt für ein Spiel. Ab sofort können die Spieler dank meines „Tree of Life“ auch den Bäumen Ehre erweisen und sich an die Zeiten erinnern, als das Grün nach dem Großen Eis zurückkam. All sowas gab es nicht, und nun mache ich es eben selbst; ein paar Spieler freuen sich darüber. Fliegenpilze dürfen sie auch bald sammeln und dann ein Ritual zusammen machen XD
    Auch ne Art, kreativ zu sein, immerhin. Mensch, Meeeet brauch ich auch noch! Ob’s den zu Steinzeiten schon gab? Bestimmt, Bienen gab’s schließlich. Die kommen ja auch in Deinem „Notruf“ vor. Jemand sagte mir, sie würden auch „Feen von Wyrd“ genannt.

    So, und jetzt lass‘ ich mich weiter ergreifen von Deinen Songs, bis es mir die Tränen in die Augen treibt.

    Alles Liebe und ein feines Frühjahrsequinox
    Andrea

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