Eibensang

Der Liaison meines Lebens

Februar ist da: der Albumschreibemonat. Für mich zum vierten Mal. Ich werde weniger Zeit haben dafür als in vorigen Jahren. Ohnedies treibt mich etwas, es diesmal anders anzugehen. Weniger denn je schiele ich auf Lob, Beifall oder sonst eine noch so homöopathische „Öffentlichkeit“: selbst nicht mehr aus dem Kreis der Mitmacherinnen und Interessierten. Nicht, dass mir Eure Kommentare zu meinem Schaffen plötzlich egal wären – das Gegenteil ist der Fall. Nur ist Gefallenwollen momentan nicht meine Triebfeder. Weniger denn je kann ich vorausahnen, wohin sie mich diesmal treibt: Denn sie fühlt sich anders an als sonst. Als bislang je!

Während ich in den nächsten 28 Tagen und Nächten meine aus dem Unterbewussten hochquirlenden (manchmal auch nur hochgekitzelten) Konglomerate aus Ideen, Wünschen, Versuchen, Manien, kochendem Herzblut, wildernden Gedanken und handwerklichen Grenzen in (wie auch immer) klingende Skizzen umsetze, wird sich mein nahezu 55. Lebensjahr vollenden. Ein solches Alter lässt – schon deshalb, weil zu viele Freunde und noch mehr Bekannte es nicht erreicht haben – Rückschau zu.

Zu meinen persönlichen Lebensfeiertagen (ich habe ca. 150 davon, Tendenz steigend) gehört der „Tag der Musik“. Es war der 13. Mai 2008, als ich mich bei einem Coaching, das drei Singvøgel in die konstruktive Mangel nahm, dazu bekannte, Musiker zu sein. Ohne wenn und aber. Warum erst dann? War nicht Musik die Dosenöffnerin meiner Geschlechtsreife gewesen? Samt meines seitherigen Wagnisses, selber zu denken, anstatt wie vordem für mich denken zu lassen? Habe ich der Musik nicht meine Schullaufbahn, jede als „bürgerlich“ titulierbare Existenz, eine womögliche Theaterkarriere und, schlimmer noch, sogar manche Liebesbeziehung geopfert? Von gefühlt tausend beendeten oder gar nicht erst angefangenen Affären ganz zu schwelgen? Ich, der nichts als so existentiell wahrnahm und erlebte als meine verdammt wunderbaren Liebesbeziehungen? Meine Göttinnen in Menschengestalt? Wie zum Henker – hoist the colours, bro’s ’n‘ sistahs! – komme ausgerechnet ich ewig musengetriebener Tischtrommler, Melodiengrummler, Singverse-Ersinner dazu, mich erst mit 49 Langlenzen dazu zu bekennen, was mich antreibt, was ich praktisch mein Lebtag mache, wofür ich Silbertabletts großer Götter von mir stieß, als ich jene noch gar nicht (er)kannte… – als was zum Loki hab ich mich seit meinem 13. oder wenigstens 15. Lebensjahr eigentlich gesehen?

Damals, mit 15, hatte ich eine Vision. Auf einer Parkbank. Unversehens also. Ich sah mich als Bassist einer Band, einer Rockband. Und während ich gerade die vier dicken Saiten zupfte, die diesem Instrument eigen waren (heute haben Bässe ja manchmal mehr Saiten), ging die Tür des Ü-Raums auf, um zwei aufgekratzt grüßende Menschinnen hereinzulassen. Ihre Namen waren Versuchung und Verheißung, und ich heiratete beide auf der Stelle. Die Hochzeitszeremonie bestand aus hemmungslosem Wonnetoben mit anschließendem Lebenslangtourneevertrag. Das Verrückte ist, dass genau das wahr werden sollte. Allerdings völlig anders, als ich dachte. Mein heutiges Leben unterscheidet sich von dem eines Rockstars nur in den Punkten, dass ich weder rocke (im engeren Sinne des Genres) noch irgendwie berühmt bin (im üblichen Sinne des Begriffs). Der Rest ist Schwelgen.

Aber musizieren? Einmal dem eigenen Anspruch genügen – auch und gerade musikalisch? I messed it up – again and again. Ich hab da irgendwas einfach nie ausreichend (oder auch nur annähernd) begriffen. Zu Teeniezeiten, sofort nach meiner erwähnten Vision, gründete ich eine Band – die aber nie eine wurde. Stattdessen wurde ich zum unbewussten Priester einer Clique. Eines, wie ich es viel später genannt hätte, Hexencovens – nur ohne Religion. Wir merkten es nie. Wir hatten einen Song – immer nur einen. Er wechselte alle paar Wochen oder Monate. Wir fanden nie den Schluss. Hätten – lang vor den Briten – den Punk erfinden können damit. Dazu fehlte uns der Geist. Den meinen hatte ich ausgelagert – an einen Freund, der später verstarb. So wie der andere auch: den ich für mich leben ließ. Jenes Leben, das ich mich nicht zu wagen traute. Zunächst.

Als die Cliquenband zerbröselte, stieß ich zusammen mit der Musikszene meiner damaligen Wohnstadt – und die sich an mir. Bei meinem ersten Auftritt, der nur einen Coversong lang währte – als Gastsänger einer Schülerbluesband – zerhackte ich einen Schellenkranz an meinem Oberschenkel. Vorher hatte ich – als Milchproduktallergiker – zwei rohe Eier in mich hineingegossen: weil mir irgendein Idiot, dem ich natürlich glaubte (denn ich bin gutgläubig, wenn auch inzwischen nicht mehr leicht-), erzählt hatte, davon bekäme man eine „geile Stimme“. Ich hätte mehr meinen Zigaretten trauen sollen. Bei meinem zweiten Auftritt – nochmal zu Gast bei selbiger Schülerband – buhten mich 600 Leute geschlossen aus. Weil schon beim Startakkord des ersten Songs der Verstärker des einen Gitarristen abgeraucht war – und ich glaubte nicht recht zu sehen: Die Trottel brachen ab und scharten sich um den Schrott-Amp – als gäbe es kein Publikum, als wären sie allein auf der Welt und nicht auf der Bühne – anstatt weiter zu performen. Was ich tat. A capella Gesang. Genauer wohl: Geröhre. Ich sang den verdammten Song fertig. Alleine. Was hätte ich tun sollen? Zum Backing 600kehliger Buhrufe. Was für ein Empfang.

Sieben Jahre später, 1985, sang ich wieder unversehens und unfreiwillig a capella. Es war mein erster TV-Auftritt. Live. Diesmal jubelten 600 Leute. Es hatte schlicht niemand gemerkt, dass zu dem Gesang (oder Geröhre) eigentlich Musik gehörte. Obwohl sich zwei Kollegen hinter mir abmimten on stage: einer am Bass, einer am Keyboard – beide unhörbar. Die Musik war eh Playback – bzw. hätte Playback sein sollen. Aber das hatte jemand runtergedreht auf Null. Ich hörte nur ein leises Monitorsignal, so dass ich noch wusste, wo ich im Arrangement war. Das Publikum – live wie die Fernsehzuschauer – hörten nur meine Stimme. Dann kam das – unhörbare – Keyboardsolo. Was sollte ich machen? Ich drehte mich im Kreis. Schwenkte meinen Hintern. Der war zu sehen: Meine selbstgenähte Organza-Hose war durchsichtig. Die Menge tobte – teils begeistert, teils ent-. Ich war geschminkt wie ein Krieger, ich war schlank, ich war jung und voller Hitze. Ich wurde zum Skandal des Bardenfestivals, der Stadt, der Region. Die Presse brummte. Triumphzüge mit Gegenwind. Der Typ, der meinen TV-Einstand vergeblich sabotiert hatte, war der regional herrschende Rockveranstalter gewesen, ich kannte ihn flüchtig. Begriff nie, was er gegen mich hatte. Sein Adlatus, der mir die Tat und ihre Hintergründe gestand Jahre später, sagte, sie hätten mein „geräuschloses Zusammenbrechen“ erwartet. Was nicht stattfand: Ich sang den Song durch. The show must go on! Mich belohnte das Leben dafür. Die mir’s missgönnten, sind inzwischen tot. Trotz ihres Engagements waren sie keine wesentlichen Stationen meines Lebens.

Meine Laufbahn als Soloperformer hatte damit begonnen, dass der Bassist meiner Band ausgestiegen war – nach wochenlangen Proben für einen Auftritt. Den machte ich dann – wutentbrannt – alleine. Trug meine Texte freihändig vor. Da ich mich ja nicht so richtig von der Idee einer „Musikdarbietung“ verabschieden mochte oder konnte innerlich, schlug ich dazu ein leeres Ölfass mit Plastikschläuchen, malträtierte eine Klampfe (unter anderem mit Messern, was schöne Scratchgeräusche ergab, auch wenn es den Saiten nicht so bekam) und schrie meine Rhythmus-Reime auch gern mal durchs Megafon. Machte bald einen Trotz draus: „Hey, alles stillgestanden!“ bellte ich in mancher Disco den Tanzboden frei. „Hier kommt Lyrik!“ Die war auch auf Krawall gebürstet. Empörung, Abwehr und aggressive Zwischenrufe, die ich natürlich gekonnt konterte, waren mein erster Solo-Applaus. Was mir vollkommen normal vorkam. Wobei die Texte ja ankamen. Aber live war es oft ein Kampf, ein Gefecht, ein atmosphärisches Gemetzel. Kannte das nicht anders: Als Punk hatte ich (wenige Jahre zuvor) mit meinen Getreuen befreundete Bands „überfallen“, sie von der Bühne gejagt, den Abend zur Farce gemacht: liebevolle Streitgespräche mit dem Publikum führend, die Anarchie erklärt, unsere minimalistischen Anti-Songs zelebriert, keiner länger als zwei Minuten und jeder eine Perle in sich gebrochener Absurdität. Wir bekamen einen Artikel in der „Spex“ – und lachten darüber. Es war uns verdammt ernst mit dem „anti“.

Gefühlte Zeitalter später, als angehender Solo-Performer, zerschnitt ich einen abgelegten Pelzmantel meiner Mama, band mir die Fetzen um den grob bemalten Leib und rappte was als oder über „Thor, Donnergott“. Zu synthetischen Playbacks, zu denen mir Freunde verhalfen. Bald wurden wüste Kostümshows draus – immer zu intellektuell hochgestochenem Gerappe und Geröhre (das bereits mit der Textdichte Mehrheiten überforderte), später konzeptionelles Maskentheater in großem Stil, mit immer ziemlich schriller synthetischer Musik.

Ende der 80er Jahre bekam ich ein Management, das mich quer durch den deutschsprachigen Raum schickte mit dem Spruch: „Duke Meyer – 200 cm lang und im Bayernfunk verboten.“ Weißgott, das war ich. Wegen mir wurde noch während eines Livegigs in Bayern ein Radio-Redakteur entlassen: „Einen Duke Meyer sendet man nicht.“ Es war mein alter Pantomimelehrer gewesen, was ich erst erfuhr, als ich ihn Jahre später auf der Straße traf, und wir lachten darüber. Er hatte mir einst meine erste Trancereise beschert, und mich vieles andere gelehrt. Was mag aus ihm geworden sein?

Im Lauf von Jahrzehnten badete ich landauf, landab, von Berlin bis Wien, in Ovationen – nicht immer und jedesmal, aber immer wieder. Mit unterschiedlichsten Projekten. Rührte Menschen zu Tränen und herzlichen Ausbrüchen, bekam selten zuviel Geld, aber immer alle Aufmerksamkeit. Vielleicht hat mich das verzogen. Ich hatte schon Fans unter meinen Fans, die kamen nicht wegen meiner Musik, sondern trotzdem. Was immer das bedeutet. Wahrscheinlich habe ich nie so recht begriffen, was Musik ist: also solche, wie sie die meisten Menschen gerne hören wollen. Ich wollte immer das Gefühl ausdrücken, das mich mit ihr ergriff. Das war etwas Großartiges, aber auch Gewalttätiges und Anforderndes. Schon das Intro ein Fanal, ein Hammerschlag, ein Rachegewitter. Die Texte Stoßgebete, Seelentauchfahrten, Kriegsgesänge. Die Stromgitarre als auch mein Ausdrucksmittel entdeckte ich erst 2008. Oft blind und taub für meine Wirkung, entwickle ich mich zuverlässig unsystematisch. Mittlerweile kann ich ja auch säuseln. Aber selbst mein Geflüster scheint sich meist abseits dessen zu bewegen, was Liebende am Kaminfeuer hören wollen. Vielleicht heißt meine Muse ja Loki.

Ein bisschen fühle ich mich wie beim Auto-Scooter. Zum Rummelplatzbesuch hatten mir Ältere – ich war noch einstelligen Alters – erzählt, dort dürfe man „durcheinander fahren“ – Karambolage sei überhaupt Sinn und Spaß der Sache. Als ich das dann wörtlich nahm und die anderen Scooter anrempelte, schissen mich alle lautstark bis böse zusammen, bis ich merkte, dass man dort nur anständig im Kreis fahren durfte. Ich war chaotisch reingebrettert. Gegen den Strom. Gleichmaß und Uniformität als angebliche Freiheit – das kapiere ich bis heute nicht am Pop.

Die neue CD meiner sich notorisch weiterentwickelnden Band heißt Westwind, auch diesmal finanziert von den besten Fans der Welt: Das Crowdfunding läuft noch bis Mitte Februar. In Rezensionen zu ersten Premix-Auszügen durfte ich lesen, dass ich ja diesmal „erstaunlich gut“ sänge. Danke vielmals, gern geschehen, keine Ursache, kann vorkommen, wir sind doch alles erwachsene Menschen, so jung kommen wir nicht mehr zusammen und davon geht die Welt nicht unter – nach Ihnen, bittedanke, und sonst so? 😉 Ich bin so eine Art Liebesbriefsänger. Freut mich, wenn Papierqualität, Tinte und Gleichmäßigkeit der Schreibkringel gefallen. Ob aber schön, rau, schräg oder rauchig – und mit was für Ausdrucksmitteln auch immer: Ich singe für Herzen – und zwar mittenmang rein. Sie antworten mir. Im Meer der Gefühle veranstaltet jemand Schwimmwettbewerbe? Das muss mir permanent entgehen. Ich bin ein Wal. Ich tauche und blase, wo und wie es mir passt. Meiner Natur gemäß. Wo sind meine Artgenossinnen? Die Unterwasserschrauben all der Oberflächen-Schipper machen mich taub.

Musik! Wir sind keine Vorzeige-Ehe eingegangen – immer nur eher schmutzige Affäre – leidenschaftlich, zuweilen hysterisch, unfallsträchtig. Aber ich habe dich geliebt, immer – es dauert an. Ich liebe dich! Ich weiß, ich habe dich mies behandelt manchmal, dich früher sogar geschlagen – das soll nicht mehr vorkommen, versprochen! Ich bin wahrscheinlich kein so guter Musiker gewesen – nicht der, den du verdient hättest, geliebte Musik. Aber gib uns noch eine Chance. Bitte! Ich werde dir ein Denkmal bauen. Das unserer lebenslangen Liaison. Die ich ehre, auch wenn ihr wenig gesellschaftliche Anerkennung beschieden ward‘. Und auch, wenn ich es selber abmischen muss.

5 Reaktionen zu “Der Liaison meines Lebens”

  1. Peti Songcatcher

    Bittedanke für’s Teilen, lieber Duke 🙂 Bin total gespannt auf das Denkmal für Deine große Liebe – und auf all‘ die Titel, die Du ausserdem noch schreiben, spielen und singen (und abmischen) wirst – in echt und in ‚dukisch‘, also EINZIG-ARTig.

  2. Gaga Nielsen

    Spann den Eibenbogen.

  3. Paula

    Hey Duke,
    die Fensterläden deines Herzens sind weit geöffnet und geben Ein-Blicke, wofür du lebst und (ver-)brennst. Es scheint, dass dein musikalisches Herz wie ein Schmetterling vor dir her flattert und dich in Atem hält, um hinterher zu kommen und ihm bedingungslos zu folgen. Ein lebenslanger Schwur ist eine große Sache im Leben, kenne selber die Bedeutsamkeit und schenke dir den Segen für all dein Tun, Beten, Widerstehen, Aufzeigen, Ersehnen, Rufen, Singen, Rocken, Flüstern, Hauchen, Fühlen, Abmischen, etc… Ich wünsche dir die Erfüllung deiner kühnsten Träume, es ist möglich !!!

  4. ryuu

    Ich herze Dich, Großer! Was ich bisher von Deinen Kreationen hörte – je weniger es gefallen will, desto mehr berührt es mich. Rock on!

  5. Alex

    Hallo Duke,
    sooo lange her, aber jetzt muss ich mich doch mal wieder melden.
    Freu mich über deine Musik und deine Worte!
    Ganz liebe Grüße,
    Alex

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