Eibensang

Der Drogenkrieg

Ursprünglich wollte ich hier meinen zweitliebsten Sport dokumentieren, das allfebruärliche weltweite Liederschreib- und Komponierspiel FAWM. Nun ist jedoch – viel wichtiger als Kunst, die muss da jederzeit zurückstehen, nicht wahr – eine ernste Sache dazwischengekommen, deren Auswirkungen zum Himmel schreien. Es geht um Drogenmissbrauch – um nichts weniger sogar als den größten Drogensumpf der Welt. Man muss sich wundern, dass das noch niemandem aufgefallen ist. Wo sind die Medien, wo die Lobbyhur-, äh, Politiker, wollt‘ ich sagen, wo die Moral- und Rübe-ab-Parolenwerfer für die Stammtisch-Munitionsdepots?

Es geht um eine Designerdroge – die nichtmal neu ist, im Gegenteil. Lange vor Heroin, Opium, Speed, Crack, Pep und Fernsehen kam sie auf – nur Religion ist noch älter. Aber nichtmal die ist derart verheerend, und das will was heißen. Hier kurz die Wirkweise: Der vollkommen künstliche Stoff ersetzt binnen kürzester Zeit sämtliche Wertesysteme von Kopf und Geist und fokussiert alle Wahrnehmung ausschließlich auf sich selbst. Die Droge ist so gefährlich, weil sie nichtmal eingenommen werden muss – es reicht der Umgang damit – und dass der sowohl regelmäßig wird als auch zur einzigen noch wirksamen Regel in den Köpfen der Opfer, spricht Bände – und ruiniert Massen von Menschen überall auf der Erde, und deren Ökosystem, unsere noch existierenden Lebensgrundlagen, gleich mit. Als Nebenwirkung erzeugt der Stoff bei den meisten Verbrauchern eine schleichende Herzkrankheit, die medizinisch nicht direkt nachweisbar ist (da sie die vegetative Funktion des Organs zunächst nicht beeinträchtigt), die charakterliche Substanz jedoch nachhaltig beschädigt, so dass die Opfer im schlimmsten Fall zu keiner Herzensregung mehr fähig sind – und oft auch gar nicht mehr sein wollen.

Erinnerungsvermögen, Vorstellungskraft und Sozialkompetenz nehmen in dem Maß ab, wie der Konsum dieser Droge steigt. Überhaupt sind gerade die sozialen Verwerfungen alarmierend. Der allgegenwärtige Einfluss der Droge – der und dem niemand mehr zu widersprechen wagt – ist dabei, unseren gesamten Planeten zu ruinieren, und mit ihm alles, was darauf kreucht und fleucht. Außer Viren, Bakterien und einigen unverdrossen vor sich hin mutierenden Insektenstämmen haben alle Geschöpfe – wenn sich die Verhältnisse weiterhin so zuspitzen – langfristig verdammt schlechte Chancen. Und das alles nur wegen dieser Droge!

Gangster- und Subkulturmilieus vergangener (aus heutiger Sicht fast schon nostalgisch anmutender) Zeiten haben zahlreiche Necknamen für sie geprägt -Tacken, Emmen, Penunze, Kohle, Kies – die großen Kartelle sowie ihre meist naiven Opfer sprechen heute einfach von „Geld“. Es ist nahezu überall. Die Abhängigkeit, die die jeder anderen Droge um ein Vielfaches übertrifft, sorgt jedoch für den subjektiven Eindruck, nie genug davon zu haben. Selbst Großkonsumenten, Volljunkies, BBBs („Bold Billion Bastards“), die zahllosen anderen Süchtigen den Stoff mittels ausgeklügelter großkrimineller Kartellmethoden (sog. „Wirtschaftssysteme“) permanent „abknöpfen“ und aus Sicht der beraubten Mehrheit „in Geld schwimmen“, plagt das Gefühl, „nicht genug Geld“ zu bekommen – im Grunde ist es sogar ihre Haupttriebfeder, die Schraube aus Sucht und Gewalt noch weiter zu drehen und die letzten „Cents“ (Hundertstel einer straßenüblichen Minimaldosierung) aus den Verelendeten herauszupressen, um es zur krebsgeschwürartigen Besitzstandsmehrung zu verwenden: in welchen Massen und Ausmaßen, ist kaum noch vorstellbar.

Wer nicht selbst schonmal einem weltweiten Wirtschaftsimperium vorstand und Eingeborenendörfer mit Mausklicks ausradierte (Staudamm jetzt!) oder 40.000 Stellen Lohnabhängiger strich (Dividende gleich!), kennt sie nicht: die Charakterkrüppel, die sich selbst „Global Players“ nennen. Sie spielen nur unter sich – aber immer mit uns. Wir alle spüren die Auswirkungen, denn wir sind davon betroffen. Anders als Schimpansen im Wald, die nicht ermessen können, dass Geldscheine, mit denen sie nur kurz spielen würden und dann liegenlassen, ihre Heimat vernichten (ein Beweis dafür, dass Magie – in dem Fall die des Geldes – auch dort wirkt, wo kein Schimpanse sowas für möglich halten kann), können wir denken. Nur deshalb lenkt man uns ab davon.

Bei hemmungslosem Missbrauch – rasche und vollständige Enthemmung gehört zu ihren markantesten Symptomen – verwandelt diese Droge die anständigsten Menschen in entseelte Zombies, in willenlose Sklaven, die nur noch einem einzigen Gesetz gehorchen, nur noch einem einzigen Trieb zu folgen imstande sind: ganz und gar unersättlicher, bodenloser Gier. Der Zustand erschreckt, nicht der Anblick. Sie können lächeln, haben womöglich sogar interessante Meinungen oder sogar Manieren und tätscheln Kinderköpfe (wie andere Tyrannen vor ihnen auch).

Was tut die Gesellschaft dagegen? Nichts! Hier, unwerte Dam’n’Herren international erstschlagbereiter Propaganoia, wäre er mal angebracht: ein „War on Terror“! Denn der kartellartig organisierte Umgang mit der Designerdroge Geld kann nur noch als flächendeckender Terrorismus bezeichnet werden.

Nicht hinter ausgebombten Reisfeldern irgendwo in unzugänglichen Dschungeln wird das Zeug angebaut, sondern mitten in UNSEREN WESTHEMISPHÄRISCHEN Großstädten wie New York oder Frankfurt befinden sich – unbehelligt von der Polizei – gewaltige, global vernetzte Umschlagsplätze, wo offen mit Geld gehandelt wird. Und das nicht etwa im Schatten müllübersäter Hinterhöfe, sondern hinter den spiegelnden Glasfassaden glanzvoller Hochhäuser. Während unten auf der Straße die Polizei nichts Besseres zu tun hat, als Obdachlose fortzujagen, damit die niemanden anekeln beim Verrecken. Warum sind die aber obdachlos, überhaupt? Weil sie ohne „Bonität“ (Junkie-Slang für nachweisbare jederzeitige Drogenzugriffsmöglichkeit) kein Zimmer bewohnen dürfen. Nichtmal ein kleines. Sich eigenhändig aber wenigstens eine Hütte bauen aus dem, was sie finden, dürfen sie auch nicht. Selbst, wenn sie geschickte Hände haben und Ideen.

Die gefährlichste Erscheinungsform der Droge -die wir Durchschnittsjunkies oft nur in Form kleiner diskusförmiger Metallstücke sowie bunt bedruckter, kaum handgroßer Blätter (die sich fast so anfühlen wie normales Papier) zu sehen bekommen – bedarf überhaupt keines anfassbaren Trägermediums mehr. Die Übertragung des Wirkstoffes erfolgt vollelektronisch, als Auslöser reichen Zahlenkolonnen, die mit entsprechender Bedeutung aufgeladen wurden. Die Sinne des Abhängigen fokussieren die Zahlen und leiten sie weiter in sein Nervensystem, das sie besetzen als einzig relevantes Wertesubstrat, vor dem alles, aber auch alles andere völlig nebensächlich wird. Volljunkies sind bemüht, diese Zahlenwerte – und damit die Dosis – permanent zu erhöhen. Es wird zu ihrem Lebenszweck. Und entzieht allen anderen jederzeit den Boden, die Nahrung, die Hoffnung, am Ende das Leben selbst.

Durch die leichte Herstellbarkeit (seit der Umstellung unseres Zählsystems von der altrömischen Umstands-Buchstabiererei auf die arabischen Ziffern inklusiv des Jokerzeichens „Null“ ist es selbst für Idioten überhaupt kein Problem mehr, Zahlen auf ihr Vielfaches zu addieren, multiplizieren, potenzieren – zumal es längst Maschinen dafür gibt, die sogar Kindern zugänglich sind) ist der hemmungslosen Verbreitung des Stoffes praktisch nicht beizukommen. Längst zeigen die Schwerstabhängigen die Resultate ihrer Sucht offen und völlig ungerührt (das Schamgefühl ist eine der ersten Regungen, die von dieser Droge nicht nur unterdrückt, sondern radikal ausgemerzt wird) in aller Öffentlichkeit. Sehen Sie sich Ihre Nachbarn mal genauer an. Fahren sie ein modernes neues Auto, gehört ihnen womöglich das Haus, in dem sie wohnen (oder gar das Haus, in dem Sie selbst wohnen?), und haben sie u.U. in einem mediterranen Hafen (oder sonstwo) eine Yacht schaukeln? Dies alles können Anzeichen dafür sein, dass Menschen in Ihrer Umgebung geldsüchtig sind.

Wahrscheinlich wurden Sie selbst schon zur Abhängigkeit gezwungen, nicht wahr? Oder wann haben Sie zum letzten Mal versucht, im Supermarkt ein paar von den besseren Sachen einfach mitzunehmen, weil Sie auch ein liebenswertes Mitglied unserer Gesellschaft sind und schließlich, was immer Sie sonst tun, irgendwann einfach mal was essen müssen? In aller Regel werden aber für jeden noch so welken und schmierigen Möhrenstrunk, den Sie vom Markt nach Hause tragen, ein oder mehrere Stücke Geld verlangt. Da können Sie so liebenwürdig sein wie Sie wollen: Wenn es auch nur ein Metallstück zuwenig ist, kriegen Sie den öden Strunk nicht. Nichtmal den! Und was machen derweil unsere jungen Leute im Internet? Immer öfter die desillusionierende Erfahrung, dass sogar dort manche Sachen Geld kosten (vielleicht sollte man das Internet deshalb schließen. Wenn es schon so drogendurchsetzt ist)! Und wann hat Ihnen die Bäckerin Ihrer Wahl zuletzt eine Tüte frischer Brötchen dafür gegeben, dass Sie ihr ein (ebenso frisches) selbstersonnenes Gedicht vortrugen oder anboten, ihrem Sohn eine Nachhilfestunde in Deutsch zu geben (oder was immer Sie selbst gut bewerksteliigen können)?

Von allen Substanzen auf Erden ist Geld die einzige, die durch dauerhafte Lagerung nicht irgendwann an Wert verliert – im Gegenteil, je mehr Geld jemand anzuhäufen versteht, desto leichter wird es für den Betreffenden, an noch mehr Geld zu kommen. Ab einer bestimmten Menge vervielfacht es sich geradezu automatisch. Auf Kosten all derer, die das nicht so beherrschen – und sei es nur deswegen, weil aus ein paar Metallstücken zwischen wenigen Knitterblättern in aller Regel keine Reichtümer werden. Da braucht’s schon Summen mit mehr Nullen hinter der Eins. Wer keine Nullen hinter der Eins hat, ist selbst eine Null. Wer keine Eins hat, der gilt nichtmal mehr als Null. So eine/r wird nicht mehr wahrgenommen. Ganze Bevölkerungsteile mutieren zu Biomüll. Teile? Einzelpersonen beschießen Nationen inzwischen – und dreimal rate, wer die Munition bezahlt. Nicht die Geldbarone. Das erste Opfer des Dritten Weltkriegs war Griechenland. Wir müssen uns dringend über reale Fronten verständigen. Die des 21. Jahrhunderts.

Da zum Wesen dieser Sucht gehört, alles außerhalb ihres Ziels – Geld und noch mehr Geld – zu entwerten, ja vollständig auszublenden, ist es für Schwerstabhängige unmöglich, außerhalb ihrer Zahlenwelt irgendeinen Verlust festzustellen – Natur und Mensch mögen verrotten, Erfindungen, Gedanken, Schönheit und ganze Kulturen unwiederbringlich verloren gehen – der Zahlenjunkie bemerkt das nicht einmal, denn außer seiner Sucht nach noch höheren, noch schneller und umfangreicher errungenen Zahlen hat ja nichts mehr Bedeutung.

Daher rufe ich unsere Gesetzgeber auf (und zwar mit Nachdruck. Der wird, soweit bin ich Realist, vom Volk ausgehen müssen. Was sag ich: von Völkern!), diesem schändlichen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Es geht um nichts weniger als unsere Zivilisiertheit. Langfristig sogar: um unser Überleben auf Mama Globus. Denn:

„Wo alles nur noch seinen Preis hat, hat nichts mehr einen Wert.“
(Eibensang, Widerstandsträumer aus dem 20./21. Jh.)

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