Eibensang

Heimdall

Wie der Tautropfen auf dem Blatt, so leicht federt mein Fuß. Wenn Mardøll aufsteigt und den Horizont orange färbt, bin ich schon lange wach: Die Gefiederten singen mein Lied, noch weniger Schlaf brauche ich als sie. Wenn es regnet und die Große scheint, dann siehst du vielleicht meine Treppe: Bifröst genannt, als Regenbogen bekannt – das ist meine Arbeitsstätte. Ich bewache die Burg der Götter: Nichts lass ich ein, was schadet. Ich prüfe genau, was Neues kommt. Das Gute zu nehmen und einzubauen, das ist’s, was ich den Meinen rate. Aber nicht nur Asgard bewach ich: Auch des Menschenstammes Regelwerk wird von mir behütet. Und wer das Gesetz hält und die Gemeinschaft ehrt, dem helfe ich treu und in Güte.

Ihr Töchter und Söhne von Ulme und Esche: ihr Menschenvolk liegt mir am Herzen. Ich bin der Sohn der neun Mütter: Die Töchter der Ran gebaren mich einst ohne Schmerzen. Das Schwert ist geschmiedet, der Stein ist gewetzt: Ihr kennt eure Ahnen, ihr kennt das Gesetz. Eine jede, ein jeder finde den Platz, den sie und er ausfülle für sich und die Seinen. Es gibt kein Geschöpf ohne Gabe, oh nein: Talent ist allen zu eigen.

Wenn du nicht weißt, was du tun sollst, wozu – dann such deine eigene Gabe. Glaub mir: Die wird gebraucht auf der Welt. So wahr ich neun Mütter habe. Du brauchst die Gemeinschaft, und sie braucht dich. Wie – du willst nicht diese, oder sie dich nicht mehr? Ich sag dir: Du brauchst die Gemeinschaft wie der Grashalm die Wiese – und ebenso umgekehrt.

Ich spend‘ keinen billigen Trost, Frau und Mann – nicht dass wir uns missverstehen. Steh auf, raff dich auf, schaff dich rein – und ob’s taugt – das lass uns gemeinsam sehen. Was du tun musst, tu’s jetzt: Das ist Heimdalls Gesetz. Guter Rückenwind soll dir wehen. Und für das, was du tust, und für das, was du lässt: Für alles das musst du stehen.

Erlang deinen Lohn, und kämpf für dein Recht – doch achte stets das der anderen. Doch bist du dir treu, dann soll dein Blick, wann immer er mag, zu mir wandern: Auch Tränen sind heilig und kostbar und gut, jede klar und schön wie Kristall. Mardøll, die Sonne, sie gebe dir Mut – als Schönste in unserem All.

Wenn das Leben sich mischt wie Feuer und Gischt, hat sich das Wichtigste vielleicht schon vollzogen: Aus dem Tau deiner Augen, zwischen Trauer und Glück – da siehst du den Regenbogen. Dieser eine: das ist der deine. Muss ich das extra erwähnen? Menschenskind – schau nach vorn: Stoß mit Heimdall ins Horn. Spring auf, wenn die anderen noch gähnen: Der Sohn der neun Mütter grinst dir zu. Hellwach, und mit goldenen Zähnen.

Einen Kommentar schreiben

Html wird rausgefiltert, aber Du kannst Textile verwenden.

Copyright © 2019 by: Eibensang • Template by: BlogPimp Lizenz: Creativ Commens BY-NC-SA.