Eibensang

Wer erleuchtet das Meer?

Gefragt nach meinen Göttern, komme ich ins Schwitzen: je mehr ich von ihnen erzähle, desto weniger erfährt man dabei über Ásatrú. Fange ich aber damit an, muss ich soviel erklären, dass ich kaum mehr zum sog. Spirituellen komme. Ist Ásatrú überhaupt spirituell?

Diese Frage ist leicht zu beantworten. Aber warum sollte ich das tun? Ich erkläre mich für befangen: da ich selbst Ásatrú bin, halte ich unsere Riten natürlich für spirituell. Aber das kann anderen ja anders vorkommen. Macht euch selbst ein Bild.

Auf die Ahnen!

Draußen, nachts, ein Feuer, drumrum Herumlungernde. (Das Szenario ist ebenso in ein beliebiges Wohnzimmer verlegbar, aber draußen finde ich es behaglicher.) Die Luft ist warm, die Atmosphäre gemütlich, man plaudert miteinander, unaufgeregt. Entspannte Runde, vielleicht ein Dutzend Leute, vielleicht ein paar mehr. Plötzlich steht einer auf, hebt sein Horn: „Auf die Ahnen!“ Kurze Verdutzpause, dann stehen weitere auf und tun dasselbe, andere bleiben sitzen oder liegen, aber alle heben Horn, Flasche oder Becher und erwidern den Ruf im Chor: „Auf die Ahnen!“ Und daraufhin trinkt jeder einen tüchtigen Schluck. Aus seinem Horn oder sonstigen Gefäß. Met, Wein, Bier -je nach persönlichem Geschmack, oder was halt grad da ist (alkoholisch sollte es sein: in diesem Ritus).

Und weiter? Nichts weiter. Die Runde dümpelt wieder vor sich hin, als wäre nichts gewesen. Aber bald erhebt sich die Nächste: „Auf die Asen!“ Und alle trinken, teils sich erhebend, auf die Genannten, den Spruch wiederholend. Die nächsten, auf die dieserart getrunken wird, sind dann unweigerlich die Vanen. Ab da wird die Reihenfolge schon beliebig. Auf die Helden! … Auf die Heldinnen! … Auf die Disen, auf die Valkyries, auf die Einherjer… usw. usf. Die germanische Mythologie hat viele Figuren.

Allmählich wird es detaillierter, auf einzelne Gottheiten wird getrunken (was sich hinziehen kann, weil da jeder ein paar Lieblinge hat und anbringt), bald auf die versammelte Gemeinschaft, bald auf abwesende Freunde, oder verstorbene Verwandte (Ahnen). Spürbar steigt allmählich eine gewisse Spannung unter den Beteiligten. Noch ist keiner betrunken. Betrunkene Ásatrú habe ich eigentlich kaum je gesehen -nicht in meiner Runde. Oder mir fiel es nicht auf. Wer als besoffen auffällt, ist in der Regel kein Ásatrú. Zumindest nicht aus meinem Haufen. Manche Ásatrú können ziemlich viel trinken, sie haben Übung. Andere, die weniger vertragen, nehmen halt kleinere Schlucke -darauf kommt es nicht an. Doch die Ruhepausen zwischen den Sprüchen werden kürzer. Es steigert sich.

So in etwa verläuft der zeremonielle erste Teil eines sogenannten „Ahnentrinkens“. Für Ásatrú ein echter Gottesdienst. Der zweite Teil wird dann -für die Beteiligten -noch sehr lustig. Ich kann ihn allerdings nicht schildern. Weil: zu intim. Es wird nämlich geschworen. Nachdem die Ahnen, die Götter, die Gemeinschaft und alle, die man hochleben lassen will, durchgefeiert sind, kommt der magische Moment, den alle erwarten, vor dem manche sich fürchten… Wo eine oder einer aufsteht, diesmal aber nicht, um jemanden zu nennen. Der zweite Teil des Ahnentrinkens beginnt in dem Augenblick, wo einer aufsteht und sagt: „Ich schwöre…“

Und spätestens jetzt wird es ziemlich still. Alle wollen den Schwur hören, und der oder die, die jetzt schwört, vergewissert sich, ob alle auch zuhören.

„Gehört und bezeugt“

Wir haben oft Gäste gehabt in solchen Runden, Freunde und Bekannte, die mit uns feierten, ohne selbst Ásatrú zu sein. Wenn es ein Ahnentrinken gab, haben die natürlich auch mitgemacht. Allerdings hat es ihnen meist keiner extra erklärt -weil sich Ahnentrinken oft ungeplant ergaben, und eh man sich’s versah, fand schon eins statt.

Es kam vor, dass im ersten Teil ein Gast aufstand und das Glas „auf Shiva“ oder sonst eine Gottheit erhob, mit der sonst keiner der Anwesenden im Bunde war. Ásatrú haben nichts gegen andere Götter, feiern aber lieber ausschließlich ihre eigenen, und das wurde dann kurz erklärt, damit es niemandem peinlich sein musste, und ist ja auch leicht zu kapieren.

Aber nach dem zweiten, dritten oder vierten Schwur eines Ásatrú konnte es schon auch passieren, dass eine mitfeiernde Studentin z.B. aufstand und der wartenden Runde tapfer verkündete: „Ich schöre, dass … ich meine Diplomarbeit, von der für mich viel abhängt, gut hinkriege!“

Naja. Wir haben da schon auch drauf getrunken. Aber solche Schwüre sind keine gern gehörten auf Ahnentrinken. Sie erzeugen u.U. eine leichte Peinlichkeit, vergleichbar mit der, als würde jemand beim christlichen Kirchengottesdienst eifrig bekennen: „Den Jesus, den find ich soo geil, wenn ich den nackt seh, kann ich mich -slurp -gar nimmer halten!“

Schwüre auf Ahnentrinken sollen nämlich keine normalen Vorhaben zum Inhalt haben: nichts, was der/die Schwörende an und pfirsich sowieso erreichen kann. Im Idealfall sind die Inhalte völlig unausführbar. Den Mond herabholen, ihn in zwei Hälften schneiden um ein schmuckes Mieder damit zu schmücken -das wäre so was Unerreichbares. Natürlich schwört das keiner, nicht nur, weil ich noch kein Weib gesehen habe, ob Ásatrú oder nicht, deren Brüste so groß gewesen wären, dass sie zwei Mondhälften hätte brauchen können als Push Ups. Aber sowas würde vor allem deshalb nicht geschworen, weil es Blödsinn wäre. Der Inhalt des Schwurs, die Erfüllung seines Versprechens, sollte zwar unerreichbar sein -aber auch von etwas handeln, was sich der/die Schwörende wahrhaft wünscht. Und was die andern, im Idealfall, auch nachvollziehen können und gutheißen. Es müssen nicht immer gewaltige Großtaten sein. Es darf bizarr werden. Echt halt, authentisch, aus dem Bauch, tiefstem Herzen und Gemüt. Persönlich oder allgemein. Immer gebunden an den, der schwört, „gehört und bezeugt“ von denen, die mit drauf trinken.

Warum wird Unmögliches geschworen, begossen und gemeinschaftlich bezeugt? Bei einem Ahnentrinken wird davon ausgegangen, dass die Götter die Erfüllung des Schwurs tatsächlich ermöglichen. Irgendwann. Und allen Ernstes. Deswegen auch der Alkohol: Er soll enthemmen, möglichst größenwahnsinnige Schwüre zu wagen. Wir erinnern uns: Bis der erste Teil des Rituals, wo auf diese und jene getrunken wird, vorüber ist, hat man gewöhnlich schon ganz schön was intus. Auch wenn man nur kleine Schlucke nimmt.

Wir hatten Ahnentrinken, da wurde es echt peinlich: keiner wollte mehr was schwören, jeder druckste: mach du doch. Gekicher. Aber wer von den zwei vorigen Ahnentrinken noch Riesenschwüre offen hat, uneingelöste, der bindet sich dann nicht so leichtfertig einen dritten auf. Die Dinger sind ja noch im Gedächtmix, werden auch gern mal (augenzwinkernd) angesprochen. Auch ich habe, auf meinem allerersten Ahnentrinken, gleich einen Schwur getätigt, zu fortgeschrittener Stunde in heiterer Runde, der ebenso unerreichbar ist wie auch gleichzeitig sozusagen mein spirituelles Lebenswerk darstellte, gelänge es mir denn. Kleiner ging’s nich‘, verstehste. Fragt mich nicht, wie weit ich damit bin. Ich verzweifle manchmal. Ein paar Jahre nach jenem Schwur machte ich ein Lied darüber, eigentlich nur für Freunde, aber später nahm ich es auf, es machte die Runde (über meine Kreise hinaus), und inzwischen erklingt es an manchem Lagerfeuer, zuweilen gar gesungen von Leuten, die mich gar nicht kennen (und eigentlich auch nicht wissen können, was ich mit dem Text meine). Aber vielleicht gehört das zur Schwurerfüllung…

Ganz nüchtern: ernüchternd?

Gesellschaftlich ist Ásatrú ein umkämpftes Konfliktfeld. Rassistische oder sonstwie ideologisch gefärbte Deutungen des Begriffs klammere ich in diesem Artikel von vornherein aus (zumal ich Ásatrú derlei nicht als Ásatrú anerkennen kann. Das gehört zum Konfliktfeld). Aber auch auf der Seite der menschenrechtlich Orientierten sind, trotz oberflächlicher Ähnlichkeiten, ab einer bestimmten Tiefe Gemeinsamkeiten nicht wirklich voraussetzbar.

Zur „Kategorie Ásatrú“ gehört, dass Götter dort einen grundsätzlich anderen Stellenwert haben (können) als in andern mir bekannten neopaganen Richtungen. Dies meine ich wertfrei.

„Kategorisch anders“ meint hier auch: Um wirklich Wesentliches über Ásatrú zu sagen, könnte ich meine (nur subjektiv hochwichtigen) Götter allesamt getrost weglassen, oder lediglich als „bei mir und für mich halt vorhanden“ am Rande miterwähnen. Was Ásatrú nämlich ausmacht, ist weniger eine Frage göttlicher Vorstellungen als vielmehr eine irdischen Verhaltens.

Die gesellschaftliche Positionierung, die sozialen Bezüge, persönliche Verbindlichkeiten und aus all dem resultierende Konsequenzen sind für mich als Ásatrú wesentlich entscheidender als Fragen von Ausstattung, Kult oder Ritus.

Und ich nehme mir die Freiheit heraus, auch andere eher nach Motivation, Tat und Selbstverantwortungsbereitschaft zu beurteilen (als etwa nach oberflächlichen Habitusmerkmalen).

Nun mache ich mein Verhalten durchaus „an den Göttern fest“, fühle mich ihnen verantwortlich und stehe mit ihnen in einem ständigen Austausch, den ich als ebenso selbstverständlich wie geradezu „familiär“ empfinde. Das ist meine Methode, mein „inneres Geländer“ -ich kenne jedoch einige respektable Ásatrú, die ihr „Geländer“ eher umweglos in der Sozialgemeinschaft direkt finden; die Götter haben für jene eine dann andere Bedeutung. Spirituelle Inhalte wie daraus abgeleiteter Kultus als solcher sind sowieso individuell frei: Speziell in meiner Gemeinschaft wird der Umgang mit Göttern als persönliche Angelegenheit gesehen, gehört gewissermaßen zur Intimsphäre, und erfreut sich entsprechend rücksichtsvoller gegenseitiger Achtung (individuelle Unterschiede und Ansichten in spirituellen Fragen eher als normal voraussetzend als denn irgendwelche künstlichen Einigkeiten ersehnend: auf diesem speziellen Gebiet der „Religionsbräuche“ -um deren mögliche Details manch andere heidnische Religionsgemeinschaften unentwegt bis ausschließlich diskutieren. Was ihnen gegönnt sein soll. Wir von der Nornirs Ætt diskutieren eher um die gesellschaftlich-politische Arbeit).

Ich stelle fest, dass ich unmöglich von mir als Ásatrú sprechen kann, ohne zehn Jahre Gruppenerfahrung mitzudenken, mitzufühlen. Die Entwicklung der Nornirs Ætt hat die meine seit 1995 entscheidend mitgeprägt; von den Anfängen eines eher losen Haufens verträumter Idealisten und mancher Mach-ich-mal-Mitmacherinnen, Dazustolperer -mit entsprechender Personenfluktuation -über die Jahre zu einer Art „Sozialexperiment“ auf kleiner Flamme hochgewachsen… Auseinandersetzung, Zusammenfindung durch (letztlich anspruchsbedingte) Gesundschrumpfung: bis hin zu jener heutigen kleinen, aber feinen Gruppe, die ihren Mitgliedern, obgleich die z.T. weit voneinander entfernt wohnen, die Nestwärme einer Heilsgemeinschaft bietet.

Der Eingangsfrage gedenkend -hin- und hergerissen zwischen „eher Religiösem“ und „eher Sozialem“, zwischen „auch von Kollegen ähnlich Gehaltenem“ und „eher Selbstgestricktem“ -schildere ich längst alles vermischt: zumal ich’s für meinen Teil auch nicht wirklich trennen mag noch kann. Für mich gehört all das zur „Siðr“ -zur Sitte, zum Brauch. Mag der meine auch besonders nach Promenadenmischung riechen: Generell dürften die allermeisten Bräuche von der Welt, näher betrachtet, sowenig „reinrassig“ ausfallen wie Menschen. Als ásatrútypisch (für meinereiner) aber darf gelten, genau diesen Umstand als selbstverständlich zu betrachten.

Wo ich über die Götter selbst spreche, beschreibt mein Umgang mit ihnen ausschließlich Eigenerfahrung. Wie sie mir vorkommen, ich sie sehe, erlebe -wer mir wichtiger ist und wer weniger, samt warum: all das ist auf „meinem Mist gewachsen“ und ebenjenem zugehörig. Inspirationen von außen, diverse Quellen und Einflüsse anderer versuche ich, soweit möglich, kenntlich zu machen.

Thors Fest

ist für meinen persönlichen Stilmix ganz typisches Beispiel. Bei Thor: Ohne Rückfrage wüsst‘ ich nichtmal zu sagen, ob dieser jahresfestliche Anlass überhaupt irgendwem bekannt ist (selbst im Kreis meiner Gruppe), geschweige denn irgendwo gefeiert wird. Termin und Inhalt übernahm ich vor ca. neun Jahren von einem damaligen Freund.

Nebenbei: erscheint es mir als „germanentypisch“, Einflüsse, Ideen und Bräuche anderer, ggf. mittels einiger anpassender „Umbaumaßnahmen“, in den eigenen Kultus zu übernehmen und diesen damit zu bereichern und auszuformen. (Gerade in der Geschichte historischer Germanenkulturen gibt es dafür, soweit recherchierbar, etliche Beispiele.)

Und selbstverständlich darf mir herzlich schnurz sein, ob „Thors Fest“ nun irgendeine historische oder auch nur zeitgenössisch belegbare Wurzel hat oder nicht. Es hat keine nationalromantische oder schlimmere; Idee und Inhalt aber taugten mir, das reichte. Eine Lieblingsgeliebte von mir drückte dergleichen mal so aus: „Hier ist ein Ásatrú-Kultplatz“, meinte sie -auf die Betonplatte zu ihren Füßen deutend… auf einem schmalen Weg durch einen Weinberg, den die Freundin morgens durchjoggte, um regelmäßig an jener Stelle anzuhalten und einen einfachen, persönlichen Ritus für Sonne und Tag durchzuführen. Ja: So machen das Leute, die ich gern verstehe.

Alljährlich, um Mitte Januar, feiere ich also Thors Fest -und zuweilen auch nicht. Es macht nämlich nur Sinn, wenn man dabei in Gesellschaft ist (was terminkalenderbedingt nicht immer der Fall sein muss). Mehr noch als bei oben erwähntem „Ahnentrinken“ lässt „Thors Fest“ auf Anhieb überhaupt keinen spirituellen Bezug erkennen: für ggf. Außenstehende. Der „Ritus“ besteht im Wesentlichen aus einer möglichst reich, gut und lecker gedeckten Tafel nach persönlichem Gusto, sein Inhalt aus möglichst geselligem fröhlichen Spachteln. Na, selbstverständlich trinken wir dabei auf den Donnergott und den, eingedenk bald wieder rascher fließender Flüsse und allmählich zunehmenden Tageslichts, hoffentlich bald spürbaren Vorfrühling. Die dunkelste Hälfte des Winters heil überstanden: Das ist eigentlich die ganze Botschaft des Ganzen. Für einen wie mich, der sich winters -fern jeder Zentralheizung -aus Finanzgründen oft den Holz- und Kohlevorrat rationieren muss, ein sinnlich spürbarer Anlass zum Krafttanken, Mut schöpfen, und Danken. Thor, der Donnerer: der haut nicht nur Gewitter vom Himmel, sondern stärkt auch das Mark meiner Knochen, meine Muskeln und Gemüt. Hoch das Horn, und dir den Teller extra! Raus ins Grün damit.

Die Schlichtheit dieses Beispiels mag extrem sein. Aber Ásatrú-Riten sind schlicht. Die Menschen, mit denen ich feiere, vermeiden auch bei größeren oder zeremonielleren Feierlichkeiten jeden überflüssigen Zierrat und Popanz. Wo immer „magische“ oder sonstwie kultische Symbole auftauchen, sind sie -zumindest für unseresgleichen -alle lesbar. Etwa wie Verkehrszeichen. Okkulte Geheimnisse, nur für „Eingeweihte“ zugängliches „höheres Wissen“ oder dergleichen gibt es genausowenig wie irgendwelche Sonderrechte für etwaige „Amtsinhaber“. Wer bei uns irgendeinen „Titel“ trägt, weist sich damit nur als Spezialist/in für den entsprechenden Bereich aus: ansprechbar für alle, und dem Ansprechenden ggf. dienstbar in der Sache (auf deren Durchführung der „Spezialist“ indes keinerlei Monopol hat: niemand von uns muss ausgewiesene „Seiðkona“ oder ein „Seiðmaðr“ sein, um ggf. schamanische Tätigkeiten auszuüben. Die so Betitelten geben damit lediglich ihre entsprechende Bereitschaft -bis hin zu einer gewissen „Verfügbarkeit“ für andere -bekannt. Logisch, dass die Anerkennung entsprechender Fähigkeiten auf empirischen Grundlagen beruht -für speziell der ganzen Gemeinschaft angebotene Dienste wird der / die Betreffende sogar ein Jahr lang beobachtet, geprüft, und über die Anerkennung dann konsensdemokratisch entschieden.)

Thing

Gestatten: unser Chef. Wer? Na, das Thing (ist unser Chef). Sein Schutzherr ist Tyr, der zur Eröffnung dieser Art Versammlung denn auch angerufen wird. Das übernimmt, wer das Thing moderierend leitet. Je nachdem, ob es ein regionalgruppenspezifisches „Fylkithing“ oder das die ganze Gemeinschaft betreffende (alljährliche) „Allthing“ ist, übernimmt diese Leitung ein Fylkir / eine Fylkire (sowas wie „Sekretär/in“, freilich ohne Schriftprotokoll), oder eine Løgkona / ein Løgmaðr (Rechtshüter/in). Wir haben keinerlei Hierarchien -weder offene noch versteckte, und die Versammlung auf dem Allthing ist unsere „gesetzgebende“ Instanz: Chef ist nur die Gemeinschaft selbst.

Things sind für uns Sakralhandlungen und haben Regeln. Zum Beispiel den „Thingfrieden“, der das „Waffentragen“ auf solchen Versammlungen verbietet. Nun rennt bei uns eh keiner mit Schwert oder etwa Revolver durch die Botanik. Aber z.B. Mobiltelefone bleiben auf dem Thing außen vor: praktischerweise. Und auf dem Thing wird geredet. Alles besprochen, was ansteht. Solange, bis einstimmige Beschlüsse gefasst werden können in jeder Angelegenheit (für bestimmte Beschlüsse sind konsensdemokratische Verfahren bei uns Bedingung, für halb so Wichtiges reicht gelegentlich Basisdemokratie). Das heißt nicht etwa, dass auf Einzelne solang eingequasselt würde, bis jene ermattet abnicken, was eine Mehrheit will. Eben nicht. Es wird solange verhandelt und erwogen, bis alle, wirklich alle hinter dem schließlich gemeinsamen gefassten Beschluss stehen können. Nicht selten gibt das Veto Einzelner erst Anstoß zu jenem -mitunter langwierigen, aber lohnenden -Prozess, an dessen Ende ein Beschluss steht, den die Gemeinschaft ebenso geschlossen tragen kann wie er sie.

Freilich: Wir haben jahrelang geübt dafür. Bis wir ein vernünftig geregeltes Prozedere erreicht hatten, das auch und gerade diejenigen berücksichtigt und ermuntert, deren Sache es nicht ist, sich in gewandten Worten auszudrücken. Aber inzwischen ist es unmöglich geworden, auf einem Thing irgendwas lediglich stumm „abzunicken“: etwa, weil man grad die rechten Widerworte nicht findet, oder womöglich insgeheim fürchtet, von den Eloquenteren in Grund und Boden argumentiert zu werden. Nein: Die Redegewandten müssen tunlichst warten, bis auch noch der/die Schüchternste oder Wortkärgste ihre/seine Bedenken, Eindrücke, Einwände oder Wünsche ausreichend zum Ausdruck gebracht hat. Und vorher geht es nicht weiter. Im Gegenteil: alle achten genau darauf, ob nicht noch etwa irgendwessen Bedenken oder Unbehagen vorliegen, bezüglich anstehenden Beschlusses. Denn dieser Beschluss ist dann „Gesetz“: bis zum nächsten Thing. Ja, unsere allgemeinen Regeln haben wir -aus Gedächtnisgründen sozusagen -auch aufgeschrieben, kodifiziert. Im Zweifelsfall aber gilt nicht der „Buchstabe des Gesetzes“, sondern sein Gedanke und Geist: das, was der Gemeinschaft bzw. ihren Beteiligten und Betroffenen nützt. (Und eine Regel, die nicht praktisch funzt, wird so lange bearbeitet, bis sie’s tut -oder, per Thingbeschluss natürlich, entfällt.)

Gewisse wiederkehrende Vorgänge auf Things -z.B. Beitritt (probeweiser) Neulinge, oder deren verbindliche Aufnahme nach Probejahr (beides konsensdemokratisch beschlossen) -sind natürlich von bestimmten Ritualen begleitet, die sich mit der Zeit herausbildeten. Bei aller liebevollen Gestaltung bleiben die Zeremonien jedoch schlicht und unprätentiös. Gekichert und gelacht wird ggf. auch viel.

Bliebe noch zu sagen, dass Anwesenheit von Gästen -sowie deren Rederecht auf Things – auf dem Allthing Usus ist und auf den (regionalen) Fylkithings ebenfalls immer wieder mal vorkommt. (Bei krisengeschüttelten oder von besonderen Interna geprägten Allthings baten wir Gäste unserer Treffen auch schonmal um Abwesenheit vom Thing selbst, aber das war -tyrseidank -bisher seltene Ausnahme; auch in schwereren Zeiten war bisher das Gegenteil die Regel.)

Alle Jahre wieder

Das Beispiel von „Thors Fest“ mag schon angedeutet haben, dass meine rituellen Jahresstationen von den heidnisch allbekannten „acht Festen“ abweichen. Hier im kurzen Überblick:

Mein wichtigstes Jahresfest ist Jul, die Wintersonnenwende (hier gehe ich konform mit allen Ásatrú, die ich kenne: über meine Gruppe deutlich hinaus). Mit Jul endet mein Ásatrú-Jahr, mit dem Julritual (meist geht dem ein Thing voran: denn Jul feiere ich nicht alleine) beginnen die zwölf Rauhnächte, die denn auch meine einzige wirklich arbeitsfreie Zeit darstellen. Während Odin sich mir dabei eher als „Wotan“ zeigt (in „diesem Aspekt“, könnte man’s nennen), als sturmwütender Herr der „Wilden Jagd“ (den ich aber zwischen den Jahren eher „Draugadróttinn“ heiße: Herrn der Geister), lasse ich die vergangenen zwölf Monde Revue passieren -dies eher mit dem Bauch als analytisch -und vermeide: jede überflüssige bzw. ambitioniertere Arbeit (über den nötigsten Alltag hinaus, inklusive entsprechender „Geschäfte“), jeglichen Projekt-Start, jeden Streit (inklusive auf konkrete Folgen / Einigungen etc. abgerichtete schwerwiegende Diskussionen).

Denn all dies fiele „zwischen die Jahre“ und ginge sozusagen „in Ginnungagap hops“ (G. bezeichnet den gähnenden All-Abgrund zwischen den Welten). Jeglicher Streit bräche zudem „Freyjas Frieden“: jenen auszurufen, ist Höhepunkt des -wie auch immer sonst gestaltbaren -Julrituals. Dieses aber endet nicht mit dem rein zeremoniellen Abschluss (der meist ein gemütliches Gelage einläutet), sondern erst mit den Rauhnächten selbst: beim Wiedereintritt in die „Welt der Zeit“, kalendarisch hat das neue Jahr dann meist schon begonnen. (In der Praxis dauern bei mir die Rauhnächte immer etwas länger -mal liegt der faktische Jultrefftermin wochenendbedingt vor oder hinter dem Sonnwenddatum, was die Ritualgestaltung und -inhalte allein beeinflusst. Immer aber beginnen sie spätestens mit jenem Ritual, gleichwohl mir inzwischen mein Bauch, mein Instinkt sagt -oft begleitet vom ein oder anderen leiseren Ereignis-Zeichen -wann und wie’s für mich jeweils in „Rauhnachtzeit“ hineingeht, und, nach idealerweise wie in Halbtrance durchlebter Tiefe, denn auch wieder hinaus. Durch die Rauhnächte aber lasse ich mich gern treiben wie ein Blatt in Draugadróttinns Geistersturm oder -wind. Die Intensität liegt in seiner Hand.)

Nächste Jahresstation (bzw. erste des neuen) ist dann für mich besagtes „Thors Fest“, gefolgt von „Disirsblót“ Mitte Februar. Jenes eher private „Opferfest für die Familiengeister“ (in ungefährer Übertragung) begehe ich gewöhnlich allein (zumal ich niemanden kenne, der das außer mir feiert). Bevor ich Ásatrú wurde, feierte ich Imbolc, und heute liegen dessen Zeitqualitäten für mich sozusagen zwischen den Wochen ab Thors Fest und bis Disirsblót: diese ganze Spanne über, die ja eh eine allmähliche ist. Das Opfer für die Disen fällt unterschiedlich aus, bei mir auch (ganz pragmatisch) vom Zeitpunkt her, und Ritual kann ich’s kaum nennen, da ich, mehr noch als sonst, da komplett situations- und stimmungsabhängig improvisiere: Wer mich dabei beobachtet, sieht mitunter nicht viel. (Diesjahr stand ich, vielleicht ein oder zwei Wochen davor -eher „zufällig“ zum klassischen Imbolctag -mit meiner Liebsten am gefrorenen, langsam auftauenden Main, und wir schickten Wünsche unters Eis und an die stärker werdende Sonne und gossen einen Rest Met auf die Schollen.)

„Ostara“, die Frühlings-Tagundnachtgleiche, richtet sich terminlich nach dieser. Ich rufe eine Göttin dieses Namens an, obgleich ich inzwischen weiß, dass die nämliche mythologische Gestalt eher und nur auf die Gebrüder Grimm zurückgeht (und ich fand bislang keinen Hinweis auf ältere Zurückreichungen bzw. Herkunft). Aber Götter sind für mich nicht in jeder Hinsicht derart klar definierbar oder trennbar wie Menschspersonen, obgleich ich auch erstere wohlweislich unterscheide. Ich rufe also „Ostara“: ist es Idun, die Apfelbringerin, deren Früchte den Göttern die Jugend erhält (so das mythologische Bild aus der Edda)? Ist es Freyja in einem jung-taufrischen, sozusagen „vor- oder frühpubertierenden Aspekt“? Gna, die Götterbotin? Egal: Überall zeigt sie sich mir rings, und eh. Frühlingskünderin heiße ich sie, und mein Opfer gestalte ich am liebsten wie oder als Begrüßung des jungen Jahres selbst. Einmal stand ich an einem Sumpf in einem kleinen Wald, ließ eine meiner Lieblingsschalen (aus der Küch‘) langsam davondümpeln, gefüllt mit „Leckereien der Saison“, garniert mit frischen Blüten und gespickt mit düftelnden Räucherstäbchen. Und auf den Sumpfgrund wanderte dazu ein Ritualmesser. Natürlich im hellsten Tageslicht: So nächtlich die Julzeit, so taghell die Feste des aufsteigenden Jahres, und ihr Idealzeitpunkt.

Hoch im Jahr

Beltane ist kein Ásatrúfest. (Und wenn ich mir so anschaue, wie andere Heiden das so „feiern“, dann hab ich, will mir scheinen, zumeist nicht die Welt versäumt… Nicht, solange ich mich als ein „Diener der Ekstase“ fühle, zumindest.)
Na schön: Vor dem runden Maimond feiere ich seit sechs Jahren mit andern Freunden noch alljährlich in einer Waldhöhle; die mehrtägigen Riten und Übungen dort sind aber schamanisch-psychopraktischer Natur. Gleichwohl sie mir viel bedeuten, sind sie hier irrelevant (nur zwei der sechs bis zehn Beteiligten sind Ásatrú, der Rest nichtmal alles Heiden).

Die Sommersonnenwende im Juni begehe ich meist unzeremoniell (mal wieder), dafür umso lieber: am allerliebsten in einem privaten Steinkreis (tatsächlich: sowat gibt’s) bei lieben Ásatrú-Freunden und deren Bekanntschaft. Lagerfeuer, geselliges Beisammensein und so.
Und du, lieber Gast, liebe Leserin, wunderst dich: schon wieder kein erkennbarer Gottesdienst?

Ich lächle dir ins Auge, Menschin. Auf den Spiegeln der Wirklichkeit zerläuft unser Zerrbild von Zeit. Gieß dies Horn aus ins Gras, oder lass ein Tränchen tropfen in den Brunnen deiner Trauer. Ich könnte dir sagen, wer das Meer erleuchtet -doch nützte dir das? Nur wie wir fahren, und wohin, ist von Folgen: nicht nur zur hohen Jahreszeit. Wer hier mitrudert, kennt Sonne und Wind, ob gleißend, ob stürmisch, ob blass oder nasskalt. Schnapp dir eine Trommel, oder tauch ab zu meiner. Tanz dich schweißnass im sengenden Glanz der großen Mardøll, die mehr als den Tag regiert, und deren gleißenden Blick kein Mensch lange erträgt, ohne ob ihrer Schönheit zu weinen. In Sunnas sanfteren Strahlen aber, die dir Haut und Gemüt wärmen, grüßt dich der schöne Baldur. Wer immer heute „Runen auf der Zunge“ trägt, hat sie (wette ich was) von Bragi, meinem Dichtergott. Öhh -ist das nicht Odin? Wieso -stürmt es etwa gerade? Wisse, der alte Wanderer verantwortet so manches, aber sich und die seinen dir hier auseinanderzudividieren nach Menschenart, lehrte er mich noch nicht. Achte lieber auf den Trommeltakt, der dir pocht: schnurlosstracks und ekstatisch gehalten von mir, virtuos aufpoliert und herrlich variiert von jenen Freunden, die besser trommeln als ich. (Einer sagte mal scherzhaft, wo Leute beharrlich trommeln, die dies partout nicht vermögen, also jenseits von Takt, Beat und Rhythmik, „hält es kein Ásatrú lang aus…“: keiner von unsereinen, korrekt!)

Tanz weiter, und vielleicht reiß‘ ich dir, wenn ich mich trau‘, den Kopf nach hinten und drück dir einen Kuss in die fliegende Seele (was ich zu Beltane versäumte). Aber selbst, falls ich’s auch hier nur erträume: Nimm’s als Gruß von einer Ásatrú-Göttin, deren Liebling ich bin. Fall nicht ins Feuer! Meins kommt von Freyr, der ist ihr Bruder, in mir pocht er nackt, prall und drängend. Ich opfere ihm gerne. Aber nicht dich. Menschenopfer sind Legende, aus Zeiten, die ich zu ersehnen ich keinerlei Grund sehe. Mir reicht die Gegenwart, samt ihrer Gefahren. Schön bist du. Tanz weiter. Ich geh nur mein Horn füllen -bei Fulla, bei Lofn -und streichel kurz die Katze, die mir begegnet. Der Takt läuft auch ohne mich. Lei’wande Fete.

Und wieder runter…

Von Juli auf August findet das alljährliche (oben bereits erwähnte) Allthing der Nornirs Ætt statt. Auch jenen Termin nutze ich -über die Gruppenangelegenheiten hinaus -gern zum privaten Resümee der Vormonate, anders als zu Jul aber eher analytisch-bewusst: mit dem Denkekopf. Angesichts des hohen Jahres, das sich nun bald zu „überblühen“ beginnt: noch ist voller Sommer, aber in die (unmerklich sich verkürzenden) Tage fließt keine neue Energie mehr hinein. Elfenzeit, für mich: manchmal täuschen sie mich derart, dass ich meine, welche zu sehen zwischen Zweig und Blüte. Barfuß-Tage, wo immer Asphalt nicht hinreicht! Liebe im Freien: mein Lieblings-Gottesdienst. Im beruflich eher terminarmen August (Urlaubszeit für die meisten), bereite ich mich auf arbeitsintensiven Herbst vor.

Den markiert mir das „Alfarblót“ zum Jahresdämmer der Herbst-Tagundnachtgleiche. Den Alben und all jenen Kräften pack‘ ich die Früchte des Jahres zusammen, die Stunde der Rune Dagaz zwischen Tag und Abend ist mir da Lieblingszeitpunkt; ich verabschiede mich vom kleinen Fluß in meiner Wohnnähe, von ein paar Bäumen, ein paar Ecken. Hocke im Gebüsch und spreche mit Göttern oder mit meinem (Kraft-)Tier. Es mag ein Ásatrútermin sein (auch: „Mabon“ nicht unähnlich), ich für meinen Teil fühle mich da aber meistens ziemlich steinzeitlich -auf Elementares reduziert auch meine persönlichen Bräuche. Selten leider Gelegenheit, sich zwischen Baum und Busch zu entkleiden (da ich nicht im Wald wohnend, sondern nur mitbewaldeten Wiesengrund zur Verfügung habend, dessen Wege Jogger und Radfahrer bevölkern). Dennoch ist mir da immer recht tierisch zumut‘, und ich agiere es aus wie’s grad kommt und geht: auf allen Vieren, kriechend, kauernd, und tierhaft laufend-verharrend-schnuppernd- und weiterlaufen. Zuhaus pack ich gern die Trommel von der Wand: die alte, große. Lasse mich von ihrem Zittern in Trance tragen: lang und visionsoffen, ohne die Bilder, die mir da kommen, groß deuten zu wollen.

Wenn andere Heiden später Samhain feiern, habe ich mein Ahnengedenken (so’s der Alltag erlaubte) schon bis zu zwei Wochen als (zumeist absichtsvoll allein begangenes) „Vætnót“ hinter mir. Den Ahnenbegriff fasse ich weit über die leiblichen Vorfahren hinaus.
All jene Toten, die meinen Weg mitbeeinflussten oder mich sonstwie prägten, sind mit dabei. Auch wenn ich viele gar nicht kannte: Zum einen trifft das auf die Mehrzahl meiner leiblichen Vorfahren genauso zu, zum andern sind’s ja inzwischen eh „alles Geister“. Man lernt/e ja nicht nur von Oma und Opa. Da hat’s Größen oder Namen aus Kunst und Kultur, oder Geschichte (wes Teils der Welt, und welcher Ära auch immer), deren Werk oder Beispiel (ob „verbürgt“ oder „Legende“) einem selbst mal Richtung gaben oder finden halfen. Nichtmal „real gelebt“ haben müssten sie, m.E. nach. Ich würde mich nicht scheuen, Winnetou anzurufen, wenn der denn bei mir je Rolle gespielt hätte. (Bei mir war’s -aus jener Kultur -eher Tatanka Yotanka, besser bekannt als „Sitting Bull“: und der hat gelebt.) Einzig der Einfluss zählt: der persönlich empfundene. Nicht dadurch wirkungslos, dass er nur subjektiv existiert. Sowas gehört zu meinem Magie-, ja: meinem Heidenverständnis.

Wenn ich „gut drauf“ bin, erlaube ich mir (selten, aber kam schon vor) das Gedenken an tatsächlich gehabte, aber mittlerweile verstorbene Freunde (für mich zu den Ahnen wie selbstverständlich gezählt: obwohl’s Zeitgenossen waren. Aber sie sind ja tot! Und sie fehlen mir so!) als praktisches, klammheimliches Spiel zu inszenieren: Ich gehe dann „downtown“ und unternehme irgendetwas im Sinne solch eines verstorbenen Freundes. Harmlos: inne Kneipe gehen und dessen Lieblingskram bestellen. Schon ausgefuchster: mich dabei benehmen, als wär ich der Freund. In seine Haut oder Schuhe schlüpfen. Was tun, was er/sie getan hätte. Ich komme nicht immer dazu, aber ich mag diesen Brauch. Woher? Eigenbau. Vielleicht gaben’s mir die Toten selbst ein. Die so schmerzlich Vermissten! Solcherlei Brauch: auch jenseits von Ásatrú wärmstens empfehlbar. Hinterlässt heilend-tröstliche Gefühle. Für alle, die je eines Freundes Tod zu beklagen hatten.

Efeu der Erinnerungen

Wann immer ich mal (Heidenboards querschmökernd z.B.) auf das olle Begehr stoße, wo irgendeine „hex“ oder ein „heid“ beklagt, zu irgendeinem Hochfest „nicht frei“ zu kriegen vom Jobchef (und darob die überfällige „Anerkennung von Heidentum als Religion“ fordert…), muss ich müd‘ grinsen oder herzhaft lachen. Den möcht‘ ich sehen, der mich überhaupt anstellte in einem Betrieb: mich, mit meinen (derzeit) vierundneunzig Feiertagen im Jahr -oben genannte „Hochfeste“ nicht mitgerechnet.

Ich erspare euch die Aufzählung: von „Fenrirs Abend“ bis zur „Nacht von Sökkvabekkr“, von der „Nacht des Totems“ bis zum „Tag der Winterfee“. Jedes Jahr kommen ein oder mehrere solcher Denkmal-Terminchen dazu. Wild verschlungen reihen und ranken sie sich durchs Jahr als privatheidnischer Erinnerungs-Efeu, beständig wachsend: zuweilen treffen zwei oder drei auf dasselbe Datum (obzwar aus verschiedenen Jahren stammend). Es sind Gedenken an urpersönliche Ereignisse und Begebenheiten -und ihre blumigen Namen markieren mir die Stationen. Um mich -immer aufs Neue -zu erinnern (nicht mehr als das meist, aber nie weniger): wann was war, auf meinem Weg. Spirituelles verquickt sich mit Scheinprofanem (was ich aber entsprechend „festhalte“, bestimmen allein Bauch und Instinkt). Vom Beginn einer neuen Liebe -oder anders wichtigen Begegnung -bis zu einem Abschied von sanft bis bitter, quälend oder befreiend: alles dabei. Mal war mir eine bloße Traumvision wichtig genug, mal schien mir ein reales Ereignis relevant: als ich dem Tod eines Bussards beiwohnte. Als mir spätnachts der Schlüssel im Türschloss feststak -mit Folgen. Als ich den Amethyst verlor -doch drohender Trunksucht um Haaresbreite entkam. Als ich den einen Namen bekam, und wann und wie einen andern. Als ich eine Trommel baute -und die meinen ersten Tempel. Als ich floh. Als ich dem Schwan schwor: tanzend, weil heiser und aller Sprache beraubt. Als ich die Sonne anschrie, derweil mich drei Freunde rücklings aufs Gras drückten, dass ich nicht gar durchdrehte, als grad -nach entsprechender Seelenarbeit -alles in mir hochschoss. Als ich meinen Runenbeutel verlor, als ich ein Schwert bekam, als ich mich zwei Frauen beschmusten, als ich an der Felswand hing… und/oder als ich nackt und nachts im stockdusteren Wald den Hügel heruntertapste und weinend im Regen blindlings meinen zerbrochenen Stab zusammenklaubte, umtost von meinem Obergott selbst, und wieder zurückfand zum Feuer, das ich unversengt durchschritt, als hätt‘ ich’s geübt oder mich sowas planvoll getraut, in den Flackerlichtschein der Grotte oben, wo Freunde für mich trommelten und sangen. Als ich naturreligiös wurde, als ich mit dir schlief, als du mich fortjagtest, als mich mein Krafttier fand, als mich die Ásatrúgötter auflasen, als ich alles verlor, als ich Eibensang wurde. So Zeug halt! (Reihenfolge obiger Auswahl hier wilddurcheinander!)

Schrei um dein Leben

Manch religiösem Nichtheiden gegenüber hab ich ja bereits Mühe zu erklären, dass und wieso ich meine Hohen nicht „anbete“ -genauer: welchen elementaren Unterschied ich empfinde zwischen Anbetung und Anrufung. Ich neige nicht das Haupt wie ein Missetäter (selbst wenn ich grad einer wäre oder bin), erhebe es auch nicht andächtig zu einem Himmel, der mir hierbei wenig mehr sein kann als situative Wolken- oder Zimmerdecke. Ich bitte nicht. Ich stell mich hin und schreie. Aus Leibeskräften. Ich kann das auch stumm tun. Aber immer konkret: wes ich bedarf, was ich brauche, wen ich meine, und warum. So klar, kurz und schnörkellos wie irgend möglich. (Es muss von innen kommen, von „ganz unten“, möglichst tief aus dem Bauch, möglichst ungefiltert vom Denkekürbis: dessen Neigung, alles auseinanderzuklabüsern und zur Kenntlichkeit fürs Bewusstsein zu aufzuspreizen, hier u.U. die nötige Bündelung der Energie vereiteln würde.)

Es ist eine Aufforderung. Solches kann als „respektlos“ nur titulieren, wer ohne äußerliche Demutsbezeugungen Gefahr läuft, Götter versehentlich mit seinesgleichen zu verwechseln (in meinen Augen sind das entweder Menschen mit komplett anders gewichteten Religionsinhalten -oder aber Zeitgenossen mit geringem Vorstellungsvermögen. Beides nit bös gemeint!). Oder wer sich nie nach einem großen starken Bruder sehnen brauchte, der einem in jäher Not aus akuter Patsche hilft. Spätestens da aber flüstert man doch nicht: „Bittebitte, liebes Bruderherz, bitte mach -wenn du mich hörst… und du siehst mich doch, oder??? -dass ich aus dieser Scheiiißklemme heil herauskomme.“ Nö, gottverdammt mal nein. Man schreit. Brüllt seinen Namen und den Kern des Begehrs heraus. In aller Dringlichkeit. Die muss nicht immer aus Not kommen, direkter. Aber ganz ohne Dringlichkeit rufe ich keine Gottheit nicht. Denn: die sind ja eh alle da. Ständig um mich herum, in mir drin, in andauernder, selbstverständlich gewordener Präsenz: wie Luft, Wasser, Feuer, Erde, usw.

Nochmal: Es ist Aufforderung. Anrufung: mittenmang schnurstracks. Jenes Ding zwischen Bitte, die mich zum Almosenbettler machte, der sich selber nicht als „verdient“ eingestehen kann oder darf, was er erfleht, und Befehl, der eine Weisungsbefugnis voraussetzte, die zumindest ich niemandem gegenüber habe und verantworten brauche: den Göttern gegenüber aber am allerwenigsten. Beides, Bitte wie Befehl, widerspricht im allgemeinen meiner persönlichen Religionsauffassung. Die adäquate Belohnung einer erfüllten Bitte ist der Dank. Danken tu ich den Göttern für alles mögliche jederzeit gern: beschenken sie mich doch immer wieder auch ungefragt und ungerufen. Dafür möcht‘ ich manchmal geradezu in den Staub kriechen und mich wälzen und winden -weniger demütig freilich als in tierischer Freude: unverhohlen, ungeschminkt, schamlos…

Einer erhörten Aufforderung aber folgt, als die mir adäquat erscheinende Dankantwort, ein (zumindest symbolisches) Opfer: Ich gebe etwas hin, was ich selber gut und gern noch „für mich“ gebrauchen hätte können oder mögen. Wäre das alles nicht so emotional beladen wie geheiligt: ich dürfte von „Kuhhandel“ sprechen. Meine Aufforderung spricht ein bestehendes Bündnis an. Seiner situativen Erfüllung folgt der Preis: die Gegengabe desjenigen Partners, dem geholfen ward vom andern (wie gewissermaßen pauschal vereinbart). Beides, Gabe wie Gegengabe, erfolgt als Austausch in gegenseitig recht freiem Ermessen. (Ich habe keine „Preislisten“ zwischen mir und den Göttern. Sie auch nicht! Ich stünde denn dumm da, würden’s die Hohen mit der Waagschale messen wie Kaufleute.)

Ich rufe (die Götter) eher deshalb, weil es ja auch soviele sind. So, wie sich auch in eine Menschenmenge hineinrufen lässt. Wenn ich nur „hey du da“ rufe, gucken vielleicht ein paar her, und bald wieder weg. Erst wenn ich „Susanne!“ rufe, schält sich vielleicht die Gemeinte aus dem Haufen, gewahrt mich. Oder auch nicht. Vielleicht ist sie ja gerade anderweitig beschäftigt, oder sieht nicht ein, warum sie kommen soll, bloß weil ich jetzt auf einmal daherkrakeele. Daher folgt, in meinen Anrufungen, dem (im „Idealfall“) laut herausposaunten Namen auf dem Fuße mein Bedarf, sei’s Not oder Wunsch. Mein Vergleich mit der Menschenmenge hinkt insofern, als dass mir Höflichkeit und Umgang Gleicher unter Gleichen es gebieten, die beispielhafte (wie fiktive) „Susanne“ in aller Regel nicht etwa herzukrakeelen, sondern gemäßigter anzuquatschen: z.B., in dem ich mich in besagte Menge selber hineinbegebe, die Betreffende ruhig und unauffällig anzutippen: „Du, könntest du mal…“

Göttern gegenüber kann ich das aber so nicht, da ich selber keiner bin, solche sich mir auch nicht als Personenversammlung darstellen, in welche ich mich etwa hineinmischen könnte. Dies ist eben keine Kommunikation Gleicher unter Gleichen. Obwohl ich es als Bestandteil meiner persönlichen Entwicklung, meines Auftrages oder meiner Bindung betrachte, meinem Lieblingsgott möglichst ähnlich zu sein oder zu werden: der Lehrbub tut es dem Meister nach, nach bestem Vermögen -und grad, wenn (oder weil) jener für den externen Besucher der Werkstatt außer Haus oder außer Sicht bleibt, repräsentiert der Lehrbub da zwangsläufig die „ganze Firma“. (Gut: im real existierenden Menschenbetrieb wird der Azubi nicht den Chef mimen. Und ich gebe mich ja ooch nicht als wer anderes aus, als ich bin und sein kann. Aber einer beliebigen Bekannten, die mich vielleicht um einen Runenwurf anhaut, kann ich schlecht sagen: frag doch Frigg selber, bzw. die Saga.)

Eine Gottheit anrufen, das erfordert für mich als Menschen maximal möglichen Einsatz bei minimal nötiger Zeit (die Stärke der Impulsbündelung misst sich aus den äußeren Extremwerten dieser beiden Komponenten). In Situationen, wo sich Schreien nicht schickt oder unnötig Aufruhr erzeugen würde, kann ich die Kraft meiner Dringlichkeit in abrupter Geste ausdrücken, und sogar die notfalls in äußerlicher Fast-Bewegungslosigkeit bündeln („fire & freeze“, könnte man’s nennen). Die Intensität und ihre konzentrierte Richtung sind das Entscheidende. Das geht bei mir niemals rein mental, sondern immer mittels maximaler physischer Präsenz (und sei es deren „implodierende“ Kraft). Natürlich schreie ich lieber, oder tanze dabei herum (Tanzen ist indes auch ein praktisches Mittel, wo sich Menschen, die man nicht mit dem eigenen Gottesdienst belästigen wie auch selber von ihnen ungestört bleiben will, in lediglicher Hörweite befinden. Für solche Gelegenheiten hatte ich, eingangs meines Heidenwegs überhaupt, einst einen regelrechten rituellen „Bewegungs-Code“ entwickelt, meine damals wichtigsten und häufigsten Anrufungen samt kombinierbarer „Phrasierungsbausteine“ beinhaltend). Und noch heute -inzwischen seltener des Rufens bedürfend, dies aber öfter lauthals mir erlauben könnend -ist mir selbstverständlich, dass ich für eine Aktion, die ich von den Göttern erwarte, weil ich sie selber nicht auszuführen vermag, innerhalb meines Rufes wenigstens in diesen alles hineinlege, was ich (an der Tat statt) irgend zu geben vermag.

Wäre ich, als Mensch, z.B. die „Gottheit einer Ameise“, so müsste sich besagtes Tierchen ziemlich anstrengen, meine Aufmerksamkeit zu erregen. Selbst wenn sie diese insofern haben könnte, nehmen wir Mensch mal als Betreuer einer Ameisenfarm an… (Gottseidank bin ich, als Mensch gegenüber seinen Göttern, mit mehr Ausdrucksmöglichkeiten gesegnet als jedwede Ameise gegenüber einem Menschen wäre. Jener bliebe weißgott nur banges „Beten“… Aber es ging hier um eine Art Größenvergleich -der freilich kein physischer sein soll.) Götter stehen, so wie sie in Gänze sind, an und für sich außerhalb der von mir wahrnehmbaren physischen Welt. Aber sie drücken sich in deren Erscheinungsformen aus.

Fernsehen vs. Nahsein

Wollte ich tatsächlich meine Verhältnisse zu allen Göttern, mit denen ich’s de facto „habe“, schildern wollen – ich müsste mit reichlich dicken Schwarten aufwarten, von deren Erbauung für andere ich nicht überzeugbar bin (weshalb ich mir das Verfassen erspare). Vor Jahren habe ich sie mal „durchgezählt“, die Gottheiten, die meinigen. Ich habe kein Zahlengedächtnis, aber kam, glaub‘ ich, auf so in etwa vierzig…

Sinnvoller scheint mir, Andeutung zu geben, worin sich meine Gottheiten von Menschen unterscheiden. Denn die gängigen Mythenbilder bleiben ja präsent: ohne von allein die Religiösität, die tiefe innere Bindung eines heutigen Menschen an sie zu erklären. Genauer: an das, was sie tragen, wofür sie stehen. Was den Altvorderen gereicht haben mag an Beschreibung, mir reicht es nicht. Ich mag die meisten der Mythen aus „meiner“ Germanenkultur. So, wie ich King Kong mögen kann, oder dergleichen. Entsprechend gern mach ich so meine Witzchen drüber, spiele mit den Bildern (was etwas anderes ist, als etwa mit den Mythen -oder gar den Göttern selbst -spielen zu wollen…) Was aber unterscheidet nun eine zeitgenössische Geschichte wie die eines tragischen Riesenaffen von viel älteren Stories wie denen eines germanischen Donnergottes?

Dem beliebigen aufgeklärten Atheisten fiele es schließlich sowenig ein, einen Thor oder Donar anzurufen, dessen Wirkmächtigkeit für bare Münze zu nehmen -wie uns (doch wohl kaum weniger aufgeklärten) Neopaganen, dem großen King Kong eine Jungfrau zu opfern (oder auch nur eine Devotionalie aus Peter Jacksons Remake-Merchandising-Nachlass auf unsern Altar zu stellen).

(Nebenbei: die lustige Geschichte, wie Thor sich seiner Verkleidung als Weib schämt, anders er aber nicht seinen Hammer von den Riesen zurückholen kann, ist -jedenfalls angesichts dessen, dass und wie die Edda dabei eine hochmittelalterlich gewandete Frowe beschreibt -nicht viel „germanischer“, als wie das Ausgangsszenario der King-Kong-Erstverfilmung etwa „afrikanische Stammesriten“ wiedergibt. Also derart verzerrt, dass beides bestenfalls zur augenzwinkernden Unterhaltung taugt. Der olle „King Kong“ spiegelt vielmehr US-amerikanische Befindlichkeiten, so wie die noch ollere Edda vornehmlich christlich-mittelalterliche. Auch wenn beide jeweils was anderes zu beabsichtigen vorgaben: there’s no business like show business. Auch und gerade die Edda-Stories waren, ungeachtet ihres heidnischen Urstamms, zu nichts weiter verewigt als schließlicher Erbauung: Amusement für Nachgeborene. Die sich sicher „entwickelter“ oder „fortschrittlicher“ gedünkt haben als ihre „abergläubischen“ Vorfahren, die die Ursprungsformen jener Mythen einst ersannen, von ihnen umtrieben waren in tieferem Ernst.)

Natürlich spielt auch für meine Götterbindung eine tragende Rolle, dass Gestalten wie King Kong niemals zu Zwecken spiritueller Verehrung erdacht wurden, sondern von vornherein „just for fun“ (und Showbusiness) -während ein Wettergott Thor für germanische Bauern ein sicherer Fakt war. Die Berufung auf „Ahnenreligion“ birgt (trotz der neopaganischen Not, dabei gut eintausendfünfhundert Jahre Religionstradition zwischen ganz früher und heute durchschiffen zu müssen) mehr inhärente Energie als jedes Sichneuausdenken irgendwelcher Kraftfiguren (inklusive b. reiz präsenter Hollywoodfabeln) -auch wenn die Notwendigkeit, sich auch und gerade zur Belebung neuheidnischer Spiritualität ureigener Ausformung, Bildhaftigkeit und Deutung zu bemühen (ansonsten die Bilder altersschwächer blieben, als die damit gemeinten Götter sein brauchen), genau solche Grenzen manchmal verschwimmen lässt: an der Oberfläche.

Meine Grenzen als Mensch freilich sind klar: Ich lebe im Zeitstrom (oder -zyklus), und bin selbstverständlich nur hier, und nicht etwa woanders. Will ich woanders hin, muss ich mich gänzlich dorthinbegeben, und schon auf dem Weg bin ich dann nimmer, wo ich vorher noch war: Gleichzeitigkeit an verschiedenen Orten is‘ nich‘, für Sterbliche. Auch ist klar, dass ich immer ich bin -physisch zumindest. Selbst in innigstem Liebesspiel ist und bleibt doch immer unterscheidbar, wer nach wie vor wer ist -auch wenn’s da für unbeteiligte Augen vielleicht nicht so leicht auszumachen wäre. Ich bin hier und heute manifest durch meinen Leib (nicht allein über diesen definierbar, aber), mitsamt dessen Grenzen, Schwächen, Kurzlebigkeit. Ohne den aber wäre ich bestenfalls ein Gespenst.

In all diesen Aspekten erscheinen mir die Götter ganz anders. Sie können gleichzeitig hier wie dort auftreten. Und je näher ich „hinschaue“, desto mehr verschwimmt (in meiner Vorstellung) ihre Unterschiedlichkeit: so etwa, wie ich angesichts eines fernen Gebirges jeden einzelnen Berg vielleicht klar benennen kann, weil das auch deutlich so sichtbar ist -aber je näher ich hinkomme, womöglich daran herumkraxele, desto weniger ist definierbar, wo nun der eine Berg beginnt und der andere Hügel oder Landschaftsteil aufhört. Und das ist auch gar nicht mehr wichtig. Für die Verständigung aber kann es eminent wichtig sein, dass ich grad auf dem Mount Himmelhoch herumwandere -und nicht etwa in der sog. „Teufelsgrotte“ mich aufhalte, die sich auf dem „Fraunhügel“ daneben befinden mag. Nicht erst, wenn ich mir ein Bein breche. Reicht ja schon, dass die Freunde mich gesund von der Wandertour abholen mögen, und die Kilometer zwischen Himmelhoch und Fraunhügel von beider Fuß an beträchtlich sein können, wenn man sich in Sachen Abholort irrt.

Aus vergleichbaren Gründen bin ich kein Freund irgendwelcher „Alle-sind-eins“-Deutungen. Ich empfinde derlei im spirituellen Bereich ebenso unpraktisch und überflüssig wie im physischen. Natürlich hängen die Gebirge irgendwo (ziemlich weit unten) zusammen, natürlich sind die Götter auch als „eins“ betrachtbar -na und, was soll’s? So, wie ich meine Religion lebe, hab ich mit meinen Göttern allezeit genug zu schaffen, dass ihre namentliche Unterscheidung (die wirkende andeutungshalber markierend) so konkurrenzlos sinnvoll ist wie das jeweilige Bewusstsein um den eigenen physischen Aufenthaltsort. Im Werkzeugkastenvergleich wird’s vollends deutlich: „Reich mir mal den 18er Schlüssel“ heißt nicht etwa „Schlagbohrer her“ oder „haste ’ne Fuchsschwanzsäge“ -die dann dargereicht etwa mit der säuselnden Bemerkung, dass „alles ja doch nur Werkzeug“ sei. Götter sind freilich nicht meine Werkzeuge -viel eher bin ich eines der ihren.

Die Bürde der Bilder

Die (mal wieder nicht hinters Mittelalter zurückreichende) Archetypausformung Odins als eines gruftigen Wandersmannes, der mit Schlapphut, Mantel und Augenklappe durch die Botanik stapft (noch bis in den „Herrn der Ringe“ späte Schattenechos werfend) ist mir also ebenso vergnüglich und unernst wie die Vorstellung, dass sein feuerbärtiger Sohn mit einem Ziegenbock-Karren in der Stratosphäre lautstark herumkarriolt. Aus unheilssichererem nationalromantischen Erbe hartnäckig ins Heute über(ge)holte Abbildungen blondbraver Kornfeldmadönnchen (die mich eh unangenehm an Paradeis-Illustrationen in „Wachtturm“-Postillen von Jehovaszeugen erinnern) entsprechen zumindest nicht meinem Frauenbild: Freyja zeigen sie mir sowenig wie Idun, Gefion, Sif, Syn, Gna, Sunna, Fulla oder Lofn -nur mal, abseits von Hel, Hlin oder Ran -ein paar der „lichteren“ genannt zu haben (Auflistung weißdiegöttin unvollständig).

Spätestens von den Göttinnen muss ich mir also eigene Vorstellungen machen. Aber von ihren männlich apostrophierten Kollegen nicht minder.

Ich bin der Auffassung, dass Vorstellungen über Götter menschliche Gesellschaftsverhältnisse spiegeln: nicht nur, aber auch. Natürlich kann ich derlei gut und gern zum Anlass nehmen, schon allein (als reichte archäologisch Kombinierbares nicht) anhand der obskuren bis widersprüchlichen Art- und Verwandtschaftszuordnungen germanischer Götter untereinander (Asen und Vanen; Freyja als ursprüngliche Vanin ist gleichzeitig astreinste Asin; der „genetische Riese“ Loki als Odinsblutsbruder ebenso „vollwertiger“ Ase -von Abstammereien ganz zu schweigen: Heimdall hat der Mütter gleich neun…) die alten Germanen von jenem Rassismusruch freizusprechen, der ihnen heute dank nationalsozialistischer Vergewaltigung anhaftet im allgemeinen Bewusstsein… (das mit diesem scheppsen, aber bequemen Bild ungestört bleiben will, zumal neue Nazis es unentwegt befeuern…) …anderes Thema. Bleiben wir hier, jenseits historischer wie aktueller Niederungen, in den abstrakteren Sphären des Spirituell-Geistigen -zumindest aber im persönlichen Wie und Jetzt. Dennoch: das eine läuft ins andere, wie ich’s dreh und wende.

Welten im Gleichgewicht

„…Fährt ein Boot, steht ein Baum, heult ein Sturm, ächzt ein Traum… Und drei Frauen schauen stumm… und sie weben weiter -unendliche Pfade -und sie weben weiter… unendliche Pfade… und…“
(Die Singvøgel: „Kommt ein Boot“)

Sich selbst als Mittelpunkt der Welt zu empfinden, halte ich für eine naturgegebene Selbstverständlichkeit menschlicher Wahrnehmung. Ásatrú macht daraus ein System, das eine jedwede solche subjektiv „gewaltige“ Individualität einzubinden vermag in ein hie soziales, dort kosmisches Ganzes -ohne dabei kollidierende Widersprüche (oder einander ausschließende Reibungen in der Weltsicht) zu erzeugen. Unaufgeregter Pragmatismus steht dabei allzeit über oberflächlich-moralischer Wertung: Die Gluthitze einer Herdplatte ist „gut“ zum Suppebrutzeln und „schlecht“ zum Handauflegen. Mehr kann ich nicht sagen über „Gut & Böse“.

Eher als von „guten“ oder „bösen“ Menschen (oder sonstigen Wesen) spreche ich ggf. von Interessenkonflikten. Konsequenzen daraus befeuern u.U. mein Selbstverständnis -im Sinne oben genannter Eingebundenheit: Auf der „richtigen“ Seite zu sein und zu verbleiben, kann womöglich wichtiger sein (für die eigene Identität), als zu „gewinnen“.

Schaut man sich allein die (uns ja nur nacherzählten! Soweit uns überhaupt verbliebenen!) Edda-Mythen an, kommt der wache Geist nicht umhin, sich an allerlei Widersprüchen zu stoßen. Eine Figur wie der listige Loki z.B.: verantwortlich für die raffiniertesten Erfindungen und Lösungen -wie letzlich für aller Verderben. Das Heil der Götter: fußend auf Verräterei an ihren Vorfahren, den Riesen (die unbewussten Naturgewalten verkörpernd). Ja: Die (Bewusstsein verkörpernden) Götter entstammen den (unbewussten Gewalten der) Riesen, und am Schluss erliegen sie diesen. Selbst in den kärglich überlieferten Scherben: ist es eine Kosmologie -eher als eine dahermenschelnde „Moral“ –, was dort insgesamt erzählt wird.

Jene „drei Frauen“, Nornen, Schicksalskräfte: Sie stehen über den Göttern. Sie sind das personifizierte Werde, Sei und Gestalte. Ich bin der Mittelpunkt meiner Welt: wichtig als Grashalm einer Wiese. Ohne meinereiner ist keine solche attestierbar: Ich bin nicht allein. Je prächtiger und voller ich blühe, desto mehr mag die Wiese grünen. Wer mich aber ausreißt, frisst oder zerstampft nur Gras. Selbst dann hinterlasse ich Samen, oder Spur: die Idee dessen, was ich war.
Andern zum Beispiel. Und sie wachsen -ggf. sogar: nach. (Asphalt ist kein Hindernis.)

Für alles, was ich mir nehme, gebe ich etwas: freiwillig oder unfreiwillig, bewusst oder unbewusst. Je klarer ich aber die jeweiligen Zusammenhänge sehe, desto klarer kann ich jedoch mitbestimmen, was ich gebe: für jedwedes nötige Nehmen. Schenken wiederum birgt die Überraschungsfreude des nicht Kalkulierenmüssens, was man dereinst dafür bekommt. Die Götter sind keine Kaufleute. Sie sorgen nicht nur für Gleichgewicht, sie sind Bestandteil desselben, selbst darin eingebunden auf Wohl und Wehe. Vielleicht sind sie ja auch nur Geschichten: altvorderer Menschen, die damals noch keine besseren hatten. Und vielleicht haben wir Heutigen ja bessere: Beispiele, Helden, Vorbilder. Ich probierte manche der neuen aus, in meiner Jugend. Um doch die älteren zu entdecken, irgendwann. Dass diese die besseren sind -zumindest für mich -glaube ich heute. Lang habe ich gebraucht, sie zu finden: mein halbes Leben. Ich opfere ihnen, weil ich immer noch lebe.

„Wem gehört die Welt? Dem, der sich an sie verschenkt: Diener der Ekstase. Wer gehört sich selbst? Sagt, wer kennt sich wirklich selbst? Nur wer die eigenen Schatten schaut: Diener der Ekstase…“

Text © Duke Meyer, im März 2006

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