Eibensang

Sonnenseufzen

Rund war der Mond heut‘, und die Sonnenwende rund einen Mond her. Dieses Jahr habe ich mehr Sonnen gewendet als in all den Vorjahren je, jau, war das eine Wenderei! Da bist du so schön am Wenden von Sonnen – und auf einmal triffst du eine, die wendet dich. Mitten in der Sommersonnenwende. Am längsten Tag. Wie kurz die Nacht geriet! Aber es soll ja nicht auf die Länge ankommen – jedenfalls nicht auf die von Tagen oder Nächten. Über die Tage wusste schon Lindenbergs Udo, dass auch die gleich langen „verschieden breit“ seien. Und ich kenne meine Nächte: Verschieden tief sind die meist, und unterschiedlich heiß. Je nach den Geistern, die ich rief! Oder je nachdem, von wem ich mich rufen ließ…

Sonnenwenden ist ja an sich ganz leicht, vor allem im Sommer. Du musst nur dafür sorgen, dass die Pfanne groß genug ist – und die Sonnenscheibe im richtigen Moment hochwerfen, so dass sie sich oben überdreht und mit der anderen Seite wieder unten runterkommt. Mit ein bisschen Übung hat das fast jede schnell raus. Das ist reine Hexerei. Du darfst nur nicht die wissenschaftliche Sichtweise anwenden in dem Moment, weil du dich sonst arg verbrennst: Aus rationaler Sicht ist die Grausame viel zu groß, zu fern und bei weitem zu heiß, um sie von Menschlingshand wenden zu können! Aber dafür ist der Hals ja da, dass er den Kopf drehen kann – und mit ihm die Perspektive. Und sei es für Sekunden. Ich sah mich um – wie jedes Jahr, aber diesmal zu leichtfertig. Schon war es geschehen! Ja, die Grausame! Deren Liebling ich bin: immer noch, offenbar! Es war keine Absicht – nicht meine, meine ich. Kurz umgedreht, ich mich – schon zu spät. Ich sah ihr mitten ins Gesicht. Zuviel für einen Menschen, zuviel für einen Menschenmann.

Ich habe Ausreden. Mein Haar flog zu sehr, ich hatte es vor den Augen. Ich dachte nichts, vor allem an nichts Böses. Ich war zu euphorisch. Von der vorigen Wende her, die gerade eine Woche her war. Da hatte sich ein trautes Paar getrennt, was eine heile, aber doch auch traurige Zeremonie wurde… Und weil es mich so dauerte, dachte ich, mich nun auch von etwas trennen zu müssen… Und so warf ich meine Tabakvorräte ins Feuer… Rief Eir, Freyr und Ullr an (erbat von ihnen meine Heilkraft, meine männliche Schönheit zurück und den Schneesurfer um klare Gedanken, wie ich sie noch nicht hatte) und erklärte mich zum Freiatmer. Es war früher Morgen. In der Nacht hatte ich Stimmen gehört und – nein, ich bin nicht zum Arzt gegangen, denn ich fühle mich nicht krank, sondern beauftragt. Und dafür brauche ich den Rest meiner Kraft.

Naja, und wie das mit Phantomschmerzen so ist: An manchem Abend spüre ich jetzt einen Druck in der Brust, als ob ich zuviel geraucht hätte. Hab ich ja auch – so lange Stunden in meinem Leben, seit meinem 13. Lebensjahr (mit Unterbrechung eingangs meines Heidentums, aber die paar Jährchen Freiatmerei sind in meiner Teerlunge medizinisch sicher nicht nachweisbar)… Viel aber ist passiert in den letzten Monden, was mir die Sinne fokussiert auf Vorhaben, die ich schlecht benennen oder beschreiben kann, weil sie keine rationalen sind. Es ist mehr so ein Gespür, eine Witterung, ein Instinkt. Und die Stimmen der Großen sind es. Die Stimmen in mir drin.

Eines Nachts zog mich ein vertrauter alter Gott, der hier ungenannt bleiben will, auf einen Hochsitz hinauf, der höher war als alles, was Menschen bauen. Schauen hieß er mich. Und ich sah die Erde unter uns hinweggleiten, Länder und Regionen, Städte und Kontinente. Ich bin ja über Europa noch nicht hinausgekommen – aber das spielt keine Rolle. Ich erinnerte mich plötzlich, wen ich alles kenne – und wo die Leute wohnen. Ganz bestimmte meine ich. Menschen mit Aufträgen. Aber nicht von Firmen. Menschen, die Stimmen hören oder spüren: in sich. Wir erkennen einander, wenn wir uns treffen. Und ich erinnerte mich. Sogar aus Afrika kenne ich eine. Für die ich mal trommeln durfte – und die mich noch nicht vergessen hat. Und ich sah mich auf einmal Fäden werfen: einen gen Süden, einen gen Osten, einen dorthin, wo das Abendland untergeht – und einen dorthin, wo ich etwas verloren habe, obwohl ich noch nie dort war. Das ist jetzt zu kryptisch, sorry. Aber ich darf nicht alles verraten oder gar beschreien. Ich trage es im Herzen!

Ich spürte die Hände und den Atem meiner Ahnen in jenem Traum – aller Ahnen: auch der ganz fernen und klügsten. Jener, die mich lehrten, von der anderen Seite der Erde aus. (Unverwandt bin ich mit ihnen. Aber sind wir nicht verbunden? Doch, sind wir. Ihr spracht, ich hörte. So wie es Brauch ist. Ich trage euch mit mir. Das Heilige Feuer ist mein Freund geworden, befreite mich aus Trauer, erfüllte mich mit Mut. Eure Sache ist meine Sache. Ich, ein Sänger aus dem Land des sterbenden Lärms, grüße euch.) Ich hab sie alle mit mir. Sie heißen mich Fäden werfen, Fäden ziehen. Sie nennen mich Herold oder, in ihrer Zunge, Der Vor Dem Heerzug Herzieht. Der alte Gott lächelt, ich lächle zurück. Ich bin ihm so dankbar. Er mir fast auch, glaube ich. Unbescheiden? Ja, Kinder. Das bin ich geworden. Ich bin Duke Meyer, gewesener Harald Thomas, gelernter und gesegneter Fjölnir Eibensang. Ich wurde aus der Bahn geworfen, um auf den Weg zu gelangen, ich sträubte, weigerte, verbog, verließ, verachtete und zerfleischte mich – und ging ihn dann doch. Und jetzt gehe ich ihn zu Ende.

Aber ich weiß natürlich nicht, was passiert – und dachte an nichts Böses. Stand da und wendete, wendete, wendete – Leben und Sonnen, Träume und Wonnen… und fupp! Hatte sie mich. Ich wusste nicht mehr, wie es war. Natürlich erkannte ich sie wieder. Hätte ich sie je vergessen können? Nein – nur nicht erwartet, sie wiederzutreffen: so schnell. So unversehens. Und so intensiv. Dazu an einem Ort wie diesem. Aber so ist es ja immer: wenn ich gar nicht damit rechne, und meist an Orten, die mir neu sind, aber etwas in mir anrühren. Ich bin überhaupt leicht zu rühren, sogar zu erschüttern. Das ist keine Schwäche. Das ist eine Fähigkeit. Ich bin froh, dass ich sie mir kultivieren lernte bereits zu Zeiten, als ich sie noch nicht wirklich schätzen konnte. So wie manch anderes auch.

Das Haar hing mir vorm Gesicht. Aber es nützte mir nichts. Die Große verbrannte mich wie eh und je, zernichtete mich, schuf mich neu – das alles im Bruchteil eines Augenblicks. Und seither ist alles anders. Kenne ich schon. War ja nicht zum ersten Mal. Da meinst du, das Leben zu kennen – nach all der Zeit, zumindest. Kennst es ja auch. Aber nützt dir nichts. Sie, die Große – sie setzt dich auf Reset, drückt dir mal eben den Warmstart-Knopf – und was du im GedächtMix hattest, schnurrt zusammen auf einen Haufen Blödsinn, der es war. Und du weißt nur noch: jetzt. Und hier. Und heute. Und ich und du. Spiegelst dich in irgendwessen Pupillen, die du als Echo deiner Seele erkennst. Anders als die meisten Krieger, Professoren, Gut- oder Schlechtverdiener und Bürger dieser Gesellschaft, die ich stürzen werde, brauche ich meine Hütten und Tempel nicht einreißen, meine Gärten nicht zertrampeln, meine Lieben nicht in die Wüste schicken. Denn ich bin bei der Arbeit und habe einige meiner Hausaufgaben schon erledigt. Und ich stürze ja nicht nur eine Gesellschaft zu Scherben, sondern baue eine neue auf, sogar, während die alte noch steht und stürzt und steht und stürzt. Und sowenig ich eine Freundschaft aufkündige, weil mich eine neue ereilt und segnet, sowenig muss ich meine Konten löschen, weil mich unerwartete Einnahmen überraschen. Oder? So brauche ich auch keine Liebe zu verabschieden, wenn ich eine neue willkommen heiße. Und das ist richtig so – so hatte ich es einst ersehnt, so habe ich es mir erkämpft, so ernte ich es jetzt: voller Dankbarkeit und Hingabe. Ich bin ein treuer Mann, eine treue Seele. Ein treues Herz. Ich bin ein Sohn der Sonne. Seht ihr es mir noch an – oder schon wieder?

Immer, wenn ich den latenten Impuls verspüre, mich zu entkleiden und die nächste Wegstrecke nackt zu bewältigen, weiß ich, dass die Großen gerade meine Titelmelodie spielen. Immer, wenn mich ein Mut erfasst, der sich mit dem Verstand nicht erklären lässt, spüre ich meine Muskeln wachsen und meine Kraft bekommt etwas Bergendes. Immer, wenn ich verliebt bin, fühle ich mich wie mindestens zwei Meter groß. Das bin ich sonst auch – aber ich merke es nicht immer. Ich bin nur komplett, wenn ich gesehen werde. Nein, das ist keine Co-Abhängigkeit – an der litt ich auch, aber das ist was anderes, habe es studiert, erzähl mir nix – oder was Neues. Ich bin nur vollständig, wenn ich spiegeln kann. Ich lebe, wenn ich gebe. Ich bin ein Mann neuer Sorte. Es hat schon welche wie mich gegeben. Sie wurden erschossen, niedergemacht, zerstampft. Ihr nanntet uns „Wilde“. Höre, Abendland. Hör gut zu, sonst drück ich dich ganz unter Wasser – im Namen derer, die das Meer bewegen. Das sind nämlich meine Freunde, unter anderen (das n ist Absicht). Du lernst jetzt von den Wilden – oder dein Teufel hole dich. Lerne lauschen. Lerne lassen. Lerne lieben. Hör uns zu. Schau uns zu. Sprich kein Wort! Genug hast du geredet. Genug hast du gerodet. Zuviel gemordet, zuviel planiert. Und viel zu viel vergessen. Du hast gelitten, nicht wahr, leidest noch? Ich bin dein Kind, Abendland. Deine Opfer waren und sind meine Lehrerinnen. Ich habe sie gefunden, mich ihrer erinnert – denn du hast mich zu ihnen geworfen. Es hatte schon alles seine Richtigkeit. Und jetzt kommen wir zurück. Dich zu heilen.

Ich fahre jetzt in den Norden. Naja, ein paar Hundert Kilometer weiter nördlich (noch nicht ganz ans Kap. Nur kurz vor die Robben…). Ich fahre, um zu tanzen. Ich höre Stimmen und sehe Gesichter. Spüre Hände – im Traum und in echt. Ich bin nie allein. Und ich ziehe jetzt Fäden. Vielleicht bis nach Afrika. Vielleicht bis an die stillen, tiefen Seen der skandinavischen Wälder, die ich vor zehn Jahren mal bestaunen durfte. Obwohl ich da gar niemanden kenne. Aber wer weiß, was kommt. Und wer! Ja! Was noch kommt! Mit allem, was noch kommt…

Ich beuge mein Haupt vor Dir, Mardøll, Große, Die Das Meer Erleuchtet, ich gehe auf die Knie vor Dir, Große Sau, ich schmelze das Eis meiner Verhärtungen, bis es tropft und zerläuft und unter Deinem Lächeln glitzert, ich weiche das Eisen der Männlichkeit auf für die Wiedergeburt des Friedens in Glück, Stolz und Pracht. Und ich beuge mich Deiner Macht, wieder und wieder, und ich schreibe Dir Lieder. Und ich nehme Deine Geschenke an und danke Dir für Deinen Segen. Mein Herz ist ein steigender Vogel, der Deine morgendliche Ankunft preist, ich bin Dein Krieger. Du bist die Liebe. Ich weiß, was zu tun ist.

Eine Reaktion zu “Sonnenseufzen”

  1. dreaming crow

    du bist unglaublich und das was du schreibst ist (du weisst es) witzig – wahr und wahnsinnig lang. Hey, gibt es solch einen wie du es bist auch hier? Würd gern mit einem wie dir in meiner kleinen Pfanne Sonnen wenden… denkste jetzt an Sex? 🙂 Hey wilder Mann, hab mich gefreut deine Seite gefunden zu haben, werd dich im Aug‘ behalten!

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