Eibensang

Kalendertage

Es ist einsam hier. Die Tapeten sind fortgegangen und haben die Wände nackt zurückkgelassen. Der Wind besucht mich nicht mehr, er pfeift in zwei Metern Abstand ums Haus. Ich habe noch ein Telefon. Natürlich ist es nicht angeschlossen, das ginge gar nicht, denn es ist eine Weichplastikattrappe, aber es hat auch einen richtigen Knopf, wenn man feste daraufdrückt, schellt er. Das ist mein Telefon ich hatte es schon als Kind mein Telefon ja. Es ist besser als nichts, weil wenn ich ein richtiges Telefon hätte, mit Postanschluss und so, dann hätte ich das ja jetzt auch nicht mehr, weil das meine Frau mitgenommen hätte. Zwar existiert diese Frau nicht, aber wenn ich mit ihr liiert gewesen wäre, hätten wir uns bestimmt kürzlich verkracht und sie hätte mich verlassen, und das Telefon sicher mitgenommen, das mit Postanschluss meine ich.

Ich bin heilfroh, dass ich niemals eine solche Frau kennengelernt habe, mit der man sich dann verkracht und die dann das Telefon mitnimmt. Allerdings ist es etwas einsam hier. Die Stühle sind krank: Sie gehen in die Knie, wenn ich mich auf sie setze. Einer versucht mich sogar abzuschütteln, aber dazu fehlt ihm doch die Kraft. Der andere ist heiß an der Lehne. Ich weiß nicht, wie man Fieber bei Stühlen misst. So habe ich mir in den letzten Tagen angewöhnt, meine Mahlzeiten auf dem Tisch sitzend einzunehmen. Das Lästige dabei ist nur, dass ich dazu den Fernseher ausschalten muss. Ich habe nie das Märchen geglaubt, dass der Fernseher zum
hineinschauen wäre. Ich wusste seit meiner Geburt, dass Fernseher einen beobachten, und zu nichts anderem sind sie hergestellt, als das Wohlverhalten der Staatsbürger zu kontrollieren – wer nicht guckt, macht sich erst recht verdächtig. Aber ich kann doch den heimlichen Beobachtern nicht den Anblick zumuten, wenn ich auf dem Tisch sitzend esse. So wird es eine Frage der Zeit sein, wie lange ich hier noch leben und mein Wesen treiben darf.

Manchmal wünsche ich direkt, ich machte die Tür auf und zwei große aufrechtgehende Ameisen ständen draußen und sagten brzzz brzzz, was soviel hieße wie “Mitkommen! Sie sind verhaftet.” Ich weiß, dass es Ameisen sein werden – sie schicken immer Ameisen, wenn etwas unwichtig, aber unaufschiebbar ist, besonders in Staats- und Amtsangelegenheiten.

Nun, momentan bin ich, zumindest de facto, noch keine Amtsangelegenheit. Ich esse übrigens nur Fisch. Dabei kann man so gut vom Meer träumen. Ich liebe das Meer nämlich. Ich stelle mir immer vor, ich liege auf dem Meer, mit dem Bauch nach oben, und beobachte die Badenden am Strand. Ja, das Meer. Hier gibt es nur Staub. Staub Staub Staub. Haben Sie schon mal versucht, im Staub zu baden? Ich nicht. Aber solange die Tapeten noch da waren, lenkten sie den Blick ab, und alles war erträglich. Sie hatten schöne Muster, die Tapeten, lauter ineinander verschlungene braune Karo-Streifen vor einem beigen Hintergrund, das sah ein bisschen aus wie ein Jägerzaun vom Boden bis zur Decke, ähnlich manchen Teppichen in Sparkassen, wo man draufschauen kann und die Zeit vergisst, weil es einen schwindelt und in große Tiefen stürzt, so dass man völlig vergisst, was sie mit den Konten machen. Sie haben die Sparkassen nur wegen der hypnotischen Teppichmuster installiert, aber das alles ist lange her und heute nicht mehr von Bedeutung. Jetzt sind die Wände kahl, die letzte Tapetenbahn hat beim Weggehen noch meinen Papierkorb mitgenommen, der Himmel weiß warum. Ich habe auch nicht gefragt, man hat schließlich auch seinen Stolz. Aber als sie dann weg waren, habe ich schon ein bisschen geheult, so ganz allein für mich: nach dem Essen auf dem Tisch, bevor ich den Fernseher wieder eingeschaltet habe. Mittlerweile gehe ich mit gesenktem Kopf durch meine Bude und bemerke, dass der Boden immerzu voller Staub ist, Staub Staub Staub. Wenn ich ein Aquarium hätte, wäre es sicher ausgetrocknet von dem Anblick – gut, dass ich mir nie
Haustiere angeschafft habe. Obwohl ich als Jugendlicher zugegebenerweise von einer Schnecke geträumt habe, so eine mit Haus und mit weichen Fühlern und ein wenig Schleim auf der Unterseite…

Aber in dem Staub hier könnte jetzt natürlich auch keine leben, zumindest nicht mit Schleim. Draußen vorm Haus ist ein Kiesweg (durch den Garten bis zur Straße) – ich habe mir überlegt, ob ich einen Kiesel nach dem anderen nehmen soll und im Lauf der Jahre, die mir vielleicht noch bleiben, den Staub in meinem Zimmer damit pflastern, aber ich konnte mich dann doch nicht dazu aufraffen.
Die ersten zwei Millionen Kiesel wären im Staub versunken, und ich hätte nicht gewusst beim Fallenlassen des nächsten Kiesels, ob der durch den Staub auf den Boden sinkt oder auf einen anderen Kiesel, der da vielleicht schon liegt – das hätte ich nicht ertragen, diese Ungewissheit. Ich bin nämlich ein ordentlicher Mensch und überhaupt kein Kiesverschwender, das würde ich nicht ertragen, schon im Gedenken an meine Muttermaschine. Noch heute rieche ich ihr Öl, wie es ihr aus dem Rost rann – sie war von Miele, Gott hab sie selig. Vor vielen Jahren kam sie zum Schrottgenesungswerk, und wenn ich heute an sie denke, stelle ich mir gerne vor, dass sie eingeschmolzen wurde und heute als Porsche über ferne Landstraßen rast, mit einem blonden Arschloch darinnen, der unablässig auf seine Rolex guckt, um das blonde Arschloch neben ihm zu beeindrucken, doch die gähnt, und so tritt Arschloch aufs Pedal wie bescheuert und der Porsche (meine Muttermaschine) rast überland und an allen anderen Arschlöchern vorbei, die es zu Lebzeiten versäumt haben, sich einen Porsche leisten zu können, hui hui hui, das würde mich stolz machen – ich meine, wenn ich nicht was anderes zu tun hätte.

Ich möchte wissen, wo meine Tapeten hin sind. Anrufen kann ich sie ja schlecht – mit einer Attrappe als Telefon geht das nicht, außerdem habe ich keine Ahnung, unter welcher Nummer fortgelaufene Tapeten zu erreichen wären. Vielleicht sind sie Nomaden geworden und haben überhaupt keinen festen Wohnsitz. Aber was tun sie dann, wenn es regnet?
Fragen über Fragen. Sollen sie selber sehen, wie sie zurechtkommen! Schließlich habe ich sie nicht hinausgeschmissen, im Gegenteil, ich habe sie immer gut behandelt, und nur mit reiner Butter gewaschen, jeden Tag um 13 Uhr pünktlich. Den Schwamm habe ich heute noch. Ich habe ihn an die Decke genagelt, damit er nicht mit dem Staub in Berührung kommt, der jetzt schon 62 Zentimeter hoch liegt. Gut, dass mein Zimmer hoch ist. Über zwei Meter ist es hoch! Da kann es noch lange stauben, ha ha ha! Man weiß sich eben zu helfen. Nur etwas einsam ist es hier. Wieso der Wind nicht mehr kommt, weiß ich auch nicht. Ich habe ihm nie etwas getan.
Aber wahrscheinlich ist er radioaktiv geworden, das ist so Sitte geworden, auch wenn ich kein Verständnis dafür habe, denn als Mensch kann man die Radioaktivität ja weder schmecken noch riechen…. Überhaupt habe ich nie begriffen, wozu sie eigentlich taugt, aber die Winde lieben sie. Naja, wer braucht Winde.

Soll er doch pfeifen, wo er will, der blöde Wind. Zum Sturm hat er´s nicht gebracht, jetzt spielt er den Beleidigten. Möchte mal wissen, was ich dafür kann. Ich habe mich immer nur um das gekümmert, was mir zustand. Das könnte ich jedem Quizmaster bestätigen, jedem, verstehen Sie! Ich hätte keine Angst. Die Millionen täte ich nur so einstreichen. Natürlich liegt mir nichts daran.

Aber eine Genugtuung wäre es doch. Wenn all das noch eine Rolle spielen würde. Aber natürlich ist auch das furchtbar lange her, dass ich das hier aufschrieb… So lang, dass nicht mal ich mich mehr erinnern möchte, warum. So ist selbstverständlich nicht das Leben – so ist nur der Tod. Die nichtvorhandene Hölle war eine große Enttäuschung für mich. Aber ich ahnte bereits früher, beim Zeitunglesen, und besonders noch davor, dass es die Hölle zwar einmal gab, aber nun nicht mehr gibt: Die Menschen hatten sie auf der Erde inszeniert, mit aller Kraft, mit bestem Wissen und Gewissen undsoweiter undsogähn. Umgezogen war sie, die Hölle, von ihrem alten Stammplatz rauf auf die Erde, und so können die Toten schauen, wo sie bleiben und wo sie leiden sollen. Es gibt einfach nicht mehr genug Leid nach dem Tod. Ich weiß, wovon ich rede. Denn vom Leben verstehe ich nicht die Welt. Sie können mich Skelett nennen, oder Sensemann, auch wenn ich keinen Grinseschädel trage, geschweige denn eine Sichel oder Sense. Eine Geistesverwandtschaft haben wir halt, der Tod und ich, und gleichermaßen werden wir gemieden – obwohl ich natürlich noch nie davon gehört habe, dass der Wind und irgendwelche Tapeten den Tod meiden, und auch die Menschen taten ja nur so als ob sie ihn verabscheuten – ihren Papa Mörder, ihr Mist Ende, ihren geliebten Schlussmacher, der sie alle erwartete, und die meisten von ihnen benahmen sich so, als ob sie es wirklich nicht erwarten könnten, ihm zu begegnen: dem Altersabschneider, der verhindert, dass unsereins 5.000 Jahre alt wird und so vertrocknet, dass wir in den Zustand mutieren, den unser Hirn meist schon mit Verlassen der Grundschule eingenommen hat.

Was wetten, dass sogar der Tod mich meiden würde, wenn er denn vorbeigucken käme in meiner Bude, die die Tapeten mit dem Papierkorb verlassen haben, wo der Wind nur noch in zwei geschlagenen Metern Abstand herumpfeift und die Kiesel im Staub versänken, würde man sie nur lassen, und wo die Straße draußen zu kurz ist, um wohin zu führen, und wo es keine Frau gibt, die einen melodramatisch verläßt, und wo die Stühle fiebern und nur der Fernseher zuverlässig funktioniert – als letzte Gemeinheit einer technischen Welt, deren Hauptaspekt ja das Nichtfunktionieren im entscheidenden Moment war… Wohl denen, die entscheidende Momente hatten oder missen durften! Ach ach ach. Schwach schwach. Ich muss mich zusammenreiben. Ich muss dies und jenes! Das ist wichtig, um Mensch zu bleiben. Wenn ich eine Tapete wäre, könnte ich abhauen – das habe ich gelernt. Stühle erkranken, Tische bleiben unbeeindruckt und tragen die schwerste Last. Welchen Sinn so ein Leben hat? Gestatten, dass ich weine, Schwester, gestatten, dass ich grunze, Bruder. Lass mich stattdessen fragen, welchen Sinn denn so eine Frage hat. Du bist eine Halluzination, nicht ich, sondern du. Ich halluziniere dich, um mit dir zu reden: den Schwachsinn der Welt widerkotze ich dir in die imaginäre Seele.
Fall auf die Knie und bete mich an, wenn du einen Funken Konserve in dir hast, Konversion, Konvertitoerum, Konverprinzik, Konservativitation meine ich, du verstehst, Einbildung. Fall auf die Knie und bete zu mir. Ich habe deine Welt bewahrt, deine Träume, dein blutiges Bumbumherz, deine Giftgalle, deine Saufniere, dein Quasselhirn. Ich bin der letzte der Menschen. Zum Gott erklärt vom Letzten, der noch etwas zu erklären und zu klären braucht: von meiner Wenig- und Heiligkeit.

Um mich herum ist Staub, Kies, eine kurze Straße… kein Firmament über dem Dach, das mein Haus nicht mehr hat: am Ende des Seins, und damit auch des Deins. Was statt dem Firmament sich hoch über meiner Birne beliebt zu biegen, möchte ich nicht beschreiben. Ein Himmel ist es nicht – der verabschiedete sich, als Hölle auf die Erde floh, um sich dort bestens inszenieren zu lassen von denen die sie riefen. Es wurde ganz nett, alles. Was hättte die Menschheit sonst tun sollen?
Verhungern? Versaften? Sich überfressen? Sich fortpflanzen? Oder sonstwohin pflanzen, wenn nicht fort? Wer sich Höllen ausdenkt, muss sie rufen, wenn sie nicht von selber kommen, die so locker ausgedachten. Zu mir ist nie jemand oder etwas gekommen – nichtmal eine Hölle. Von mir sind sie alle gegangen, vor mir sind sie geflohen, ich bin ein Gemiedener. Das ist meine Bestimmung. Eine oder einen solchen muss es geben, den keiner haben will, der nur da ist, dass man ihn läßt wie er ist oder wie er auch keineswegs ist – jedenfalls bin ich nur da als Antimensch, es ist auch nur ein Job, und wer hat schon den, den er möchte. Partylöwe hätte
mir sicher mehr gelegen, bei meiner ansteckenden Fröhlichkeit, aber als ich im entsprechenden Alter war, gab es keine Lehrstellen für Partylöwen – alle waren besetzt. Aber die Kollegen haben ihren Job ziemlich lausig gemacht – die Parties waren alle verdammt langweilig, bis niemand mehr hinging, und dann starb der Berufszweig ratzeputz ganz aus, und die letzten Idioten, die es a) nicht wahrhaben wollten und sich b) einbildeten, sie bräuchten als Schmerzensgeld für die eigene Fresse ein dickes Gehalt, die wurden Quizmaster und stöpselten die Familien, mehr aber noch die in Geschmacklosigkeit gänzlich vereinsamten Einzelheuler, an den Tropf ihrer Nullnullshows. Ich habe sie alle gesehen, die Masters of Quiz, und ich denke an keinen von ihnen, wenn ich davon rede, denn sie waren alle ohne Gesicht und ohne Namen. Ihre Gliedmaßen waren ebenfalls nicht erwähnenswert. Sie waren da für den Tropf, und die Leute hängten sich dran, sie hatten einfach keine andere Wahl, schließlich gab es noch Wind, und keine Tapete ging spazieren, und Radioaktivität war nur ein Thema für die Zeitung, die keiner las, und was alle lasen, war die Affäre des namenlosen Quizmasters, und der Kreis schloss sich, so dass er brach.

Hand aufs Herz, ich gäbe was drum, das irgendjemand berichten zu können. Auch wenn mir niemand geglaubt hätte: Vom anschließenden Selbstmitleid hätte ich mich einen ganzen Monat lang ernähren können. Jetzt muss ich sparsam haushalten mit dem, was ich früher meine Gefühle genannt hätte, von dem ich aber heute weiß, dass es nur meine Essensvorräte sind.

Wissen Sie, wer keinen Kontakt pflegt, so wie ich, der zehrt vom eigenen Speck, und bestünde er auch nur aus Haut auf Knochen. Ein Apfel liegt noch im Kühlschrank meiner Seele. Ich möchte ihn wurmstichig machen, um etwas Forschung zu betreiben. Also habe ich beschlossen, doch damit anzufangen, die Kiesel draußen reinzuholen und in meinen Staub zu werfen, weniger wegen dem Staub oder gar der Kiesel, sondern um vielleicht einen Wurm draußen zu finden, einen Wurm, der nicht schnell genug vor mir fliehen kann, und den ich dann mit dem Apfel meiner Seele füttere: So, stelle ich mir vor, fange ich meine erste Freundschaft. Es wird eine erzwungene sein, und damit werde ich mich in bester Tradition mit den Besten meinesgleichen befinden, und das wird mein heimlicher Sieg sein über alle, die in ihrem Leben von etwas Wertvollerem oder Unterhaltsamerem verlassen wurden als von Tapeten oder Papierkörben, denn mit dem Ködern des Wurms (der mein Köder nicht wäre, sondern mein Fang) werde ich ein für allemal bewiesen haben, dass auch alle anderen Leute fliehens- oder meidenswert gewesen wären und nicht nur ich.
Ich allein. Denn dann werde ich wie alle anderen sein! Ich allein werde sein wie alle anderen. Und die anderen werden anders sein. Dann werde ich sie meiden anstatt umgekehrt. Ich werde ganz verrückt vor Rache.

Der eine Stuhl, der mit dem Fieber, macht mir ganz den Eindruck, dass er bald stirbt. Soll er nur, soll er. Der Fernseher läuft. Der Fisch ist gegessen, das Meer ausgeträumt.

Der Wind pfeift in Entfernung. Fast kommt es mir vor, als röche er nach Tapete. Aber das ist natürlich nur Einbildung. Ich gehe hinaus, bücke mich, greife mit ruhiger Hand den ersten Kiesel. Es ist ziemlich einsam hier draußen.


Text © Duke Meyer 1987

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