Eibensang

Ein Denkmal…

…möchte ich setzen: hier mitten ins Internet. Mir ist klar, dass die unterschwellige Aufforderung zu denken („denk mal!“) krass alt anmutet in einer Welt, die uns auf Schritt und Klick an maximal drei Entscheidungsmöglichkeiten gewöhnt, von denen das „OK“ schon vorgestanzt ist: Durchklicken ist noch leichter als Abnicken – die Bejahung von sozusagen jedwedem Scheiß munter voraussetzend (und allgemein akzeptiert, sonst hätte sich was anderes durchgesetzt). Das Ritual ist so winzig, dass man es kaum als solches wahrnimmt. Die Wirkmacht jedweden Rituals ergibt sich aber nicht aus seiner Wesensgröße, sondern seiner Wiederholungsfrequenz. OK?

„Achte auf deine Gewohnheiten, denn sie werden dein Charakter“ heißt es im Talmud (einem gedankenvollen Papierblog: krass alt und unkrass jüdisch), aber so weit will ich hier gar nicht denken. Mein „denk mal!“ ist bodennäher, bunt und – weil tot – längst vergessen: falls überhaupt bemerkt worden von irgendjemand in zweistelligem Lebensalter. Deswegen will ich ja gedenken.

Ich sage: Denk mal! – und fordere nichtmal auf, Tatsachen zu erkennen, zu vergleichen und miteinander in Beziehung zu setzen. Das tue ich für mich selber, und wer seinerseits damit anfangen möchte, dem oder der ist zu raten: Mach’s gleich, denn es erfordert Übung. Die sich lohnt, solang man keinen Applaus erwartet. Kassandra hat seit Jahrtausenden einen schlechten Ruf, weil sie Tatsachen erkannte, verglich und miteinander korrekt in Beziehung setzte – und das Ergebnis unvorsichtigerweise ausrief. Dass ihre Warnung exakt den Tatsachen entsprach, verziehen ihr die Trojaner nie. (Damals waren Trojaner noch Menschen – keine Virenprogramme, Anm. d. Verf.) Den späteren und noch systematischeren Denker Sokrates ha’m seine Zeitgenossen gleich vergiftet: Gerade das denkwürdige – und sich traditionell so gedankenverliebt gebende – Abendland hat seine Denker allezeit bestenfalls posthum gewürdigt (an Denkerinnen aber überhaupt nie gedacht). Und was zum Aristoteles gehen uns Mausklicker olle Griechen an? Viel mehr, als hier die Rede ist!

Mein „denk mal!“ gilt einer Pflanze, gesprossen und gestorben in Geslau (einem Kaff, wo ich grad wohne: Es könnte auch woanders sein. Das gilt für mich wie das Gestrüpp). Es war im Februar, und es lag Schnee. Der spielt eine entscheidende Rolle – nicht nur, weil er im Zuge des Klimawandels selten zu werden droht. Aber an ein paar Tagen im Februar war der Schnee in Geslau mächtig. Dort, wo kaum Verkehr herrscht, sieht es bereits nach einem Tag Schneefall aus wie im Mittelalter rund ums Märchenschloss, nur dass das Schloss fehlt. In Geslau kriegt man nichts mit von einer Erderwärmung. Geslau ist so global wie Beutelsend in Mittelerde, nur nicht so putzig: Die Welt jedenfalls gibt sich fern.

In diesem Februar an jenem Ort geschah etwas Stinkgewöhnliches: Ein Krokus durchbrach die Schneedecke. Er war nicht der einzige. Es waren schon wenige. Aber bunt genug, um aufzufallen. Schnee ist weiß, und wenn er die Landschaft bedeckt, beherrscht er sie: Er prägt das Bild. Zumindest in Orten und an Plätzen wie diesem: wo sich die meiste Zeit kaum etwas bewegt. Die Winternächte hier sind so schwarz und sternenvoll, dass man meint, Elektrizität sei Science Fiction. Da aus kaum einem Haus noch Licht dringt jenseits der Mitternacht, siehst du draußen die Hand nicht vor den Augen! An einem Tag nach solcher Winternacht – ich wartete gerade auf den Bus (eine launige Zeitungskolumne über den „Autokult in Deutschland“ in Erinnerung: „Wer auf dem Land auf den Bus wartet, ist Kind oder Kauz“…) – sah ich den Krokus.

Er hieß Deep Purple. In dunklem Purpur protzte er gegen das allgegenwärtige Weiß an. Gegen die Kälte. Die Kälte hat ja wohl mehr moderne Deutsche zum Auswandern gebracht als die politischen Verhältnisse (behaupte ich mal, ohne darüber nachgedacht zu haben). Er hatte Freunde, der pralle Krokus – neben seinen pflanzlichen Kollegen zum Beispiel mich.

Ich bin auch heute nicht das Kind, das ich nie war. Ich brach weder in Jubelschreie aus, noch hüpfte ich verzückt. Es ist nichtmal sonderlicher Aufmerksamkeit zu verdanken, dass mir Freund Krokus ins Auge fiel: Unterwegs bin ich meist in Gedanken, und übersehe schonmal Bekannte im Straßengewühl, die ich dann logischerweise auch zu grüßen versäume. Aber in Geslau habe ich keine Bekannte, kein Straßengewühl, und keine Ablenkungen: vorm Haus, an der taubstummen lebensleeren Busstation. Es war nur alles voller Schnee. Ein lila Krokus fällt da auf wie eine nackte Frau aufm Bildschirm.

Mir war kalt. Der Wind pfoff. (Als er pfiff, war es grammatikalisch korrekter, aber noch schneidender gewesen.) Der Krokus aber sagte: Es wird Frühling werden. Ich komme ihn künden, sagte Freund Krokus, und ich pfiff ihm zu Ehren „Smoke on the Water“, aber in der Singvøgel-Version Rauchende Köpfe, die nicht wie das Original einen Tonstudio-Brand besingt, sondern die Erfindung der Demokratie in der Steinzeit. Apropos, sagte ich. Du bist früh dran, Freund. Du wirst sterben. Ich überlebe dich.

Und so ist es gekommen. Als ich wiederkam, war der Krokus nicht mehr da. Auch der Schnee war geschmolzen. Aber kalt war es immer noch. Sogar nasskalt. Wer mag das? Ich kenne Menschen, die das mögen. Ich pflege Freundschaften mit manchen. Aber in Wahrheit hat es niemand gern kalt. Auch die, die den Sommer nicht begrüßen mögen, haben es dennoch ungern kalt.

Inzwischen ist es Frühling geworden, und alle halten es für eine Selbstverständlichkeit. Früher war es Brauch, den Winter „auszutreiben“: Karnevalsriten, die hier nicht Thema sein müssen, sind noch ein (wenngleich arg verdrehter) Abschmack davon. Beim heutigen Saufen und Büttenreden glaubt wohl niemand mehr daran, dass der Schnee deshalb schmilzt, weil wir etwas dafür mittun. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es Frühling wird: egal, an was wir glauben oder nicht. Im Zweifelsfall haben wir jetzt ja die Erderwärmung. Die haben wir sogar alleine erzeugt: ganz ohne Götter, ohne Absicht, ohne Geist. Schnee ist der von gestern: in Zukunft.

Ich will aber trotzdem die Winteraustreibung neu beleben. Ich halte es für notwendig. Ich rede nicht über Schnee: Auch für mich ist der von gestern -nicht erst seitdem. Ich habe ja auch nichts gegen Schnee. Ich leide unter Kälte. Die aber kommt nicht vom Schnee. Der ist nur ihr schönstes Kind: in der Natur. Die Kälte, die mir mehr zusetzt als die natürliche, erzeugt nichtmal weiße Einöde. Sie lässt nur schlottern. Ich meine nicht die Kälte außen, sondern die innen. Die, die uns jeden Frühling vergeigt.

Vielleicht waren die Altvorderen doch nicht ganz so doof, wie wir Mausklicker meinen. Vielleicht haben die gar nicht den Schnee gemeint. Vielleicht waren denen ein paar Analogien klarer. Vielleicht vertrieben die gar nicht nur „Wetter“: außen. Sondern irgendwas innendrin. Egal, was die Altvorderen brauchten: Ich spüre, was ich brauche. Hey Leute – es ist Mai – wo aber sind der Frohsinn, der Tanz und die Balz? Wo sind die Schmetterlinge? Nicht nur die im Bauch! Auch gerade – die im Kopf? Wo sind die Visionen, wo die Utopien, wo die verdammt nochmal geringsten Gegenentwürfe: zu allem, was grad nervt, dräut, droht? Trauen wir uns nicht mehr träumen? Trauen wir den Träumen nicht mehr Wirklichkeit zu? Wer soll sich vermählen, wenn nicht diese beiden: der Traum und die Wirklichkeit? Was dabei rauskommt, wenn man’s ihnen verwehrt, läuft in den Nachrichten, aber noch mehr auf den Straßen.

Der Krokus ist gestorben. Das ist Monate her. Ich habe mir nicht gemerkt, wo genau er stand. Wo er die Eisesdecke durchbrach: keck, trotzig, farbenfroh und – einzigartig. Es war ja nur ein stinknormaler Vorgang. Der Witz daran: Er hat Recht behalten. Er sagte: Frühling kommt. Und ich antwortete: Du bist früh dran. Wir beide hatten Recht. Er starb. Aber Frühling ist gekommen.

Denk mal. Freund Krokus kam, als alles noch winterlich war. Er kam als Vorbote einer Veränderung: einer gewaltigen. Sein Auftauchen sagte: Es wird nicht bleiben, wie es ist. Es ist Zeit für was anderes – nicht nur Kleinigkeiten, sondern fundamental. Freund Krokus war kein Held, sondern ein Anfänger. Einer der ersten. Er war ein Zeichen des Frühlings und dessen Aufkommen, als noch überhaupt nichts danach aussah oder gar roch. Aber er, jener kleine lila Krokus, zeigte bereits, was geht: Er stand in voller Pracht. Es schien ihm völlig scheißegal zu sein, wie lange er es machen würde. Es gab keinen schöneren nach ihm. Er lebte vor, was vorherrschend wurde: bald. Der Schnee, der allgewaltige? Er schmolz! Die Kälte? Sie verging. Als sie herrschte, spürten wir nicht, welche Macht die Sonne hat. Ohne die aber gäb es nichtmal den Schnee.

Lasst uns den Winter austreiben. Ich appelliere an diejenigen Menschen, deren Herz noch nicht ganz blaugefroren ist. Ich flüstere denjenigen zu, die Wind anders erleben möchten denn als schneidenden Schmerz. Ich komme das Eis küssen, bis es wieder weinen lernt. Lasst uns den Winter austreiben. Ich hauche die Träume an. Nicht ich spiele eine Rolle, sondern der Hauch. Die Wärme. Ich borge sie von Göttin Sonne. Wir leihen sie. Den Mut aber leihe ich mir von Freund Krokus, dem Vorreiter. Ich bin kein Kind – und dem Autokult in Deutschland zum Trotz kein Kauz. Ich träume nicht nur, sondern auch. Der Unterschied ist: Ich weiß jetzt, warum. Womöglich sogar, wie. Lasst uns den Winter austreiben. Den Frost in unseren Erfahrungen, der uns so eisig macht und steif und unbeweglich: ansonsten sie ja nützlich würden, gelle?

Alle, die jetzt nie davon geträumt haben, in tiefem Purpur in einer weißen Ebene zu erstrahlen wie die Götter selbst, sollen die Hand heben – und ihre Maus aus dem Fenster werfen. Alle, die noch nie einen Fernseher aus dem Hotelzimmer oder einen Computermonitor aus der Einraumenge geworfen haben, sollen jetzt zumindest davon träumen, das mal zu tun. Alle, die noch nie ihr Leben fundamental umgekrempelt haben, sollen das jetzt tun. Alle aber, die Angst davor haben, sollen meinen Freund Krokus sehen: Denk mal. Er war kein Held. Er tat, was er tun musste. Er wuchs durch die Eisesdecke, weil er nicht anders konnte. Er war ein Bote. Er sagte: Frühling wird kommen. Veränderung wird sein. Er behielt Recht. Es ist Frühling geworden.

Einen schönen Mai euch allen. Kommt heraus. Es ist Zeit. Für Veränderung. Nicht nur minimale. Es ist kalt da draußen. Wir werden alle sterben. Aber wir haben die Farben. Zeigt sie. Ihr seid die Vorboten der Wärme, des Frühlings, der Veränderung. Zeigt sie. Zeigt euch. Den Winter in der Landschaft beenden Krokusse. Den Winter in der Gesellschaft beenden Menschen. Die Kälte kann uns töten, wenn wir durchs Eis brechen. Aber das Eis wird schmelzen. Dem Frühling folgt eine Üppigkeit hinterdrein, die man Sommer nennt. Unvorstellbar, nicht wahr? Es begann mit einem Anfänger, dem es zu kalt war, und zu öd. Denk mal.

Übrigens kam er nicht zu früh, jener Krokus, sondern zur rechten Zeit. Es gab nichts sonst zu bewundern, an jenem Morgen, an der Haltestelle.

4 Reaktionen zu “Ein Denkmal…”

  1. Andrea

    Duke, Dich les‘ ich immer wieder gern 🙂

  2. WirrLicht

    hach ja 🙂

    *wintervertreib*

  3. Hunterlady

    Hach lieber Duke…

    Wie recht Du hast!
    Und -ich- habs getan, ganz bewußt im „Frühling“, ich hab einen Traum verwirklicht, alles umgekrempelt, „altes“ mit einem Lächeln hinter mir gelassen, zur rechten Zeit mein persönliches Eis schmelzen lassen, den Frühling mit dem Besten begrüßt mit dem man ihn nur begrüßen kann: Mit einem Sieg der Liebe!
    Und seit ich das tat kann auch nen Schneesturm draußen wüten (was ich übrigens schick finde…Stürme sowiso!), kalt wird mir nimmermehr!

    *knuddelz*

  4. Ulrike

    Lieber Duke,

    Danke für den Text, passt sehr gut zu meinen Gedanken und Gefühlen. Ich habe diesen Winter als sehr lang und hart empfunden.

    alle lieben Wünsche für Dich und Deine Liebste.

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