Eibensang

Ecken und Kanten

mp 22 ek
Kleine Kammermusik für Megafon und Ölfass
Solo 1983/84

So begann’s: Meine Band war „im Eimer“ – so erzählte ich später gerne. In Wahrheit war ich frustriert, dass meine Texte im Lärm von Gitarren und Schlagzeug usw. meist unhörbar blieben – so laut ich auch in die Mikrofone brüllte. Jou: Mit „Gesang“ im Sinne der Tontreue hatte ich’s nicht so. Es war eher Katharsis. Die aber – so schien mir – verhallte ebenso unverstanden wie die Strophen. Ich also die Textblätter irgendwann untern Arm geklemmt (weiß der Geier, warum das: auswendig konnt‘ ich sie eh…) – und in einem Nürnberger Café eine „Lesung“ anberaumt. „Rindvieh-Impressionen“ nannte ich die… Aber, hey: Ich war 24 Jahre alt – und „Lesungen“, bitteschön, waren – in meiner Assoziation – was für ältere Semester (diesseits wie jenseits der Bühnenkante. Im Grunde hab ich mich nie von dieser Zwangsvorstellung befreit. Was aber ab da meine eigenen zur Folge hatte! Und die hatten wiederum Folgen!)

So weit, so simpel. Ich wollte zuerst nur – dies aber unbedingt – dem möglichen Verdacht entgegenwirken, eine Art „Dichter“ zu sein. Denn das war eine Sorte Mensch, die ich damals verachtete: Heute weiß ich, warum ich das tat. Schließlich hat jeder Mensch Gefühle. Dieser Allerwelts-Umstand allein macht noch keinen Dichter! In jenen jungen Jahren aber kannte ich nur solche „Dichter“, die das eigene Bewegtsein von weißdergeier was B. Reiz für „Dichtung“ hielten. Ich tat schon recht daran, solchen Luschen eher zu misstrauen… rein künstlerisch.

Um also nicht wie ein „Dichter“ zu wirken (so verinnerlichte Typen mit leiser Stimme, Karo-Hemd, Pollunder und Jeans), zog ich mir selbst zerfetzte Textilien an (grell bunte!), behängte dieselben mit einer Anzahl abgenagter Hühnerknochen, setzte eine grimmige „Ich-will-dich-eh-nicht-ficken“-Miene auf (die freilich gelogen war) und stellte mich hinter ein Ölfass. Dasselbe beharkte ich so rhythmisch wie es ging mit einem Stück Plastikschlauch (ich war ein Fan der „Einstürzenden Neubauten“, und hatte keine Scheu, das hören zu lassen).

In der andern Hand hielt ich ein Megafon. Und brüllte: „Aufhören! Hört auf zu tanzen! Hier kommt Lyrik!“ – oder sowas in der Art. Ich stand auf der Tanzfläche einer Disco – mit lediglicher Legitimation des einen oder andern alkoholvernebelten Veranstalters, der es für einen guten Einfall hielt, einen Freak wie mich für etwas zu engagieren, was man damals zwar noch nicht „Event“, geschweige denn „Performance“ titulierte – aber irgendwo in New York vermutete. Ich machte das in Nürnberg und Umgebung, und so fühlten wir uns alle – ich, Publikum und Veranstalter – ein bisschen wie abgebrühte New Yorker, obwohl wir nur ganz typisch unnormale Deppen waren in als zu typisch empfundener deutscher Provinz.

Was aber wäre mensch ohne Freunde? Ich fand einen – denn mein Bandkollege Peter Hanelt erbarmte sich meiner und sagte: „Du – deine Texte: supie. Aber mit der Musikbegleitung – da sollten wir vielleicht was machen…“

Was wir machten, waren Aufnahmen. Peter schmiss sein teures Tonband an, und wir fertigten eine Reihe von Instrumentalbegleitungen für meine Live-Gesänge. Ich war Peter unendlich dankbar dafür. Er betreute „Ecken & Kanten“, und mit dem Nachfolger schweigend & schwitzend wurde ich der „stärkste Sturm im Wasserglas“ (wie ich mich in meinem biografischen Song Wo die Götter tanzen lächelnd erinnere).

So entstand „Ecken und Kanten“.

Ja: Es erschien eine gleichnamige Lyrik-Broschüre mit diesen „Rhythmus-Reimen und Beton-Polemiken“, wie ich meine Texte damals nannte. Rick Roth, der Herausgeber, hortet bis heute die verbliebenen 23 Exemplare – in der Hoffnung, sie werden eines Tages „viel wert“ sein. Falls nicht, wird er sich doch von seiner Lehrer-Rente ernähren müssen…

Ich habe kein Exemplar der Broschüre mehr in meinem Archiv. Ich machte das ja nicht fürs Papier. Papier war für mich so uninteressant wie eine Aufklärungsbroschüre im Vergleich zu einem leibhaftigen Rendezvous. Meine Dates – das war die Konfrontation mit lebenden Menschen, so genanntem Publikum.
Meine Punk-Zeit war nicht lang her damals. Wir hatten – mit der Punk-Gang 1981 – tatsächlich „Überfälle“ veranstaltet: Kollegen (freundlich, aber bestimmt) von der Bühne vertrieben, ihnen (für den Moment) die Instrumente weggenommen und die Anarchie verkündet. Uns kabarettreife Wortgefechte mit dem Publikum geliefert. Großartige Spontanaktionen:

„Geht heim! Wir spielen nicht – und für euch schon gar nicht!“

Gespielt haben wir dann doch. Aber immer mit diesem Unterton: nicht für irgendwen oder -was. Sondern nur – gegen jeden Strich. Unser Drummer fiel immer vom Hocker vor Lachen. Zwischendurch Pogo. Und ständig spontane Verarschungen:

„Was wollt ihr hören? Den Breschnew?“

(Das war unser „Hit“…) Ja – so das Publikum.

„Spielt doch den Breschnew!“

Doch mein Punk-Kumpel sah den Zwischenrufer nur an. Und sagte:

„So? Den Breschnew?“

Pause. Atemlose Spannung.

„Wie lang isser denn – dein Breschnew?“

Pause. Gelächter.

Das war mein Erfahrungs-Hintergrund. Nein, ich war kein „Dichter“. Ich brüllte Verse durchs Megafon: Texte gegen alles und jeden.

„Du fickst doch auch nur!“ schrie mir einer entgegen, den ich mit meinen selbstkritischen (vielleicht etwas bösartig ausgefallenen) Mannstiraden wohl genervt – oder getroffen – hatte.

„Halt’s Maul – ich hab noch nicht fertig gereimt!“ hielt ich dagegen.

„Poetry Slam“ war noch nicht erfunden. Ich fühlte mich nicht als „Künstler“. Ich hatte eher den Eindruck, von „launischen Lesben“ (keine Band, sondern ein Szene-Milieu, das ich so nannte) ausgebildet worden zu sein: im „Straßenstudium“ des Feminismus und so einiger weiterer Erkenntnisse…

Ecken und Kanten:

„Aber das wird doch wohl nicht so laut, dass sich die Leute nimmer unterhalten können?“ argwöhnte ein Wirt in der fränkischen Pampa – angesichts von Ölfass und Megafon.
Der hatte wohl einen volkstümlichen Akkordeonspieler erwartet? Die Leute unterhielten sich freilich nicht mehr: Ich unterhielt sie. Mit Ecken und Kanten:

„Kein Jazz, kein Blues, kein Rock’n’Roll, kein Soul – sondern Musik mit Ecken und Kanten! Ramm! Romm! Ruck-zuck Roboter! Ratter knatter klapper zackig quer übern Schotter!“

Es ließ mich nicht mehr los: dass Menschen dazu applaudierten. Ich sprach doch nur!

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